Jung war bislang einer der besten Psychiater - und der beste Analytiker.

 Jungs Ausführungen über die „Archetypen“ sind ebenso schwer verständlich wie Freuds Ansichten über die Sexualität. Die Archetypen seien bei Geburt leere Gefäße, in die Erkenntnisse und Glaubensinhalte verlagert sind. Sie sind dann unbewusst, wenn sie Inhalte aufweisen, die im  Bewusstsein stören würden. Unsere beiden Großkirchen sind für das Füllen einiger dieser Gefäße verantwortlich: Archetyp Gottangst, Archetyp Verbot Gottkritik. Dr. med. Carl Gustav Jung lebte von 1875 bis 1961. Er erlebte somit Freud, zwei Weltkriege und die „moderne Psychiatrie“. Jung ist einer der Väter der Lehre über das Unbewusste. Aufgrund seines eigenen Archetypus war Jung der Mystik und Alchemie gegenüber sehr aufgeschlossen: Sein Großvater Samuel war Pastor und wähnte sich ständig von Geistern umgeben, besonders, wenn er Predigten schrieb. Jungs Mutter musste sich bei solchen Anlässen hinter ihn setzen, um „diese Geister“ abzuwehren. Das Seelenleben von uns allen ist insgesamt also recht bunt und spannend und seine Innereien werden uns vorwiegend von unseren Eltern und Geistlichen implantiert.

Jungs Kindheit war grausam. Mit Jenseitsangst erzogen, entwickelte er als bereits Kind ein Sacco-Syndrom.

Sein Vater und zwei dessen Brüder waren Pfarrer. In der Familie der Mutter waren gleich sechs Pfarrer. Jahrelang musste er als Kind ein und dasselbe Nachtgebet sprechen, in dem das Kind Jesus bitten musste: „Will Satan es verschlingen, so lass die Englein singen“. Daraus entwickelte sich sein Seelenschaden. „Ich fing an, dem... Jesus zu misstrauen“. Beim Anblick eines Jesuiten bekam Jung einen „Höllenschrecken“. Jahrelang konnte er „keine katholische Kirche mehr betreten“. Jung: „Ich hatte erfahren, dass ich Gott ausgeliefert bin, und dass es auf nichts anderes ankommt, als Seinen Willen zu erfüllen.“ In Jung erwachte die Ahnung, „dass Gott etwas Furchtbares sein könnte. Es war ein furchtbares Geheimnis, dass ich erlebt hatte und es bedeutete für mich eine angstvolle und dunkle Angelegenheit. Sie überschattete mein Leben....“ Er empfand Minderwertigkeit: „Ich bin ein Teufel oder ein Schwein, dachte ich, irgendetwas Verworfenes.“ Auch Jung war ja offiziell Schuld an der Kreuzigung Jesu gegeben worden. „Die Kirche wurde mir allmählich zur Qual, denn dort wurde laut – ich möchte fast sagen: schamlos – von Gott gepredigt, was Er beabsichtigt, was Er tut.“

Kritikwürdiges Pfarrblatt. Aufforderung an Kinder, Jesu Leid nachzuleben.

Jung "wusste" als Kind, dass „Gnade nur dem zuteil wird, der den Willen Gottes unbedingt erfüllt.“ Die Sünde bestraft er „sogar mit ewiger Verdammnis in der Feuerhölle“, so Jung. Sein erstes Abendmahl empfand er als ein furchtbares Ereignis. Das war für Jung „keine Religion“. Kirche war für ihn danach „kein Leben, sondern Tod.“. „Gott ist nicht menschlich, dachte ich“. Schopenhauer war für Jung ein großer Trost, denn er war durch seine chronischen Ängste depressiv geworden. Als Jungs Vater starb, sagte ihm die Mutter: Vater „ist... für Dich gestorben.“ Das traf Jung „furchtbar“, ebenso furchtbar, wie wenn man Kindern sagt, Jesus sei für sie gestorben. Jungs Geschichte ist ein Paradebeispiel, wie man Kinder klein, angsterfüllt, depressiv  und sterbenskrank manchen kann.

Jung ist also der Beschreiber der sog. Archetypen. Sie sollen vererbte „Gefäße“ der Psyche sein, die individuell mit erlebnisbedingten Bildern und Erfahrungen gefüllt werden. Er nennt z.B. den Archetyp der „religiösen Vorstellung“. Später drückt sich Jung anders aus: Archetypen seien nur „Möglichkeiten von Vorstellungen“, in diesem Fall also die Möglichkeit, sich Gott oder eine Hölle vorzustellen. 

