Das Hitler – Phänomen

Hitler hypnotisierte die Massen. Ohne diese Fähigkeit wäre der Menschheit wohl viel Leid erspart geblieben. Charismatische Politiker flößen mir daher Angst ein. Auf der anderen Seite war Hitler vielleicht weniger eine isolierte Persönlichkeit als vielmehr die perfide Inkarnation eines kollektiven Bewusstseins. Im Grunde muss man beiden Aspekten Rechnung tragen. Eine detaillierte Psychoanalyse über den „Führer“ habe ich in der entsprechenden Kategorie veröffentlicht.
Ein Phänomen wie Hitler kann sich jederzeit wiederholen, da seine Wesenszüge keineswegs einmalig sind. Von der rassistisch motivierten Einzeltat bis hin zum industriellen Massenmord bedarf es oft nur eines kleinen gedanklichen Schrittes und – wenn überhaupt – einer einzigen Unterschrift.
Doch worin genau besteht das „Hitler-Phänomen“? Es beschreibt die kritiklose Bewunderung oder gar Anbetung einer menschlichen oder ideologisch überhöhten Figur – und zwar im vollen Wissen um deren Vergangenheit oder deren Pläne, Gewalt und Folter als Systemmittel einzusetzen. Die Voraussetzungen für das Entstehen dieses Phänomens sind:
    1. Eine hierarchisch höherstehende, hoch angesehene Leitfigur.

    2. Die Angst der Bewunderer (sowohl vor der Person selbst als auch vor einer verunsichernden Welt).

    3. Die Hoffnung der Bewunderer (auf das Wohlwollen der Führungsfigur sowie auf die Besserung oder Stabilisierung der eigenen Lebensumstände).

    4. Mechanismen der Individual- und Massenhypnose.

Es versteht sich fast von selbst – und greift eng in den Aspekt der Angst (Punkt 2) über –, dass sich Diktatoren im Stile Hitlers vor allem dadurch durchsetzen, dass sie schon bei geringstem Widerstand maximale Gewalt und Folter anordnen. Die so erzeugte Systemangst ist kalkuliert und führt zu kollektivem Schweigen.
Daraus ergibt sich die zwingende Konsequenz, solche Machtstrukturen von Anfang an konsequent zu verhindern und sich niemals auf sie einzulassen. Deutschland musste beispielsweise im Jahr 2011 schmerzhaft erkennen, dass es ein schwerer Fehler war, einen folternden Diktator zu stabilisieren und mit Waffen zu beliefern. Keine Waffenexporte in Krisengebiete – das muss ein unumstößlicher Grundsatz unseres Staates sein.

Die Evangelische Landeskirche Hannovers (Marktkirche) ordnet am 21. Juli 1944 (!) an, dass im Kirchengebet dem direkt vorangegangenen Attentat auf den Führer „etwa in folgender Form“ in der Gemeinde gedacht wird:

„Heiliger barmherziger Gott! Von Grund unseres Herzens danken wir Dir, dass Du unserem Führer bei dem verbrecherischen Anschlag Leben und Gesundheit bewahrt... hast. In Deine Hände befehlen wir ihn. Nimm ihn in Deinen gnädigen Schutz. Sei und bleibe Du sein starker Helfer und Retter.“

 

Hitler musste folglich glauben, dass sein Gott – der Christengott – ihn bei der Judenverfolgung unterstützte. Spätestens 1944 war der Begriff „Judenvernichtung“ auch der Landeskirche kein Fremdwort mehr. „Gib“, so endet das zitierte Gebet, „dass wir unser Leben in Liebe und Gehorsam tapfer und unverdrossen unter die Zucht Deines Heiligen Geistes stellen“. Wenn Hitler nicht ohnehin von Beginn an wahnhaft handelte, so dürften ihn diese Fürbitten in seinen Verblendungen bestärkt haben. Er war ohne jeden Zweifel davon überzeugt, „Gott“ und auch „Jesus“ stünden auf seiner Seite. Hierzu sei auf Johannes 8,44 verwiesen, wo Jesus den Juden zuruft: „Ihr habt den Teufel zum Vater“.
Wer einmal in einer solchen Form vergöttert wurde, der hat, wie David Friedrich Strauß treffend bemerkte, „seine Menschheit unwiederbringlich eingebüßt“. Dies gilt in besonderem Maße für den sakralisierten Diktator.
Das Matthäus-Evangelium lässt die jüdische Volksmenge nach Jesu Verurteilung rufen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“. In der christlichen Theologie wurde dies fatalerweise als „Selbstverfluchung Israels“ interpretiert. Auch dieser theologische Antijudaismus bestärkte Hitler in seinem Handeln. Er war Täter massiver Verbrechen, aber zugleich auch ein Produkt und „Opfer“ seiner christlich geprägten Umwelt. Selbst im 1. Thessalonicherbrief (2,14-16) wird den Juden kollektiv der Christusmord vorgeworfen – eine historisch wie moralisch unzulässige Verallgemeinerung, die moderneren Rechtsprinzipien fundamental widerspricht. Kein Kollektiv trägt die Schuld an der Kreuzigung; das Konzept der Sippenhaftung ist ethisch haltlos.
Den eigenen Umgang mit Gewalt neigt der Mensch dazu zu verdrängen; er weiß im biblischen Sinne oft „nicht, was er tut“. Pogrome wurden von den Tätern meist emotional distanziert und geradezu mechanisch ausgeführt. Die Opfer wurden entmenschlicht, als „Schädlinge“ oder Insekten wahrgenommen und entsprechend behandelt. Unter dem Deckmantel staatlicher Billigung wurden so Rache- und Hassgefühle ausgelebt, die durch gezielte Propaganda der Obrigkeit systematisch geschürt worden waren.