• Sigmund Freud, eine Psychoanalyse                    von Frank Sacco

 

Die religiöse Neurose Sigmund Freuds: Der verdrängte "Gottesmord" und die Folgen für die moderne Psychiatrie

 

Einen bemerkenswerten Einblick in die Frühphase der Psychoanalyse bieten die Diskurse zwischen C. G. Jung und Sigmund Freud. Jung und viele andere Zeitgenossen taten sich schwer mit der absoluten Wertigkeit, die Freud der Sexualität als Ursprung von Neurosen einräumte. Freud selbst deklarierte die Sexualtheorie gegenüber Jung als das „Allerwesentlichste“: Man müsse daraus „ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk gegen die schwarze Schlammflut des Okkultismus“. Jung interpretierte dies retrospektiv so, dass Freud ihn für eine gemeinsame Verteidigungslinie gegen bedrohliche unbewusste – primär religiöse und philosophische – Inhalte anwerben wollte. Aus tiefenpsychologischer Sicht lässt sich dieses Dogma als Schutzwall gegen eine dahinterliegende Angst begreifen.

Freud neigte dazu, Krankheitsbilder sexuell zu deuten, und mied den Schritt, sie im religiösen Kontext zu verorten. Jung wertete dieses Vorgehen als „Flucht“. Analytisch betrachtet liegt hier eine klassische Verschiebung vor: Es ist angstfreier und unverfänglicher, der Sexualität die Schuld an neurotischen Entwicklungen zu geben, als sich mit der eigenen Religion oder gar dem eigenen Gottesbild zu konfrontieren.

Auffällig in diesem Zusammenhang ist Freuds Verhältnis zu Friedrich Nietzsche. Laut Jung hatte Freud Nietzsche nie gelesen – vermutlich, weil der Denker ihm intellektuell und psychologisch zu nahegestanden hätte. Nietzsche hatte mit dem Postulat „Gott ist tot“ seinen Kindheitsgott dekonstruiert. Freud tat mit seinem Theorem „Religion ist eine universelle Zwangsneurose“ (bzw. „Religion ist Wahn“) im Grunde dasselbe: Er schaffte den strafenden Gott ab. Hier bewies er zunächst großen intellektuellen Mut und ging bis an seine Grenzen. Doch es stellt sich die Frage: Erklären sich aus der hieraus resultierenden, unbewussten „Gottangst“ Freuds zahlreiche, historisch verbriefte Ohnmachten?

Die Ohnmachten als Symptom eines unbewussten Konflikts

Die spektakulärste fand statt während des Psychoanalytischen Kongresses in München 1912 im Hotel Bayrischer Hof.. Der Vortragende war Karl Abraham. Jung erklärte dann, Pharaonensöhne hätten regelmäßig ihre Väter, also Götter entmachtet bzw. getötet, um sich dann selbst zu einem Gott zu erheben. Aber sie hätten dabei keine neue Religion inauguriert. „In diesem Augenblick ist Freud ohnmächtig vom Stuhl gesunken“, so Jung. Was war geschehen? Auch Freud hatte einen Gott, Jahwe, abgeschafft („getötet“), ohne eine neue Religion zu inaugurieren. Analytisch ist das kein Zufall. Sicher hat Freud wie auch Nietzsche erhebliche Schuldgefühle aufgewiesen. Die ägyptischen Vatermorde seien keine ödipalen, sondern religiöse Akte, äußerte  Jung. Freud wird aus Jenseitsängsten „wie tot“ zusammengesunken sein. Auch Jung deutet es so: „In beiden Fällen ist die Phantasie vom Vatermord gemeinsam.“ Nur: Vatermord ist hier in beiden Fällen  Mord nicht  am leiblichen Vater, sondern am eigenen Gott der Kindheit, am "Gott-Vater".  Freud wollte in der Analyse durch Jung nicht begreifen, dass Gott der "eigentliche" Vater, der Übervater  ist, so Jung. Über die Ursache seiner zahlreichen Ohnmachten schrieb  Freud in seinen Briefen an Jung: „Also ein Stückchen Neurose, um das man sich doch kümmern sollte“. Hier hat Freud etwas sehr untertrieben.