Der Archetyp der religiösen Vorstellungen (Archetyp Gott der Hölle, Archetyp Verbot Gottkritik) sei untrügerisch bei jedem Menschen vorhanden. Kirchliche Dogmen füllten dieses „Gefäß“ im Verlauf des Lebens „durch Andacht, Auto- und Heterosuggestion“. „Höchst suggestiv“ seien religiöse Bilder für unsere Kleinen ( siehe Bild oben). Auch Jung wusste schon, Gottesdienst ist Hypnose. Schutzlos sei gerade der protestantische Mensch in seiner Religion.

Jung blieb später erstaunlich brav, was Kirche betrifft. Zu groß wird seine Angst vor dem „verschlingenden“ Satan gewesen sein, über den er als Kind  hatte beten müssen. Religionsthemen seien „Nebensache“ und würden ihn angeblich „tödlich“ langweilen (also doch immerhin tödlich). Die Kirche sieht er trotz seinen Kindheiterfahrungen als „ehrwürdige“ Institution, ihre Riten und Symbole als hilfreich, seinen „neutestamentlichen“ Gott als nur gut und als „liebenden Vater“. Dessen böser Widerpart sei der Teufel. Nun, Jung wird das Neue Testament nicht wirklich gelesen haben. Er übersieht, dass dieser „gute“ neu-testamentarische Gott lt. Bibel am Tage des „Jüngsten Gerichtes“ den Großteil der Menscheit bestrafen wird. Nur etwa jeder Dreißigste schaffe es in den Himmel, "wusste" der unfehlbare Neutestamentarier Papst Alexander.

Kirchenkritik lässt Jungs Unbewusstes nicht in dem notwendigen Ausmaß zu. Schon Friedrich der Große sah in der Bibel  ein "orientalisches Märchenbuch".  Märchen sind Unwahrheiten.  Bischöfin Käßmann sieht in der Bibel dort ein gotteslästerliches Werk, wo die Schreiber Gewalttaten  "religiös deklinieren", d. h. massive Gewalt so hin- und verbiegen, dass sie irgendwo ethisch-moralisch verständlich wird und in Ordnung geht.  Dekliniert wird leider an etlichen Stellen: Sodom, 10 Plagen, Apokalypse, Fegefeuer, Hölle.  Doch ist Gotteslästerung wirklich ein Dienst am Gott?  Das Bild liegt für unsere Kleinen in der Kinderbibel (!) "Illustrierte Bibel für Kinder" des Weltbild-Verlages vor. Ich habe den Verlag angezeigt. 

Es ist eine grundlegende Reform notwendig: Ein Gott nicht außerhalb, sondern innerhalb unseres Selbst. Ich schrieb ein Gedicht über das Thema. Jung: Gott wohne „einzig in der Seele des Menschen“. Schön und schlicht hat er das gesagt.  Besser und moderner kann man das als Arzt kaum ausdrücken. 

Über den Wolken

Doktor, als Kind wars schön, dies stille Gebet in der Nacht, wo Hans so krank war, wo ers so schwer mit dem Magen hatte damals, dies Gebet, er möge helfen, s war Hilfe für mich in der Not - und es wär auch Hilfe für mein Kind , s wär schad, wenns nicht son Gott hätte, was meinen Sie, Doktor.

Ja, ist schön fürn Kind, immer jemand zu haben - auch wenns alleine ist, immer jemand haben zum Danken und Bitten, s Kind sollte nur wissen, dass er nicht immer helfen kann, auch wenn ers möchte nicht immer kann, unds Kind sollte auch wissen, dass Gott die Liebe ist, stark und manchmal schwach, wie die Liebe nun mal ist, und dass sie in jedem Menschen ist, mal mehr, mal weniger, und dasses Kind immer einen Menschen bitten kann in der Not und weiß, es ist dann auch immer Gott, den man da bittet, die Liebe im Menschen, Gott im Menschen, und das kann ja auchn Trost sein, und vielleicht ist die Hilfe dann auch greifbarer, die Gotteshilfe, wenn sie vom Menschen her kommt, greifbarer als eine Hilfe von einem zwar nahen, aber doch so fernen Gott, einem Gott in den Wolken, über den Wolken.

