Über die Verdrängung des Höllenglaubens in der Postmoderne. Eine Beweisführung 

Leider finden in der modernen Psychiatrie oder im Behandlungszimmer kaum noch medizinische Gespräche über die religiösen Ursachen psychischer Erkrankungen statt. Dabei ist die verdrängte Angst vor der Bestrafung im Jenseits eine Hauptursache für psychische Leiden wie Depressionen, Sucht, Psychosen, Neurosen, Zwangsstörungen und ADS. Schließlich geht es hierbei um das, was Karl Jaspers als die größte denkbare menschliche Angst bezeichnete. Der Grund für diese Zurückhaltung der Therapeuten liegt in ihren eigenen, verdrängten religiösen Ängsten. Die Psychiatrie spiegelt somit die heutige postmoderne Gesellschaft wider, die sich beharrlich weigert, die Drohung ewiger Qualen anzuerkennen – oder diese gar verharmlost. Dem bekannten kirchlichen Autor Hans-Werner Deppe zufolge stellt jeder Körperteil, der nicht ewig brennt, eine „Gnade für Sünder“ dar. Es ist befremdlich, dass sowohl die Gesellschaft als auch die Staatsanwaltschaft Detmold die Drohungen Deppes tolerieren.

Am 17. November 2009 stellte ein Psychiater aus meinem Berufsverband die paranoide Behauptung auf, er könne „mit Sicherheit ausschließen“, dass Höllenpredigten ein Kind krank machen könnten. Er äußerte diese Behauptung, ohne auch nur den geringsten Beleg dafür anführen zu können. Er räumte zwar ein, dass das Thema Sünde mit psychiatrischen Patienten nicht mehr erörtert werde, das Thema „Schuld“ hingegen sehr wohl. Auch mein Berliner Kollege Prof. Diefenbacher schließt – nach Rücksprache mit anderen Psychiatern – aus, dass Höllenpredigten eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen könnten. Er vertritt die Ansicht, dazu bedürfe es der „tatsächlichen Erfahrung“ der Hölle. Auch dies ist ein Wahn. In meinen Büchern habe ich diese „Lehrmeinung“ als „Berliner Psychiater-These“ bezeichnet.

Wie jede Wahnvorstellung psychologischen Ursprungs dient auch diese der psychischen Stabilität. Wir alle nutzen den Wahn als Schutzschild gegen die Realität. Die Psychiatrie wagt es nicht mehr, die „Sünde“ zu begehen, Religion – geschweige denn Gott – zu kritisieren. Doch gerade dieser offenkundige Wahn beweist durch seine Unausweichlichkeit, wie hartnäckig sich der in der Kindheit eingepflanzte Glaube an die Hölle hält. Meine Kritik an der Psychiatrie wurde jedoch von der Leiterin einer Ambulanz in einem Gespräch mit mir als paranoid abgetan. Hier liegt ein klassischer Fall von Projektion vor: Man projiziert den eigenen Wahn auf das Gegenüber. „Ich verstehe nichts von der Kirche“, hatte die Ärztin eingangs bemerkt. Doch wer nichts von der Kirche versteht, scheitert an einer Sache: der Psychiatrie. Er stellt Fehldiagnosen und kann eine durch den Glauben krank gewordene Klientel nicht wirksam behandeln.

Was in der Psychiatrie heute als Symptom zum Beispiel einer Schizophrenie gilt – nämlich das ständige Nachdenken und Sprechen der Patienten über Religion –, ist nicht, wie derzeit angenommen, bloß ein Krankheitszeichen, das dazu dient, zugrundeliegende Pathologien auszuleben. Im Gegenteil: Es weist uns auf die religiöse Wurzel dieser Erkrankungen hin. Eine psychiatrische Institution, die angesichts der durch Religion verursachten Schäden taub und stumm bleibt, muss drei Dinge lernen: wie man spricht und wie man zuhört – selbst wenn es um die größte aller Ängste geht – und wie man sich von der Geistlichkeit und ihren Kirchen emanzipiert, die den größten Arbeitgeber innerhalb unseres psychiatrischen Systems darstellen.