
Rezension des Buches „Wenn Glaube krank macht“
Interessant und naheliegend ist für mich natürlich diese Buchlektüre und ihre Einordnung, da ich ein Buch gleichen Titels 2015 bei BoD, verfasste (s.u.). Der Untertitel der Autorin lautet: „Geistlicher Missbrauch in Gottes Kirchen“, was bedeutet, dass sie an die Existenz eines Kirchen-Gottes glaubt. Im Klappentext wir darauf hingewiesen, dass „dieses heikle Thema kaum angesprochen“ wird. Kirchenkritik gilt heute leider bereits als Gottkritik.
Die Autorin weist in der Einleitung auf die Grundlagen des geistlichen Missbrauchs hin: Ein durch „Irrgauben geprägtes Machtsystem“, „missbräuchliches Leiterverhalten“ und „Vermittlung eines falschen Gottesbildes“ würden über „Täter“ tiefe Nöte bewirken, ja nach Ronald M. Enroth sogar zu Katastrophen führen. Die Machtansprüche von Geistlichen und Leitern werden ausführlich und sachlich besprochen,
so z. B. das Tabu in Gemeinden, einem Predigttext zu widersprechen oder Bedrohungen gegenüber „ungefestigten Persönlichkeiten“ auszusprechen, wie „aus der Gnade Gottes“ zu fallen oder „verdammt“ zu sein (Seite 69). Das Bedürfnis eines Kindes nach „Sicherheit, Geborgenheit und Nähe“ sei nach John Bowlby grundlegend. Kirkpatrick wird zitiert: Gott sei absolut zuverlässig und könne einem Kind eine „ideale Bindungsfigur werden“. Ich bezweifele das. Schultz schreibt, Gott sei die Liebe, „wie es die Bibel berichtet“. Sie meint, es sei in richtiger Interpretation der „Wahrheit Gottes nach biblischem Verständnis“ falsch, ihn „strafend“ oder „pedantisch“ zu predigen. Die Hölle kommt im gesamten Text nicht vor. Sie ist aber unerschüttertes Dogma beider deutscher Amtskirchen.
So richtig und wertvoll die von der Autorin angestrebte Korrektur von Fehlverhalten in Gemeinden ist, so wird doch deutlich, dass hier von der Annahme ausgegangen wird, die Bibel entspreche einer Wahrheit Gottes und sei nicht ein politisches Werk früherer „Leiter“ von Gemeinden. Auch schreibt hier eine erwachsene Gläubige, die ihre eigenen negativen Eindrücke während ihrer Kindheit über den Gott der Bibel komplett verdrängt hat. Unser uns im Unbewussten regierender Glaube ist nach Ratzinger meist unser erster Kindheitsglaube.
Diese Verdrängung ist symptomatisch für heutige Kirchgänger und überhaupt die postmoderne, und damit nicht mehr moderne Gesellschaft. Kein Kind findet „Sicherheit, Geborgenheit und Nähe“ in einem Gott, der mit der Sintflut den ersten Holocaust an Juden beging. Kein Kind versteht die Rache dieses Gottes, die Städte Sodom und Gomorra mit einer Feuerwalze auch für Kinder und Tiere zu belegen. Jedes Kind findet einen Gott pedantisch und ungerecht, der beim Stehlen eines Apfels (!) Amok läuft und allen Frauen „nach Eva“ schwere Geburtsschmerzen auferlegt. Kein Kind versteht die Herzlosigkeit „Gottes“, auf der grausamen Opferung seines Kindes Jesus zu bestehen, statt Sünden einfach anders zu vergeben. Jedes Kind entwickelt Panik vor einer Hölle, in der Sünder nach einem Jüngsten Gericht auf ewig zu Feuerstrafen (siehe Bergpredigt) verdammt seien. Jedes Kind muss auf göttliche Vergebung dieses Ungottes hoffen, dessen Spezialgebiet rabiater und dauernder Liebesentzug bei vermeintlichem Fehlverhalten ist. Schlimmer als Hitler sei dieser Gott mit seinen Feuerstrafen. Das droht unseren Kindern der renommierte Kirchen-Autor Hans-Werner Deppe im Buch „Wie wird es in der Hölle sein?“, betanien.
Fazit: Nicht solitär die Strukturen heutiger Gemeinden produzieren kirchenbedingte Erkrankungen. Diese Strukturen fußen auf einem sehr unheiligen Buch, das jedes mit ihm konfrontierte Kind in große Angst versetzt und damit krank macht. Die Autorin hat mit zahllosen anderen einen persönlichen Weg gefunden, innerhalb des Christentums „gesund“ zu werden: Sie verdrängt das sich auf die Bibel gründende Gottesbild ihrer Religion. Man hat den Eindruck, sie habe das Buch nicht gelesen.
Die Autorin wendet sich abschließend der Therapie von Glaubenserkrankungen zu, wobei auch die „Täter“ sehr richtig als oftmals selbst krank und selbst Opfer beschrieben werden. Zu einer grundlegenden Religionskritik gelangt die Autorin nicht. Gott sei, und das würde aus der Bibel hervorgehen, die Liebe.
Der Weg zur Heilung der Insassen unserer Psychiatrien ist noch weit. Er setzt die Etablierung eines neuen Gottesbildes voraus, das auch in unserem Unbewussten eine bedingungslose Liebe ist, eine Liebe, die nur im Menschen und nicht irgendwo außerhalb zu suchen und zu finden sein wird.
Wenn Glaube krank macht, Diplomica-Verlag, Hamburg 2016, Autorin Diana Schultz, 96 Seiten, ca. 30 €
Gleichnamig: Wenn Glaube krank macht: Das Sacco Syndrom, BoD 2015, Autor Frank Sacco