 

Was für Freud die "rettenden" Ohnmacht waren, war für Jung die Beschäftigung mit der Alchemie. Darin und damit fühlte er sich sicher, so sicher wie Jacob Böhme, dem auch diese Wissenschaft „zu Hilfe“ kam.  Das schrieb Jung im Buch „Archetypen“, dtv. Auch half Jung eine Vorstelllung, was nach dem Tode kommt: „...unerwarteter Weise eine grenzenlose Weite voll unerhörter Unbestimmtheit,... kein Gutes und kein Böses“. Auch hilft ihm die Beschäftigung mit Hunderten Religionen, von denen ja maximal nur eine richtig, d.h. der Wahrheit entsprechen kann. Dass unsere orthodox christliche Glaubensart gerade diese richtige ist, ist nicht zu erwarten, gibt es doch über 4 Millionen Götter. Ja, diese Glaubensart ist nicht einmal Religion.  Der Kirchenkritiker Schopenhauer nennt sie eine Dysreligion. 

Und doch litt Jung auch als Erwachsener noch unter dem  Sacco-Syndrom. In seiner Kritik am eigenen Kindheitsgott, war er weit gegangen. Monatelang war er schwer krank mit Träumen, Visionen und Halluzinationen. Im Vordergrund standen wohl religiöse Ängste. Harry Mulisch beschreibt in „Das sexuelle Bollwerk“ diese Ängste und „apokalyptische Visionen“ Jungs. Jung dazu: Nur aufgrund seiner ausgesprochenen  psychischen Stärke habe er das alles überstanden.

Über die Psychogenese der Schizophrenie

Jungs längst in Vergessenheit geratener Verdienst ist es, die Genese der Schizophrenie eben nicht als genetisch bedingt abzutun, sondern als schlichte Neurose, also als einen entwicklungsbedingten Prozess einer Angstkrankheit. Jung schrieb darüber seine Doktorarbeit (Über die Psychogenese der Geisteskrankheiten, Rascher Verlag, zu beziehen über Internet) und widerlegt damit alle, die die Genhypothese in den Vordergrund rücken wollen. Genhypothesen werden an eineiigen Zwillingen untersucht, die man sogleich nach der Geburt getrennt hat. An ihnen kann man Umwelteinflüsse feststellen, wenn auch mit Mühe. Es wurde aber dargelegt, dass schon intrauterin ein Kind erheblich seelisch beeinflusst wird. Das macht alle Genhypothesen zu ausgesprochen zweifelhaften Manövern, weil man keine auch nur irgendwie verwertbaren Zugriffsdaten hat. Es gibt kaum Zwillinge, die von verschiedenen Müttern ausgetragen werden. Sind Genhypothesen  Rückzugsmanöver sprechunfähig gemachter Psychiater, die ihnen erlauben, Neuroleptika statt klärender Gespräche einzusetzen? Der Eindruck kommt auf. Man fand bisher kein Schizophrenie-Gen. Man fand lediglich Gene, die eine gewisse Vulnerabilität für den Ausbruch und den Verlauf der Erkrankung liefern können.

Schizophrene haben als primär neurotische Menschen eine Geschichte. Das lehrte schon Jung. Es sei  eine Geschichte, „die nicht erzählt wird, und um die in der Regel niemand weiß. Für mich beginnt die eigentliche Therapie erst nach der Erforschung dieser persönlichen Geschichte. Sie ist das Geheimnis des Patienten, an dem er zerbrochen ist.“ In Jung finde ich die Bestätigung meiner Entstehungstheorie der Schizophrenie und des Autismus. Diagnosen sind nur von sehr zweifelhaftem Wert und beschreiben nur Symptome. Im Deutschen Ärzteblatt vom März 2011 steht in einem Artikel über Zwangskrankheiten bei Kindern, diese hätten bis zu 100% Zweiterkrankungen, so Depression oder ADS. Hier wird negiert, dass psychische Diagnosen nur Symptomatiken meist von Angsterkrankungen darstellen. Es handelt sich somit um Zweit-Symtomatiken. Beispiele für Schizophrenien gibt uns Jung im Buch „Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung“, Walter. Die kommen jertzt:

Beispiel 1: Eine schizophrene Frau führte ständig rätselhafte Bewegungen durch, wie früher die Schuster beim Nähen. Jung fragte einen Bruder der Erkrankten, warum seine Schwester schizophren geworden sei. Sie hatte einen Schuhmacher geliebt, der sie aber nicht heiratete. Das brachte Gefühle uns jetzt unbekannter aber stärkster Qualität mit sich. Man kann sich hier sogar als „Sünde“ Mordphantasien denken oder tiefste Traurigkeit. Die Bewegungen zeigten die Identität der Frau mit dem Geliebten. Heute, im Jahr 2011, hätte man die Patientin, anstatt sie zu heilen, mit stärksten Neuroleptika behandelt.

