Das Unbehagen in der Kultur
frei nach Freud 

Dieses Unbehagen in der „christlichen“ Gemeinschaft rührt auch von der massiven Angst her, die unsere Kirchen schon in Kleinkindern erzeugen. Freud konnte das nicht erkennen, da er sich im Unbewussten selbst als größten Sünder des Judentums und Christentums auffasste. Sein Unbewusstes suggerierte ihm, er habe mit dem Satz „Religion ist Wahn“ Jahwe getötet – dies ist natürlich ein reines Indizien-Statement. Immerhin: Von der Hölle ist beim bireligiösen Freud höchst selten die Rede.
Dieses „Christentum“ gehört mittlerweile nun wirklich und leider zu Deutschland; es vergiftet unser Heimatland wie ein schleichendes, unbewusstes Toxin. Es ist „Gift und Glut“ – um den Aufklärer Rilke zu zitieren –, was wir unseren Kindern damit zumuten. Und es ist eine absolute Zumutung. Unbarmherzig halten die Amtskirchen an der ewigen Hölle als Ort ewiger Folter in ihrem fundamentalistischen Programm fest. Ebenso unbarmherzig machen sie unsere Kinder zu „Mittätern an Jesu Kreuzigung“, also zu Meuchelmördern am Kreuz. Die Heranwachsenden sollen möglichst leidend dem Leidensweg Jesu im eigenen Leben nachfolgen. Lebenslust, ja gar die Lust an der Sexualität, gilt nach wie vor als verpönte Sünde. Ein zu opulentes Essen wird als „Völlerei“ gebrandmarkt und soll möglichst durch Askese oder eine andere Form des Masochismus abgelöst werden. Demut, Schuldbewusstsein und Angst – das ist die Klaviatur, auf der die Geistlichkeit noch immer, und gerade heute wieder, spielt.
Das Gift macht letztlich alle Kinder krank, die es in sich aufnehmen. Später erwachsen daraus diverse Leiden – je nach der individuellen Konstitution der Betroffenen. Der eine raucht aus masochistischen Motiven und benötigt das Nikotin zur Beruhigung, der andere trinkt aus demselben Grund. Wieder jemand anderes findet eine scheinbare „Ruhe“ im Essen oder im chronischen Verzicht, der Anorexie. Ein Nächster flüchtet sich in das Glücksspiel, in das Spiel mit dem Tod oder in den Konsum von Gewaltmedien. Letzteres lenkt von einer persönlich erlebten, bedrohlichen Gewalt ab und härtet gleichzeitig ab.
Die unbewusste Angst macht den Nächsten zum Angstpatienten. Getrieben von der Furcht vor Verlust betreibt er rücksichtslos sein Geschäft – er muss es geradezu tun – und beutet seine Angestellten durch einen unterschwelligen Sadismus aus, der ihm als Ersatz für eine blockierte Sexualität dient. Bei den Mitarbeitern wiederum resultiert aus dem stetig wachsenden Druck am Arbeitsplatz das bekannte Burn-out-Phänomen, gefolgt von monatelangen depressiven Phasen.
Die Psychiatrie erweist sich hierbei oft als macht- und kraftlos. Die Behandler stehen in der Regel selbst unter dem ideologischen Druck ihres traditionell größten Arbeitgebers, den Kirchen. In ihren Lehranalysen existiert der Begriff der „Höllenangst“ gar nicht. Man klammert sich dort an die wahnhafte These, der schon der alternde Freud und Berliner Psychiater verfielen: dass eine permanente Höllenpredigt ein Kind nicht krankmachen könne.
Die Sexualität verkommt aufgrund der Sprachlosigkeit zwischen den Beteiligten nach einer kurzen Anfangsphase zur bloßen Pflicht. Die von Schuldgefühlen belastete und daher gehemmte Lust führt bald zu männlicher Impotenz und weiblicher Frigidität. Gelebte Heterosexualität wird so zu einem seltenen Phänomen – man betrachtet sie lieber passiv, anstatt sie selbst lustvoll auszuleben.