Psychiater schweigen zur Religion. Warum?

Bild Acryl: Am Jordan vom Frank Sacco
Über einen Kunstfehler: Das Schweigen der Psychiatrie
Der Begriff des „Helfersyndroms“ geht maßgeblich auf Wolfgang Schmidbauer zurück. Seine These: Der Helfer leidet, wenn er nicht helfen kann. „Erlebnisse frühkindlicher Kränkung“ drängen ihn in einen Narzissmus, wobei diese Kränkungen später „durch hohe Ziele in der Arbeit kompensiert“ werden (vgl. „Psychologie heute“, Februar 2009). Aus Angst vor Ohnmacht und einer schwachen Position verbirgt sich der Helfer hinter einer Maske vermeintlicher Stärke. Schmidbauer spricht hierbei von einem regelrechten Zwang zum Helfen. Ärztliches Handeln als Zwangsneurose? Dass sich viele Therapeuten chronisch überfordern, thematisiert auch ein Artikel in „Psychologie heute“ (März 2008): Demnach hat man es in der Therapie oft mit einem kleinlauten, von Selbstzweifeln geprägten Ich zu tun, das mühsam verdrängt werden muss.
Die Angst vor jenseitigen Strafen als Triebfeder dieses Zwangs bleibt bei Schmidbauer jedoch unerwähnt. Ich bringe diese Angst als zweite wesentliche Ursache der Zwangsneurose in die Debatte ein. Zugegeben, es ist eine beinahe „diabolische“ Dekonstruktion des Altruismus: Ein derart konditionierter Mensch hilft nicht freiwillig, sondern entflieht einem religiösen Diktat. Schon der Jesus der Bergpredigt impliziert, dass nur der helfende Mensch der Verdammnis entgeht. Diese Lesart bestätigt tragischerweise auch Bischof N. Schneider in seinem Werk „Von Erdenherzen und Himmelsschätzen“. Danach enden Nichthelfer laut „einem Richterspruch Jesu“ in der ewigen Feuerhölle. Es liegt nahe, dass genau diese existenzielle Drohung viele in den Dienst als Arzt, Seelsorger, Geistlicher oder Nonne treibt.
Grundsätzliches zum Unbewussten:
Nach M. Baierl postuliert die Psychoanalyse, dass Kinder zahlreiche Erlebnisse als „überwältigend bedrohlich“ erfahren, ohne über effektive Abwehrmechanismen zu verfügen. Baierl führt aus: „Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um echte Bedrohungen handelt oder um Fehleinschätzungen des Kindes... Die ins Unbewusste abgeschobenen Bedrohungen bleiben aber... aktiv... ein Leben lang.“
In beinahe tragischer Weise integriert das Kollektiv diesen Kindheitsglauben – darunter Vorstellungen von der Sintflut und der Verdammnis – als lebenslange „Glaubensgewissheit“ in das Unbewusste. Passend dazu äußerte der Philosoph Robert Spaemann: „Ich glaube ungefähr dasselbe, was ich als Kind geglaubt habe...“, woraufhin Papst Benedikt XVI. erwiderte: „Ich würde das ähnlich sagen“.
Weiterhin betont Baierl: „Ausschlaggebend ist dabei der subjektive Grad der Bedrohung. Bei Jüngeren kann dies auch durch Geschichten..., die als real erlebt werden, geschehen... Das Trauma wird oft nicht als zusammenhängendes Ereignis erinnert, sondern als unzusammenhängende Einzeleindrücke (Fragmentierung)... Dies führt dazu, dass über das Erlebte manchmal nicht gesprochen werden kann, Erinnerungen fehlen...“. Ergänzend zeigt die moderne Hirnforschung, dass die menschliche Informationsverarbeitung fast vollständig unbewusst stattfindet
Glaube und Tiefenpsychologie:
Peter Schellenbaum zum Thema Glaube: „Die einzige Moralvorschrift, die bei allen Christen so viel gilt, dass sie nicht einmal ausgesprochen wird, lautet: Du darfst an der moralischen Vollkommenheit des Menschen Jesus nicht rütteln... Dieses Tabu ist heute die wirksamste Waffe des christlichen Gottesbildes, sich gegen Wandlungen zu wehren... Dass auch die Tiefenpsychologie dieses Tabu in Bezug auf Jesus noch kaum angegangen hat, ist schwer verständlich.“ Schellenbaum schrieb mir, auch ihm sei es „ein Anliegen,... auf den seelischen Missbrauch der Kirchen hinzuweisen“!
