Jaqueline ist Amerikanerin. Und krank. Sie leidet unter Depressionen und Sucht – speziell Tablettensucht. Zudem plagen sie Schuldgefühle; sie glaubt, die Sucht ihres Sohnes rühre von ihrem eigenen Medikamentenkonsum während der Schwangerschaft her. Ich halte das für einen Trugschluss. Angst führt in die Sucht, und Kinder übernehmen die Ängste ihrer Mütter; diese Ängste werden zu ihren eigenen.
Auf der Suche nach Heilung reist Jaqueline nach Bad Herrenalp zu Dr. Lecher, dem Leiter der dortigen psychosomatischen Klinik. Gemeinsam verfassen sie das besagte Buch. Jaqueline hat irische Wurzeln; sie beschreibt sich selbst als jemand, der von den „White Anglo-Saxon Protestants“ – den WASPs – „geimpft“ worden sei. Sie benennt die Ursachen ihrer Krankheit: Familie, Schule, ihre Kultur und die Kirche. Doch hört ihr Arzt sie wirklich – insbesondere im Hinblick auf die Kirche? Diese vier haben sie gelehrt, wie sie schreibt, ihre Körperlichkeit (gemeint sind Genuss, Sexualität, Hedonismus) zu verleugnen, um ihre „unsterbliche Seele zu retten“. ...vor der Hölle. Dieses Wort gehört schlicht und einfach hier hinein. Dem Kind wurde Angst vor der Ewigkeit in einer ewigen Feuerhölle gemacht.
Selbst nach ihrer „Heilung“ – die keine wirkliche Heilung ist – glaubt Jaqueline weiterhin an die Auferstehung der Toten und an ein „Jüngstes Gericht“, also die Voraussetzungen für höllische Foltern. Doch jeder Glaube an die Auferstehung ist eine Wahnvorstellung. Das lehrt jeder Pathologe, ebenso wie es Sigmund Freud tat. Folglich existiert die Hölle nicht; sie ist die Erfindung skrupelloser Geistlicher. Jaqueline leidet am Sacco-Syndrom, einem Zustand, der in der Klinik nicht ursächlich behandelt wird, weil die Therapeuten selbst dieses Syndrom aufweisen: Anstatt ihr ihren „Gott“ auszureden, bestärken sie sie in dieser Vorstellung. Anstatt eine korrigierende Alternative anzubieten – etwa eine „andere“ Religion –, lassen sie die alte unangetastet und scheuen vor jeder substanziellen Kritik an Gott, Jesus oder der Kirche zurück.
Walther Lecher ist selbst tief religiös. Jaqueline sagt: „Walther predigt keine neue Religion – das muss man ganz klar sagen. Er erwähnt Religion mit keinem Wort.“ Doch diesem wird gleich im nächsten Satz widersprochen: „Er erkennt schlicht an, dass niemand genesen kann, ohne an etwas zu glauben, das außerhalb seiner selbst liegt.“ Damit meint er Gott. Jaqueline: „Ich weiß, dass ich hier lernen muss, in Einklang mit mir, meiner Welt und mit meinem Gott zu leben, oder ich werde zugrunde gehen." Lecher vermittelt ihr dieses „Wissen“ als ein „Muss“. Tatsächlich hält der Arzt Bibelstunden ab. Er spricht von der „Sünde“ der Patientin. Jaqueline hatte eigentlich in eine Klinik gewollt, war aber schließlich an einem Ort gelandet, der einer Kirche glich.
Sie hatte sich bereits zu Hause intensiv belesen – mit Büchern von Psychiatern und Autoren, die selbst am Sacco-Syndrom litten. Sie zitiert William James. James (1842–1910) war Psychologe und Philosoph und gilt als eine der Schlüsselfiguren des philosophischen Pragmatismus. Dessen Konzept besagt: „Der Glaube ist einer der Kräfte, durch die der Mensch lebt, und sein totales Fehlen bedeutet Zusammenbruch.“ James, so empfindet sie, habe sie vor dem Hedonismus bewahrt – dem Streben nach sinnlichem Vergnügen und Genuss. Für Jaqueline sind Leiden und Askese eher gemäß; als Christ kann man ein reines Gewissen nur um den Preis eines schlechten Gewissens besitzen. Sie erwähnt zudem den tief gläubigen Viktor Frankl und seine auf Sinnfindung basierende Therapie. Frankl versucht, seine Patienten durch die Befolgung der Zehn Gebote zu heilen, und postuliert diese als den „Sinn“ des Lebens – wobei er selbst wie ein Rabbiner, wie ein Geistlicher agiert.
Obwohl sie vermeintlich „geheilt“ ist, vermittelt Jaqueline am Ende des Buches etwas zutiefst Krankhaftes: „Ich möchte anderen Süchtigen zeigen, dass Gott uns so sehr liebt, dass er uns zu Süchtigen gemacht hat, damit wir so viel leiden, dass wir wach werden…“. Hier wird die Logik von Ursache und Wirkung von jemandem auf den Kopf gestellt, der auf ungesunde Weise religiös und nach wie vor krank ist. Ein liebender Gott schickt keine Krankheiten oder Naturkatastrophen – im Gegensatz zu der Ansicht, die Prälat Davino (Vatikan) nach dem Ausbruch des Mount Pinatubo äußerte. Er behauptete, Gott habe mit Blick auf die 875 Menschen, die verbrannten, ein „Zeichen setzen“ wollen: dass wir der Natur mit größerer Sorgfalt begegnen sollten. Eine solche Gottesvorstellung ist widerwärtig und muss umgehend von einem echten Psychotherapeuten korrigiert werden.
Jaqueline behauptet, Verbindungen zum Judentum zu haben. Es gibt Theorien – verbreitet sowohl aus jüdischen als auch aus christlichen Quellen –, die besagen, Jahwe oder der christliche Gott hätten Auschwitz als gerechte Strafe für die dort vergasten Juden herbeigeführt. Der katholische Autor Michael Schmauß lehrte, Gott habe im Holocaust gewirkt, um Sein Volk, die Juden, zu Christus zu bekehren (siehe *DIE WELT*, 23. März 2005).So macht man einen („unseren“) Gott zum Täter in Auschwitz – und stellt diesen „Gott“ als Gerechtigkeit und Liebe in Personalunion vor Kindern hin. So werden die Taten der eigentlichen Täter von Auschwitz verharmlost. Und so werden Hitler und sein engster Kreis in dem Sinn entlastet: „Sie handelten auf Gottes Geheiß.“
Ein uns liebender Gott straft uns nicht. Er versteht uns. Er ist in uns. Der Himmel ist leer. Gott ist tot, wenn wir, die seine Hände sind, Hilfe dort verweigern, wo sie uns möglich wäre. Er lebt, wenn wir als tätige Christen, Muslime oder Juden mit offenen Augen durch diese Welt mit ihren guten und schrecklichen Seiten hindurchgehen, immer wachsam, immer zu einer Hilfestellung oder zu einer berechtigten Kritik bereit.
Immerhin. Jaqueline wird etwas gebessert. Sie fühlt sich gesund. Sie lernt Schreien bis zum Umfallen. Mühsam lernt sie Sexualität in Kontakt mit anderen Körpern. Auf „Matten“. Schweißüberströmt. Ihr wird ihr Gott als liebevoll gepredigt. Ob sie das verinnerlichen konnte? Ist jemand lieb, der grausame Krankheiten schickt? Ein erster Saunagang „heilt“ sie dann erst wirklich, wie sie meint. Da muss sie ihren nackten Körper anderen zeigen.
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