Beispiel 2: Eine paranoide Frau hörte „Gottes Stimme“ in der Mitte des Brustkorbes. Jung las ihr auf Verlangen lange Zeit  als Oberarzt der Züricher Uniklinik Burghölzli aus der Bibel vor. Er musste das meist heimlich unternehmen, um nicht selbst als verrückt zu gelten. Die Frau war danach weitgehend wiederhergestellt. Sie hatte in Jung einen Therapeuten, der ihr die Bibel menschlich erklärte bzw. umdeutete.

Wie sich die Verhältnisse aber gleichen! Ein Psychiater untersagte mir doch tatsächlich, mich mit meinen Patienten korrigierend über Religion und Kirche zu unterhalten. Das sei „Missionieren“ und unärztlich. Er vergaß dabei, dass Arzt ein freier Beruf ist. Er selbst könne keine Gespräche über Religion führen. Dafür seien zu viele Geistliche in seiner Familie gewesen. Ich sollte also seine Neurose bzw. die der Psychiatrie in meine Praxis übernehmen. Wie dankbar bin ich Jung posthum, dass er sich von seinen neurotischen Kollegen nicht abschrecken lies und sie widerlegte.

Beispiel 3: Ein jüdisches Mädchen litt noch nicht unter einer Schizophrenie aber unter einer schweren Neurose. Die Exploration ergab, dass der Vater sich vom Judentum abgewandt hatte. Jung erklärte ihr: „Ihr Vater ist dem jüdischen Glauben abtrünnig geworden. Er hat das Geheimnis verraten und hat Gott vergessen. Und Sie haben ihre Neurose, weil Sie an der Furcht Gottes leiden!“ Das schlug „in sie ein wie ein Blitz“. Und: „Von Neurose keine Spur mehr“. So minutenschnell geht also gute Psychotherapie, wenn sie gut gemacht ist, wenn Erkenntnis plötzlich in einem Flush durchbricht. Jung war im Prinzip hier ein EA-Therapeut. So schnell spart man folgendes ein: Medikamente, Arbeitsunfähigkeitszeiten, Klinikaufenthalte, Renten, Patienten- und Psychiaterleid. Sparen kann man aber in der Psychiatrie nur, wenn man das Thema Religion nicht wie unsere heutigen Therapeuten aus zwangsneurotischer Ängstlichkeit heraus ausklammern muss. Gottesfurcht den Hirnen ihrer Patienten zu nehmen, das muss die Psychiatrie jetzt lernen.

Beispiel 4: Ein Theologe hatte eine starke Angstsymptomatik. Jung findet heraus, dass Höllenangst hinter allem steht. Die Träume des Patienten hatten ihn zu dieser Erkenntnis gebracht.

Beispiel 5:  Jung demonstriert uns zu dem Thema eine schizophrene Patientin, die sich alle Zähne ziehen lies. Es sollte ein Gebiss angefertigt werden. Nach der OP fühlte sie sich „für ewig verdammt und verloren. Sie habe mit der Zahnzieherei eine große Sünde begangen. Man solle für sie beten. In diesem Fall ergab in der Vorgeschichte als Auslöser der Erkrankung, ihr „illegitimes“ uneheliches Kind. Es war nach Kirchendoktrin in „Sünde“ empfangen und geboren worden. Jung: „Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, also jenseits 35, ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre.“ Und: "Es unterliegt heutzutage kaum mehr einem Zweifel, dass die Schizophrenie... wesentlich dieselben Mechanismen besitzt, wie jede andere Psychoneurose." Ihre Betrachtung und Therapie müsse psychoanalytisch sein. Gerhard Wehr dazu im Buch „Carl Gustav Jung“, Diogenes: „Als Arzt nimmt Jung daher die von einem Patienten berührten religiösen Probleme als das eigentliche Problem ihrer Situation ernst.“

Die Mühe werde reichlich belohnt, so Jung, wenn man der „psychologischen Erforschung“ der Schizophrenien „große Aufmerksamkeit“ schenke. Heute „schenken“ Psychiater der Pharmaindustrie ein Rezept. Eine einzige Tablette, Aripiprazol zu 5 mg kostet ca. 10 €. Und sie hilft nicht einmal in jedem Fall! Oft sind mehrere Tabletten am Tag einzuinehmen. Jung ist  entsetzt vom sog. Christentum: Jung: „Ich wünsche nur, dass die Christen heutzutage einmal einsehen, dass das, was sie vertreten, überhaupt kein Christentum ist, sondern eine himmeltraurige Gesetzesreligion...“ Eines der Traumen Jungs war, dass er als Kind seinen eigenen Vater „am Problem des Glaubens zerbrechen und... sterben sah“. Nach Jung kommt keine Art von Psychotherapie um die Wichtigkeit von Religion herum. 

