Liebster Vater“         Rezension Kafkas „Brief an den Vater“

Auf den ersten Blick wirkt Franz Kafkas „Brief an den Vater“ wie ein fiktionales Stück Literatur, wie die Kreation einer Erzählung. Zwar trägt das Werk – wie viele andere Schriften des Dichters – stark autobiografische Züge, doch die Figur des Vaters erscheint dafür fast zu überzeichnet. Letzte Zweifel an einer rein dokumentarischen Autobiografie weichen der Gewissheit, sobald man den realen Namen des Vaters, „Hermann“, liest und explizit von der „Kafka’schen Kraft“ die Rede ist. Der Text ist somit zwar an Kafkas Familiengeschichte angelehnt, transformiert sie jedoch künstlerisch.

Es heißt, Kafka habe den Brief nie abgeschickt. Das Schreiben fungiert als eine Anklage gegen das „Wesen“ des Vaters, nicht gegen den Vater als Person. Für sein Wesen könne man schließlich nichts, schreibt Kafka fast beschwichtigend. Doch lässt sich die Menschheit pauschal für unschuldig erklären, nur weil jeder Mensch ein inhärentes Wesen besitzt?

Der Vater wird als regelrechter Tyrann dargestellt, der unerbittlich nur die eigene Meinung gelten ließ. Was immer der Sohn Franz auch unternahm, es wurde entwertet. Der Vater ging in seiner Erziehung bis zur Androhung der Sohnes-Tötung. Kafka:

Das Schimpfen verstärktest Du mit Drohen und das galt nun auch schon mir. Schrecklich war mir z. B. dieses: Ich zerreiße Dich wie einen Fisch.“ Als kleines Kind habe er das für bare Münze genommen.  Menschen verglich Vater Hermann mit Ungeziefer:

Ohne ihn (den jiddischen Schauspieler Löwy, der Verf.) zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand“, so Kafka im Brief. Zum Söhnchen Franz sagte sein Vater: "Du bist ein großes Schwein". Doch das war wohl eher eine Projektion. Hier die Erläuterung:

Da ich als Kind hauptsächlich beim Essen mit Dir beisammen war, war Dein Unterricht zum großen Teil Unterricht im richtigen Benehmen bei Tisch. Was auf den Tisch kam, musste aufgegessen, über die Güte des Essens durfte nicht gesprochen werden - Du aber fandst das Essen oft ungenießbar, nanntest es das Fressen, das *Vieh* (die Köchin) hatte es verdorben. Weil Du entsprechend Deinem kräftigen Hunger und Deiner besonderen Vorliebe alles schnell, heiß und in großen Bissen gegessen hast, musste sich das Kind beeilen, düstere Stille war bei Tisch, unterbrochen von Ermahnungen: *zuerst  iss, dann sprich* oder *schneller, schneller, schneller* oder *siehst Du, ich habe schon längst aufgegessen.* Knochen durfte man nicht zerbeißen, Du ja.“ Und weiter: „Bei Tisch durfte man sich nur mit Essen beschäftigen, Du aber putztest und schnittest Dir die Nägel, spitztest Bleistifte, reinigtest mit dem Zahnstocher die Ohren. Bitte, Vater, verstehe mich recht, das wären an sich vollständig unbedeutende Einzelheiten gewesen, niederdrückend wurden sie für mich erst dadurch, dass Du, der für mich so ungeheuer maßgebende Mensch, Dich selbst an die Gebote nicht hieltest, die Du mir auflegtest.“

So wird der vom Vater verängstigte, ewig bevormundete und erniedrigte Kafka zum Stotterer. Ja, er wird zum Autist.  Autist sein ist entgegen der Lehrmeinung in der Regel keine Krankheit, es ist ein Symptom. Kafka: „Du sagtest: *Kein Wort der Widerrede!* und wolltest damit die Dir unangenehmen Gegenkräfte in mir zum Schweigen bringen, diese Einwirkung war aber für mich zu stark, ich war zu folgsam, ich verstummte gänzlich, verkroch mich vor Dir…“

Es ist eine Angststörung, die Kafka autistisch wirken lässt. Im Zentrum steht die Angst vor dem „Zerrissenwerden“ oder dem Hingerichtetwerden. In seinem berühmten Brief an den Vater beschreibt er dies eindringlich:

Es ist auch wahr, dass Du mich kaum einmal wirklich geschlagen hast. Aber das Schreien, das Rotwerden Deines Gesichts, das eilige Losmachen der Hosenträger, ihr Bereitliegen auf der Stuhllehne war für mich fast ärger. Es ist, wie wenn einer gehenkt werden soll. Wird er wirklich gehenkt, dann ist er tot und es ist alles vorüber. Wenn er aber alle Vorbereitungen zum Gehenktwerden miterleben muss und erst, wenn ihm die Schlinge vor dem Gesicht hängt, von seiner Begnadigung erfährt, so kann er sein Leben lang daran zu leiden haben. Überdies sammelte sich aus diesen vielen Malen, wo ich Deiner deutlich gezeigten Meinung nach Prügel verdient hätte, ihnen aber aus Deiner Gnade noch knapp entgangen war, wieder nur ein großes Schuldbewusstsein an. Von allen Seiten her kam ich in Deine Schuld.“

Im Judentum wird diese Schuld zur Sünde überhöht. Mit dieser priesterlichen Erfindung, so Friedrich Nietzsche, regiert der Klerus. Entsprechend sündig musste und sollte sich das Kind Kafka fühlen: „Als Kind machte ich mir, in Übereinstimmung mit Dir Vorwürfe deshalb, weil ich nicht genügend in den Tempel ging, nicht fastete usw. Ich glaubte nicht mir, sondern Dir ein Unrecht damit zu tun und Schuldbewusstsein, das ja immer bereit war, durchlief mich.“ Weiter schreibt er: „Übrigens habe ich dort auch viel Furcht gehabt, nicht nur wie selbstverständlich vor den vielen Leuten, mit denen man in nähere Berührung kam, sondern auch deshalb, weil Du einmal nebenbei erwähntest, dass auch ich zur Thora aufgerufen werden könne. Davor zitterte ich jahrelang.“ Diese Aufrufung stellt eine öffentliche Prüfung durch den Rabbiner dar, bei der nachgewiesen werden muss, ob man Abschnitte der Thora auswendig beherrscht.

Zu Kafkas Sacco-Syndrom: In berechnender Weise sorgt das Judenchristentum dafür, dass der Vater eine stellvertretende Gottesfunktion einnimmt. Er avanciert aus der Sicht des Kindes zu einer Art „Gott“ – jenem Teil des Über-Ichs, das ich als „Gott-Ich“ bezeichnet habe. Das väterliche Gebot wird so zum „Himmelsgebot“. Hält der Vater seinen Sohn für „ungeraten“, verlangt das Thora-Gebot im Extremfall dessen Steinigung. Die Tötung des Sohnes wird somit zu einem legitimen Akt erhoben, der über den einfachen Mord hinausgeht.

 

Kafka dazu:

Für mich als Kind war aber alles, was Du mir zuriefst, geradezu Himmelsgebot, ich vergaß es nie, es blieb mir das wichtigste Mittel zur Beurteilung der Welt… Übrigens war Deine negative Hochschätzung meines neuen Judentums sehr übertrieben; erstens trug es ja Deinen Fluch in sich und zweitens war für seine Entwicklung das grundsätzliche Verhältnis zu den Mitmenschen entscheidend, in meinem Fall also tödlich.“ 

Mit einer „negativen Hochschätzung“ ist die reine Ablehnung gemeint. Der Vater verfluchte Kafkas „neues Judentum“, das für ihn eine neue Religion bedeutete – vermutlich im Gegensatz zum „alten“, das als menschenwürdigeres Judentum verstanden wurde. In Kafkas Erzählung Das Urteil verurteilt der Vater seinen Sohn Georg durch einen Fluch zum Tod durch Ertrinken. Georg vollstreckt dieses „Gottesurteil“ masochistisch selbst, indem er von einer Brücke springt. Auch Kafka selbst stand einst sprungbereit am Fenster.

Im weiteren Verlauf beschwichtigt Kafka jedoch das Verhalten seines Vaters: „Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn und in diesem Fall schien Dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen mutigen Jungen in mir aufziehen wolltest.“ Den Brief schließt er schlicht mit „Franz“.

Die täglichen Traumatisierungen führten bei Kafka zu einer Essstörung, welche die spätere Tuberkuloseerkrankung begünstigte. Diese psychosomatisch mitbedingte Krankheit war letztlich seine Todesursache. Es stellt sich die Frage: Wen trifft die Schuld an Kafkas Tod?