Das Chiron-Syndrom  (nach dessen Entdecker Frank Sacco)

Die Sache ist seit der Antike bekannt. Das Syndrom beschreibt die Ursache der hohen Erkrankungs- und Suizidrate bei Psychotherapeuten im weitesten Sinn. Irgendwann kann es doch dazu kommen, dass sie entgegen den Vorschriften ihrer Dachorganisation DGPPN auch die häufigste und schwerste psychische Erkrankung mit heilenden Gesprächen therapieren, die es in einer religiös ausgerichteten Gesellschaft wie der unsrigen gibt: das Sacco-Syndrom.

Nehmen wir einmal solche Fälle an: Therapeuten  würden  also einen sündig gewordenen Patienten mit einem klärenden Gespräch über diese Sünde behandeln. Sie müssen sich damit auf die Seite ihres Klienten schlagen: Sie ordnen die „Sünde“ richtig ein, nämlich als menschgemachte Vorschrift einer mehr oder weniger sadistischen Geistlichkeit bzw. der jeweiligen, Gesetze verfassenden Obrigkeit. Sie schaffen den Glauben an einen bösartigen, ja unchristlichen  Gott ab, der Sünder in seinem  Dauerlager Hölle mit Feuer foltert. Sie schaffen damit ihren eigenen Kindheitsgott, ihren eigenen unchristlichen Kindheitsglauben ab. Sie erklären sich zu Agnostikern. Wissenschaft nimmt die Stelle ihres früheren Glaubens ein.

Fatal ist nun:  Der „Agnostiker“ und auch der "Atheist"  bleiben  konservativ Gläubige (Beispiel: Sigmund Freud). Deren tiefe Gläubigkeit ist ebenso tief verdrängt. Wie von einem „giftigen Pfeil getroffen“ erkranken sie an einer Depression, die sie oft genug zum Suizid oder zur Droge greifen lässt. Es ist die schwerste Depression, die wir Psychoanalytiker kennen. Sie geht einher mit der größten Angst des Menschen, der Jenseits- oder Gottangst.

Chiron war Arzt und sein Patient war der Sünder Prometheus. Der hatte als Halbgott gegen den Willen der Vollgötter den Menschen das ersehnte und so  notwendige  Feuer gebracht. Der Sadist Zeus ließ ihn als Strafe  3000 Jahre im Kaukasus anketten. Ein Adler riss ihm auf Befehl von oben täglich ein Stück Leber heraus. Chiron kam vorbei und sprach wohl: "Welches große Arschloch hat dich denn da angekettet und gefoltert?" Das hörte Zeus, der ja alles hörte, bis der Christengott die Existenz des Zeus abschaffte. Zeus ist seitdem eine üble Erfindung. Chiron machte Prometheus von den Ketten los. Der war also geheilt. Als Strafe "Gottes" traf Chiron ein giftiger, ja tödlicher  Pfeil. Das wars dann mit dem Therapeuten Chiron.

Die Geschichte ist ein Gleichnis. Hier die Übersetzung:

Der Menschenfreund Prometheus versündigte sich mit seiner Feuergabe an die Menschen gegen seine Götter. Er fürchtete den Hades, den es aber ebenso wenig gab, wie diese Götter. Alles Erfindungen. Er straft sich masochistisch selbst, da es einen strafenden Zeus nicht gibt. Die 3000 Jahre symbolisieren die Länge der ihn fesselnden, religionsbedingten Depression, die Folter durch den Adler deren Schwere.
Chiron sündigte gegen den Willen der Götter. Er nennt Zeus ein Arschloch! Er heilt Prometheus, aber wird selbst zum Sünder gegen die Götter. Das nennt sich eine Übertragung. Eine Sünde wird vom Prometheus auf seinen Therapeuten übertragen.

Heilt ein Therapeut einen Kranken mit einem Sacco-Syndrom, muss er sich gegen dessen Religion, gegen dessen Gottesbild wenden. Anders funktioniert das nicht. Er schafft damit seinen eigenen Kindheitsglauben, seinen eigenen Kindheitsgott ab. Dieser rächt sich dann. Genauer:  Das Unbewusste des Heilers fasst den Abfall als große Sünde auf, als Sünde wider den Heiligen Geist. Die, so meint er im Unbewussten, werde mit einer ewigen Feuerfolter im KZ Hölle bestraft. Es resultiert eine schwere Depression und ein Suizid. Selbsternannte Atheisten und  Agnostiker sind halt keine. Oder selten. Sacco-Therapeuten müssen zunächst einmal in die Lehre gehen. Am besten bei mir. Sonst leben sie gefährlich.

Das Chiron-Syndrom war auch der Tod Sigmund Freuds. Der Menschenfreund Freud schaffte zum Unwillen seines Kindheitsgottes eine Erfindung ab: den strafenden Jahwe. Seine Worte: „Religion ist Wahn“, sprich: Jahwe ist Wahn. Er heilte damit unzählige Sacco-Kranke, versank aber selbst in der von ihm so gefürchteten „schwarzen Schlammflut des Occulten“. Er „wählte“ den langsamen Suizid, den Tod durch eine Nikotinsucht. 30 bis 40 % unserer Therapeuten sollen stoffgebunden abhängig sein. Sie bringen sich dreimal öfter um, als wir Internisten. Eine kurze Ecclesio-Adversative Therapie hätte Freud womöglich geheilt.

Die unbewusste Angst vor diesem hier vorgestellten Syndrom ist es, die die Psychiatrie in ihren größten Kunstfehler seit 1945 führt: die Abschiebung Sacco-Kranker zu den Verursachern der Erkrankung: Zu den Geistlichen. Hier ist – zum Wohl der Patienten und der Therapeuten - ein Paradigmenwechsel vonnöten. Die tiefenanalytische Ursache des größten Kunstfehlers der Psychiatrie seit 1945 ist demnach Angst, Gottangst.  Höllenangst. Die Psychiatrie möge mich steinigen.