Der von Jung geschilderte ägyptische Gottesmord erinnerte Freud also an seinen jüdischen. Der Münchener Ohnmacht war eine Bewusstlosigkeit (unter ähnlichen thematischen Bedingungen) im Bremer Essighaus 1909 vorausgegangen. Jung berichtete über Moorleichen im unter einer riesigen Kirche liegenden Bremer Bleikeller, wie fast lebendfrisch erhalten sie doch seien. Vorher hatte man die Kirche und die vielen Gläubigen besichtigt, die Gott, wie Freud bemerkt haben dürfte,  als Glaubensgewissheit, als Faktum ansahen.  „Was haben sie denn mit diesen Leichen!“, rief der sehr erregte Freud aus und wurde besinnungslos. Dass Freud eine „Leiche im Keller hatte“, war allen unverkennbar. Die „tiefenpsychologische“ Lehrmeinung besteht bis heute nun darin, dieser „Getötete“ sei Jung, dem er als seinem  Rivalen unbewusst den Tod gewünscht habe. Die zweite Variante der Tiefenpsychogen:  Freud habe seinem Bruder Julius, der als Säugling an Tuberkulose starb, den Tod gewünscht. Freud hätte, als damals Zweijähriger (!), Schuldgefühle bekommen. Er habe Julius „vergiftete Muttermilch“ gewünscht. Doch was weiß ein Erwachsener, was er als Kleinkind dachte und fühlte? Nun ist es aber keine juristische oder eine sonstige Schuld, seinem einjährigen Bruder, selbst noch  Kleinkind, den Tod zu wünschen. Es ist etwas Harmloses und völlig Natürliches.

Religionspsychologisch war Freud  durch den Einfluss seines tschechischen und katholischen Kindermädchens zusätzlich bzw. eher „katholisch“. Er wuchs bireligiös auf. Vater und Mutter Freud hatten ihn in Glaubensdingen nicht exzessiv beeinflusst. Seine Mutter erinnerte Freud aber an sein Kindermädchen: „Sie hat dich in alle Kirchen getragen; wenn du dann nach Hause gekommen bist, hast du gepredigt, wie der liebe Gott macht." S. Freud: Da habe er von der Hölle gehört. Freud ging einen zunächst logischen Weg, indem er beide Götter „abschaffte“.  Es war für ihn  die einzige Lösung, der bireligiösen Falle zu entkommen.

„Ein Werk des Teufels“ sei seine Psychoanalyse, rief die sich rächende Kirche dem kirchenkranken Freud noch zu. Sein Statement „Religion ist Wahn“ sei gar eine Lästerung wider den Heiligen Geist, so der Klerus. Jung bewundert Freuds Mut. Er habe es unternommen, „falsche Götter zu stürzen, den Vorhang wegzuziehen von einem Haufen Unehrlichkeit und Heucheleien…“ Das war Freuds Verdienst und er hat bis zum tatsächlichen Umfallen gekämpft.  Jung hingegen wurde in seinem Kampf  nicht neurotisch oder wahnsinnig. Er schrieb: „Dass ich es aushielt, war eine Frage der brutalen Kraft. Andere sind zerbrochen. Nietzsche und auch Hölderlin und viele andere.“ Jung zitiert Goethe in Faust II: „Vermesse dich, die Pforten aufzureißen, an denen jeder gern vorüber schleicht.“ Jung kam sich vor „wie auf einem Schlachtfeld“. Die „liebevolle Vertiefung“ (Diktion Jung) in die religiöse Geschichte der Kranken ist heute verlassen worden. V. Weizsäcker über Jung: Jung war es, "der am frühesten begriff, dass die Psychoanalyse in den Bereich der  Religion… gehört…" Aus Angst vor diesen Schlachtfeldern schleicht man heute an ihnen vorbei. Die Verordnung von Neuroleptika ist vordergründig ungefährlicher.

