Lou Andreas-Salomé, geb. 1861

Louise von Salomé war die erste Psychoanalytikerin. Die etwas ältere Zeitgenossin Rilkes hatte Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Nicht nur vom Berliner Orientalisten Friedrich Carl Andreas bekam sie einen Heiratsantrag – und lehnte ihn zunächst ab. Daraufhin schoss sich Andreas in den Bauch, überlebte jedoch. Wohl auch unter dem Eindruck dieses Vorfalls willigte Lou schließlich in die Ehe ein, die jedoch weitgehend platonisch geblieben sein soll (was ja auch schön ist und oft vollkommen ausreicht).

Als Schülerin Sigmund Freuds in Wien notierte Lou Andreas-Salomé am 21. November 1912 nach einem Vortrag Alfred Adlers über Homosexualität in ihr Tagebuch:

Homosexuelle seien nicht neurotisch, weil sie homosexuell seien, sondern homosexuell, weil sie neurotisch seien – also in ihrer normalen Entwicklung traumatisch gestört. Heute würde man sie für die Ansicht, Homosexualität sei traumabedingt, wohl scharf kritisieren oder ihr die ärztliche Zulassung entziehen. Doch in Teilen liegt sie damit richtig: Auch Magnus Hirschfeld, der „Einstein des Sex“, unterschied zwischen der „echten“ (genetisch bedingten) und der „unechten“ (durch ein Trauma entstandenen) Homosexualität (siehe dazu auch meine Artikel über Sexualität). Auch nach Sigmund Freud ist die Homosexualität ein aus Trauma und Verdrängung entstandener „Komplex“ – ein Statement Freuds, das heute gerne verschwiegen wird.

Lou wusste bereits, dass die Angst vor Höllenstrafen der modernen Gesellschaft „fernliegen“ würde (8. Dez. 1912). Sie spricht hier die kollektive Verdrängung der Höllensache an, von der Allgemeinheit genutzt, um die bestehenden religiösen Ängste zu reduzieren. Tatsächlich ist diese Angst als Kern unseres kollektiven Unbewussten abgrundtief verdrängt. Am 2. Februar 1913 schrieb Lou, die Hölle und die Angst davor seien „im Unbewussten uns aufbewahrt… als unsere ewige Wirklichkeit“. Damit spricht sie die sogenannte „Glaubensgewissheit“ an, welche die Amtskirchen als „Wirklichkeit“ in den Köpfen schon der Kleinsten zu implantieren versuchen. Im Gegensatz zu vielen heutigen Nervenärzten erweist sich Lou damit als weitsichtige Analytikerin: Sie weiß noch um den tiefen Stellenwert der Hölle in unserem Unbewussten.

Da sie es weiß, wird sie auch nicht psychisch krank – im Gegensatz zu vielen heutigen Psychiatern. Diese erkranken oft aus Unkenntnis ihres eigenen Unbewussten. Auch aus heutigen Lehranalysen ist das Thema Religion weitgehend verbannt.

Außerordentlich wichtig bei Rilkes Kampf gegen seine Kindheitsreligion war seine enge Freundin. Lou lieh bzw. übertrug Rilke Selbstbewusstsein. „Dein Wesen war so recht die Thür, durch die ich zuerst ins Freie kam“, schreibt ihr der Dichter. Sie wusste, psychologisch entsprechend geschult, um die Folgen eines inneren Gottkampfes.

Sie schreibt dem durch Kirche und Kaserne traumatisierten Rilke im Jahr 1901:
„Das, was du und ich den „Andern“ in dir nannten, – diesen bald deprimierten, bald excitirten, einst Allzufurchtsamen, dann Allzuhingerissenen, – das war ein ihm (dem befreundeten Psychiater Friedrich Pineles) wohlbekannter und unheimlicher Gesell, der das seelisch krankhafte fortführen kann …ins Geisteskranke.“

Lou sorgte dafür, dass Rilke ein Schicksal in ekklesiogener Geisteskrankheit erspart blieb, wie es Hölderlin in vier Jahrzehnten der Schizophrenie durchleiden musste.