Beispiel 6: Jung berichtet in „Psychogenese der Geisteskrankheiten“ über Freud. Der analysierte eine schizophrene Patientin, der man heute als Psychiater wohl schon gleich beim ersten Kontakt ein hartes Neuroleptikum und eine Einweisung verabreichen würde. Die 30-jährige Frau fühlte sich beobachtet. Ihre Umgebung habe sich verändert. Sie musste in die Anstalt. Sie fühlte sich beim Auskleiden beobachtet. Sie hatte Visionen von Genitalien und halluzinierte. Gefühle in ihrem Unterleib seien durch unanständige Gedanken eines Stubenmädchens verursacht. Die Anamneseerhebung oder auch das freie Assoziieren ergab, dass sie mit 6 Jahren ein Kinderverhältnis mit ihrem Bruder hatte, „in dem sie Mann und Frau gespielt hatten“, so Freud. Die Kinder hatten sich vor dem Schlafengehen einander regelmäßig nackt gezeigt, ohne sich zu schämen. „Sie holte jetzt das Schämen nach, was sie als Kind versäumt hatte“, so Freud.  Ich sehe es anders. Das Gefühl hier ist nicht Scham sondern Strafangst. Dass Kinderliebe nicht unschuldig sei, wurde der Patientin irgendwann beigebracht. Meist geschieht dies verbal oder averbal von den Eltern, denen die Kirche lehrte, Onanie bzw. jede Art kindlicher Sexualität sei Sünde. Sie gilt, besonders in der Form des Inzestes. Spätestens geschieht es aber durch eine Kirche. Das hören die Kinder im Beichtstuhl, dem Machtzentrum der katholischen Kirche. Beichten hatte die Patientin nicht können, denn die Bagatelle der kindlichen Geschwisterliebe hatte sie komplett verdrängt. Unsere auf der einen Seite so intensiv pädophil - aktive, auf der andern Seite so besserwisserisch prüde Drohkirche schreckt solche Kinder mit ihrer Erfindung eines strafenden Gottes. Diese  Kirchendoktrin trieb die Frau hier in die Schizophrenie. „Geflügelte Dämonen“ halluzinierte die arme Patientin.

Mit Inzest muss unsere Gesellschaft in Zukunft vernunftorientierter umgehen, was ihr bei der Homosexualität ja in Ansätzen schon gelingt. Inzest war bei den Pharaonen über Jahrhunderte gar ein religiöses Gebot. Pharaonen wurden neurotisch krank, wenn sie sich anderswo als familiär umschauten. Unsere die Sexualität teilweise unter erhebliche Strafe stellende Religion ist mit die eigentliche Ursache der sexuellen Neurose. Jung schreibt, Inzestphantasien bzw. -erinnerungen würden massiv verdrängt, er vermute aber „hochemotionale Inhalte“ in diesem Zusammenhang, die mit „noch größerem Widerstand“ verdrängt sind. Er sieht sich „in einiger Verlegenheit“, diesen Inhalt zu erkennen. Nun, es ist schlicht die Angst vor einer kirchlich eingeredeten Höllenstrafe für den unternommenen (oder phantasierten) Inzest.

Nachlesen über solche überflüssigen Schuldgedanken im Rahmen einer Geschwisterliebe kann man bei Theodor Storm im Gedicht „Schlimmes Lieben“. Da heißt es: „Er zieht mich in die Hölle! ... Unselig muss ich werden... beide wir verderben.“ Freud sagt daraufhin zu dieser Schizophrenie und anderen Psychosen, sie seien vielfach „Abwehrneuropsychosen“ und er gibt damit Drewermann, Nietzsche, Jung Recht. Es liegt hier eine kirchenbedingte, eine ecclesiogene Psychose vor und damit eine neurotische Angelegenheit, eine „Neuropsychose“. Über die Kirchen war Freud in jungen Jahren sehr ungehalten. Religion sei Wahn.

Jung fordert wie auch ich, dass angehende Psychiater in der Lehranalyse ihre Seele genauestens kennen lernen müssen. Wenn dabei die Religion phobisch dort ausgeklammert wird, wie es heute der Fall ist, wird der Arzt „später teuer dafür bezahlen müssen.“, so Jung. Der Psychiater kann dann seinen Patienten nicht helfen und bezahlt dann sogar unter Umständen teuer mit seinem eignen Suizid. „Wenn Sie nicht richtig sind, wie kann dann der Patient richtig werden?“, fragt Jung einen Kollegen.  Er stellt  die Kirchengenese psychischer Erkrankung in den Vordergrund.

Karl Gustav Jung. Eine Psychoanalyse