 

Die Psychiatrie heute:

Da sich heutige Psychiater in der Regel schon im Studium dem Statement „Religion ist Wahn“  angeschlossen haben, entwickeln diejenigen leicht die Freud’sche Neurose. Im Unbewussten glauben sie wie Freud, ihren Gott getötet, sich versündigt zu haben.  Das ist kein echter Wahn! Es ist Folge eines zur religiösen Glaubensgewissheit gemachten Irrtums, eines Glaubensirrtums. Damit ist aber auch die Frage Peter Schellenbaums in „Gottesbilder“, dtv, geklärt, warum die Tiefenpsychologie Bibel-Jesus bis heute nur sehr vereinzelt zu kritisieren vermag: Das Maß der „Sünde“ erscheint unseren Psychiatern  voll. Die sprechende Medizin schweigt hier bzw. hat sich selbst zum Schweigen verurteilt. Etliche Religionen sind kein Wahn, sondern Glaubensirrtum, und  wenn man so will, ein klassischer und tiefer Aberglaube.  Ich führe hiermit den Begriff "Glaubensirrtum"  in die psychiatrische Nomenklatur ein als Abgrenzung zum eigentlichen Wahn. Religionen sind  zumeist politische Konstrukte. Man will Angst erzeugen und mittels dieser Angst  sozialisieren.

Etliche meiner Psychiatriepatienten bemerken kritisch den Umstand, dass man sich fachärztlich mit ihrer Religionsproblematik nicht grundsätzlich auseinandersetzte. Die Top- Analytikerin Prof. Leuzinger-Bohleber, ehemals Direktorin am Sigmund Freud Institut in Frankfurt,  überwies Patienten mit Höllenängsten quasi zur Teufelsaustreibung. Der mitinterviewte Pfarrer zu Eltz stellt in ihrem Beisein und ohne jeden Widerspruch der Analytikerin  lt. der Zeitung "Die Zeit" vom 31.3.2010, Seite 57, folgende Diagnose: "Vom Teufel besessen" seien die von ihr überwiesenen Erkrankten.  Papst Benedikt musste aufgrund der  Überweisungspraktik unserer Psychiater Schnellkurse in  der Disziplin Teufelsaustreibung einführen. Nun starben bei der Prozedur etliche. "Aus juristischen Gründen" nimmt man deshalb heute 3 Psychoanalytiker in Alibifunktion mit ins Boot und schaut gemeinsam zu viert: Psychisch krank – oder vom Teufel besessen (Quelle: Die Welt, 12.Mai 2014, S. 23). 

Mit der als Bollwerk und Dogma erdachten Sexualtheorie und seiner Neurose führte Freud ohne Schuld und Absicht die Psychiatrie ein Jahrhundert lang in eine für alle sehr gefährliche Sackgasse und hin zum größten Kunstfehler in der Seelenheilkunde: der völligen Unterbewertung der Bedeutung von Religion für die Psyche und dem Ignorieren kirchenbedingter Erkrankungen. Die von einem Gynäkologen installierte „ecclesiogene Neurose“ hat man schamhaft aus dem ICD- Schlüssel herausgelassen. In der Freud’schen Neurose befangen bringen sich etwa viermal mehr Psychiater um als Internisten. Der Hauptgrund: ekklesiogene Schuldgefühle.  In „Psychologie heute“ vom Juli 2010 wird folgende Frage gestellt: „Psychotherapeuten – eine säkulare Priesterschaft? In der genannten Zeitschrift steht, wie unsere Seelenärzte und unsere psychologischen Psychotherapeuten gestrickt bzw. verstrickt sind. „Psychotherapeuten setzen sich in ihrer Ausbildung nur sporadisch mit dem weiten Feld des Religiösen auseinander…. Sie geben mehrheitlich zu Protokoll, in ihrer Ausbildung nicht mit religiösen Themen in Berührung gekommen zu sein“, und daher „mangelt es Therapeuten an religiösem Wissen. Deshalb dominieren bei ihnen Ängste hinsichtlich religiöser Fragen…“