Hierbei wird deutlich, dass sich die Tiefenpsychologie – deren Vertreter sich meist als Agnostiker oder Atheisten verstehen – erstaunlich streng an dieses christliche Tabu hält. Sind Tiefenpsychologen im Grunde Gläubige? Bilden sie, ohne es zu wissen, sogar den harten Kern der orthodoxen Gläubigen? Auch die Doktorarbeit Hofmanns (siehe dort) beweist die unerwartete Tiefgläubigkeit unserer heutigen Psychiatrie.
Haben Psychiater Angst vor dem Tabubruch der Gotteskritik? „Ein Tabu rächt sich selbst, und es rächt sich schrecklich“, schrieb Sigmund Freud. Wählen Psychiater, geprägt durch ihre Kirche, als hochsensible Menschen statt des Weges in die Depression oder Psychose vielleicht den Ausweg in einen rettenden „Altruismus“? Wurde aus dem bloßen Wunsch zu helfen ein unbedingtes Helfen-müssen? Liegt genau hier der eigentliche Kern ihres bzw. eines Helfersyndroms?
Ein von meiner Ärztekammer zu einem Gespräch über Glaubensgrundsatzfragen geladener Psychiater konnte mir die größte Angst des Menschen – nach dem katholischen Priester Eugen Biser die Angst vor der ewigen Feuerfolter in der Hölle – nicht einmal benennen. Kindern Pornografie vorzuführen, sei doch „wesentlich schlimmer“, als ihnen eine sie persönlich bedrohende Hölle zu predigen. Dabei sind pornografische Darstellungen für Kinder psychisch weitaus erträglicher als die Konfrontation mit der Vorstellung eines ewigen Feuers, das womöglich auf sie persönlich wartet. Zudem besteht ein Verbot der Vorführung von Pornografie bei Anwesenheit von Kindern.
Grundsätzliches zum Kinderschutz:
Im Buch „Wenn die Kinderseele weint (von I. Romberg-Asboth, Kösel-Verlag) ist zu lesen: „Eine der größten Selbsttäuschungen ist es, wenn wir glauben, dass keine Tränen fließen. Dabei sind viele Auffälligkeiten wie überhöhte Aggressionen, Kontaktarmut, Isolierung, die Rolle des Klassenclowns, auch Lügen, Stehlen, Lernstörungen intelligenter Kinder, große Unruhe (Zappelphilipp), Bettnässen, Stottern, Nägelbeißen, Einkoten und übermäßige Ängste nichts anderes als Ausdrucksformen kindlicher Seelentränen.“
Natürlich gehören hierher auch die großen psychiatrischen Angstkrankheiten, die Depressionen und Psychosen - und als großes Thema die zunehmende Jugendgewalt. Dagmar C. Walter sagt uns dazu in ihrem Buch „Kinder vor Gewalt schützen“, Kreuz Verlag: „Jugendgewalt stellt häufig eine Gegengewalt dar. Diese Gewalt richtet sich gegen unsichtbare oder auch strukturelle Gewalt, die der junge Mensch in seiner Erziehung... erfährt.“ Und: „Alle Schüler haben das Recht auf ...psychische Unversehrtheit.“ Wie weit sind wir beim heutigen Religionsunterricht davon entfernt!
Ein Pastor schreibt mir zustimmend zu den geltenden Gesangbüchern: „...christliche Lieder, wie sie in den Gesangbüchern der verschiedenen Glaubensrichtungen zu finden sind, sind stets Ausdruck von Glaubensüberzeugungen..... Gewisse Aussagen, besonders über Buße, Umkehr und Bestrafung (durch Gott), bedürfen der Erklärung; sie können – auch besonders von Kindern – missverstanden werden und sind nicht geeignet, sie kindgerecht zu vermitteln. Seelische Schäden könnten durch diese Texte hervorgerufen werden. Insofern können nach meiner Überzeugung diese Lieder als kindergefährdend im Sinne der Rechtssprechung bezeichnet werden. Mit freundlichen Grüßen...“ Ein zweiter Pastor schreibt mir, einige Kirchenlieder seien „stark kindergefährdend“.
