Das sexuelle Bollwerk                 
Gedanken zum gleichnamigen Buch von Harry Mulisch   (Collage Sacco 2008)

 

Schon Sigmund Freud hatte sie: die Angst vor Strafen im Jenseits. Es war seine ganz persönliche Angst, obwohl er sich selbst für einen Atheisten hielt. Er musste diese Angst vor sich selbst verbergen und sie leugnen. Um sie abzuwehren, errichtete Freud ein Bollwerk, ein monumentales Gedankengebäude – einen psychologischen Schutzwall. Immerhin hatte er, da er bireligiös aufgewachsen war, seine beiden Kindheitsgötter Jahwe und den christlichen Gott symbolisch getötet. Sein Werkzeug dafür war der Satz: Religion ist Wahn.
Um seine eigene, tiefe Angst besser verdrängen zu können, erdachte Freud das Dogma  Sexualtheorie. Nicht die Angst vor göttlicher Rache sollte die größte Urangst des Menschen sein, sondern die von ihm stattdessen postulierte Kastrationsangst. Letztere wirkt in der therapeutischen Praxis jedoch oft so unbedeutend, dass moderne Analytiker die Angst vor der Genitalstümmelung durch den Vater kaum noch thematisieren. Zudem unterlief Freud ein entlarvender Fehler: Eine Kastration bezeichnet medizinisch die Entfernung der Hoden, nicht die des Penis. Hierin zeigt sich bereits eine unbewusste Denkhemmung.
Während Freud behauptete, Angst entstehe durch sexuelle Enthaltsamkeit oder einen Coitus interruptus, ist das Gegenteil der Fall: Sexualität kann in unserer Kultur kaum angstfrei erlebt werden, weil sie zu 95 % mit religiösen Tabus und Strafandrohungen belegt ist. Die Götter sind unter den ehelichen Bettdecken keineswegs unsichtbar, sondern wachende Instanzen. Nur zu „reservierten Umarmungen“ dürfe es laut der religionskritischen Theologin Prof. Uta Ranke-Heinemann unter Eheleuten kommen.
Wo man Kindern hingegen ihre harmlosen sexuellen Entdeckungen erlaubt – wie der Psychoanalytiker Wilhelm Reich es bei Naturvölkern wie den Trobriandern beobachtete –, gibt es kaum sogenannte Perversionen. Dort war es Missionaren noch nicht gelungen, die Gesellschaft zu neurotisieren, die Sexualität zu verteufeln und diese schöne Seite des Lebens pathologisch zu machen.
Unter dem Begriff „Perversionen“ fasste Sigmund Freud sexuelle Orientierungen und Praktiken zusammen, deren Triebobjekt oder -ziel von der heterosexuellen, auf Fortpflanzung ausgerichteten Norm abwich. Als Beispiele nannte er unter anderem Onanie, Pädophilie, Sodomie, Homosexualität, Fetischismus und Sadismus. In diesem Kontext sprach Freud auch vom „homosexuellen Komplex“: Ein frühkindliches sexuelles Trauma – wie das von ihm oft angeführte, intensive Kuscheln mit der Mutter (Inzesttheorie), die Entdeckung der Onanie durch Bezugspersonen oder kindliche Doktorspiele – aktiviere demnach einen psychischen Fluchtmechanismus, der in einer solchen Orientierung münde. Homosexualität also als Ersatz für Heterosex
Einen historisch anderen, emanzipatorischen Ansatz verfolgte der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der selbst offen homosexuell lebte. Aus einer kulturkritischen Perspektive argumentierte er, dass nicht die Homosexualität selbst das Problem sei, sondern deren gesellschaftliche Stigmatisierung. Würde man den repressiven Einfluss der Kirchen eindämmen, so Hirschfeld, sänke auch das psychische Leiden und die drastisch erhöhte Suizidalität unter den Betroffenen. Hirschfeld sah das so: Wenn man die Kirchen in den Griff bekäme, würde es weniger Homosexualität  geben. Bei der hohen Depressionsrate und Suizidalität schien ihm das wohl wünschenswert.
Von der „Perversion“ grenzte Freud die „Neurose“ ab. Bei dieser bleibt das heterosexuelle Gegenüber das Triebobjekt.  Das zugrundeliegende Trauma äußert sich hier in sexuellen Ängsten und psychosomatischen Symptomen wie Impotenz, Frigidität, Waschzwängen oder chronischer Migräne. Der Psychoanalytiker Wilhelm Reich stellte fest, ein Gedanke, den später auch der Schriftsteller Harry Mulisch aufgriff, dass fast alle seine Patienten manifeste genitale Störungen aufwiesen – von Ejakulationsproblemen bis hin zu Impotenz und psychischen Blockaden
.„Der eine konnte nicht ejakulieren, der andere kam zu früh, ein dritter kriegte keinen hoch, ein vierter wollte ihn nicht reinstecken,  und so hatte jeder irgendwas.“ Zudem beschrieb Reich einen Großteil seiner Patientinnen als unfähig, einen Orgasmus zu erleben.
Aus religionskritischer Sicht erscheint die Hemmung natürlicher Sexualität die direkte Folge jahrhundertelanger moralischer Überwachung zu sein. Die Vorstellung eines strafenden Gottes, der "unter der Bettdecke anwesend" selbst die intimsten Regungen akribisch registriert, erzeugte jene tiefen Schuldgefühle, die letztlich in neurotischen Störungen mündeten.
Die Kastrationsangst war nur Freuds theoretisches Bollwerk – sein notdürftiges, aus Angst errichtetes Dogma gegen die Dogmen seiner angestammten Religionen. Er wollte nicht in deren „schwarzer Schlammflut“ ertrinken. Ersetzt man Freuds Konstrukt der Kastrationsangst jedoch durch die Urangst des Analytikers selbst – die Angst des „Jahwemörders“ vor der ewigen Verdammnis –, so tut man den ersten Schritt in die richtige Richtung
Folgerichtig sucht man das Wort „Hölle“ bei Freud fast vergebens. Und wenn man es doch einmal findet, spricht er damit nicht die ewige Verdammnis oder sein eigenes Trauma an, sondern das Irdische. Selbst in Die Zukunft einer Illusion gibt der alternde Freud seine radikale Religionskritik ein Stück weit auf, indem er suggeriert, man dürfe Patienten den religiösen Wahn nicht nehmen. Ein weiterer, folgenschwerer Fehler.
Geprägt wurde dies in der Kindheit: Mit seiner katholischen Kinderfrau besuchte der kleine Freud regelmäßig die Kirche. Kam er nach Hause, berichtete er seiner jüdischen Mutter, „wie der liebe Gott tut“. Dort lernte er früh, dass das biblische Gespann aus Gott und Jesus auf Juden nicht gut zu sprechen war. Er mag die Vorwürfe des Gottesmordes und die Drohung, als „Söhne des Teufels“ (nach Joh. 8,44) in die ewige Verdammnis verbannt zu werden gehört haben. Einer jüdischen Kinderseele konnte da wahrlich angst und bange werden. Mit der unbewussten Angst vor diesem vermeintlich „lieben“, aber tief bedrohlichen Gott führte Freud die Psychiatrie in eine 100-jährige Sackgasse.