Zur Psychiatriekritik:
Der Psychiatrie kann man kaum vorwerfen, sich in kirchen- und religionskritischen Fragen taub zu stellen, wenn man sie selbst als krank betrachtet. Die Perfektion, mit der psychiatrische Helfer das Thema Religion meiden, trägt beinahe zwangsneurotische Züge. Dies dürfte das Resultat einer unkritischen Übernahme von Sigmund Freuds Thesen sein – wie dem „Gottesmord“ oder dessen Statement, Religion sei ein Wahn. Damit vollzogen sie unbewusst die größte „Sünde“ überhaupt: den Mord am Kindheitsgott. Aus religiöser Sicht lässt sich dies als eine Sünde wider den Heiligen Geist deuten.
Ein Zwangsneurotiker mit Versündigungsängsten konstruiert sich seine Welt so, dass er keine religiöse Angst spüren muss. In diesem Fall verbietet sich die Psychiatrie jegliche Kritik an Gott oder Jesus, da diese eine erneute Sünde bedeuten würde. Schließlich lautet das höchste biblische Gebot: „Du sollst mich lieben!“ – was unbewusst als Verbot von Kritik interpretiert wird.
Dass Psychiater unbewusst und mit spürbaren Konsequenzen an die Hölle glauben, betonte auch C. G. Jung. In seinem Werk „Zur Psychologie der Tricksterfigur“ wettet er hundert gegen eins, dass selbst der aufgeklärteste Psychiater an den Teufel und die Hölle glaubt. Nur oberflächlich agiere man hier als „Kulturmensch“. Es helfe nichts, sich mittels des Geistes über die Psyche stellen zu wollen. Der Grad der Unbewusstheit sei an dieser Stelle „gelinde gesagt, erstaunlich“.
Schlussfolgernd lässt sich sagen, dass die Psychiatrie – von wenigen Ausnahmen abgesehen – Religion, Kirche und die Vorstellung von „Gott“ aufgrund eigener religiöser Ängste nicht objektiv betrachten oder kritisieren kann. Kirchliche seelische Gewalt wird von ihr kaum noch als solche erkannt oder als Krankheitsursache identifiziert. Den Beweis für diese These liefert die fast vollständig fehlende Kirchenkritik der Psychiatrie sowie ihre institutionelle Verflechtung mit den Kirchen durch kirchliche Trägerschaften und gemeinsame Therapiekonzepte (von Theologen, Seelsorgern und Ärzten). Glaubenskonflikte und die daraus resultierenden Erkrankungen werden folglich oft allein dem Anstaltsgeistlichen überlassen. Dass dieses Schweigen und das mangelnde Reflektieren über Religion in der Psychiatrie so bleiben soll, äußerte auch Prof. Leuzinger-Bohleber, die als „Nachfolgerin“ Sigmund Freuds gilt. In dieser Hinsicht folgt sie ihm in der Tat nach.
Ausblick und Reform:
Dabei kann Religion auch ganz anders gelebt werden – nämlich zutiefst human. Eine solche, neue Form von Religion ist das erklärte Ziel meiner Gruppe. Eine Welt gänzlich ohne Religion ist heute noch undenkbar und daher ein unrealistischer Ansatz.
Der Priester Eugen Biser schrieb dazu Richtungsweisendes für uns und die psychiatrische Fachwelt:
„Auf der einen Seite der liebende Gott, auf der anderen Seite der drohende, strafende Gott. Hier muss eine Selbstkorrektur stattfinden. Hier muss gezeigt werden, dass es diesen strafenden Gott für ein richtig verstandenes Christentum nicht gibt, sondern nur den Gott der bedingungslosen Liebe. Dieser bedingungslos liebende Gott darf und kann nicht mehr gefürchtet werden, denn er nimmt dem Menschen die tiefste aller Ängste, die Gottesangst [Anm. d. Verf.: Höllenangst] aus der Seele. Ich habe den Eindruck, dass die Kirchen das noch nicht begriffen haben.“
Diese Sätze müssen Psychiater und psychologische Psychotherapeuten verinnerlichen.
Die aktuelle Debatte über den lange Zeit tolerierten sexuellen Missbrauch durch Geistliche ebnet den Weg für eine neue, notwendige Diskussionsebene: den metaphysischen, religiösen Missbrauch. Daniele Dell´ Agli in der Zeitung „Die Welt“:
„Blicken wir zuversichtlich dem Tag entgegen, da man in ähnlicher Breite und Schärfe (wie beim sexuellen Missbrauch, der Verf.) über den Missbrauch metaphysischer Bedürfnisse durch die so genannten Religionen diskutieren wird.“
Ein Tipp: zunächst das Kapitel des "abgelehnten Hilferufes" lesen.