Warum Pfingsten? Der Schrecken vor einem Geist. 

Der Heilige Geist kommt ohne Jüngstes Gericht aus. Er handelt abseits jeder Justiz – und damit im Grunde ungerecht, ja, sogar ohne Standrecht. Genau deshalb ist die Angst vor ihm oft größer als vor dem biblischen Jesus, der ohnehin nicht gerade zimperlich ist, was Strafen angeht. Laut EKD straft dieser mit ewiger Feuerfolter. Dieses grausame Bild bestätigt auch Benedikt XVI. im Jahr 2000, das er zum Heiligen Jahr ausruft: Wer bei Jesu Foltern zusehe, könne „vor Grauen sterben“, wenn die „Allmacht Gottes“ dieses Sterben nicht verhindere. Sein Nachfolger Franziskus zeigt sich wie jeder Papst ebenfalls von einer fundamentalistischen Seite: Er predigt, wir müssten „noch mehr beten“, damit „noch mehr Seelen gerettet werden“.

Zugegeben: Die Schuhfarbe und der Lieferant des neuen Papstes haben gewechselt. Das war nach Benedikt auch dringend notwendig. Jener schrieb uns als junger Kardinal noch: „Die Hölle ist überwunden.“ Als Papst ließ er das ewige KZ dann wieder auferstehen. Diese theologische Kehrtwende habe er nach den Studentenunruhen von 1968 für nötig befunden – so erklärte es mir zumindest jemand, der ihn gut kannte: Dr. Manfred Lux aus Celle, der erst Theologie studierte und später Chirurg wurde. Das bestätigt den Verdacht: Die Hölle ist Politik. Der Glaube ist Politik. Das Über-Ich „Gott“ fungiert als Außendienststelle der herrschenden Ordnung. Was dem Staat gesetzlich verboten ist – hier konkret das Foltern –, überlässt er nur zu gern einer göttlichen Instanz.
Nun wird wieder Pfingsten gefeiert, und wir bekommen zusätzliche freie Tage. Oder besser: einen, den Montag. Der Geist Gottes naht. Meine Schwester sagte schon während ihres Theologiestudiums: „Der Heilige Geist ist die Liebe.“ Wir werden sehen, was die Kirchenleitung aus dieser Liebe gemacht hat. Anderen Religionen fehlt dieses Element völlig: Weder das Judentum noch der Islam haben einen derartigen Geist im Programm, obgleich sie dem Christentum ansonsten zum Verwechseln ähnlich sehen. Und auch die Bibel hat bekanntlich das Steinigen im Repertoire. Und den Gottesbefehl zum Töten Homosexueller. Sie ist Menschenwerk.
Pfingsten erklärt sich aus dem Schock der ersten Christen. Ihr Gott war am Kreuz gestorben. Derjenige, der die Juden vom Joch der Römer befreien sollte, war plötzlich tot. Was also tun? Nichts lag damals näher, als ihn von den Toten auferstehen zu lassen. So „erscheint“ er den Jüngern kurz nach Ostern plötzlich wieder – als wäre nichts geschehen. Da es eine biologische Auferstehung von den Toten nicht gibt, hat man sie sich gedanklich erschaffen. Den Glauben daran entlehnte man bereitwillig von den Ägyptern und ihrem Kult um die Mumien. Der Irrtum, Jesus würde noch zu Lebzeiten sein Werk vollenden, war damit scheinbar widerlegt. Helmut Schmidt indes glaubte nicht an die Auferstehung – und war trotzdem Christ. Er wird wohl ebenso wenig an das „KZ Hölle“ geglaubt haben.
Zur Absicherung des neuen Glaubens erschuf man mit erstaunlicher Intelligenz einen Geist. Was da unter gewaltigem Brausen kam, nannte man fortan Jesu Geist. Damit existieren im Monotheismus plötzlich drei Götter. Dem Dogma nach sind es zwar drei „Personen“, aber „ein Wesen“ – und der Monotheismus war gerettet.
Der Vorteil eines Geistes lag auf der Hand: Man kann ihn nicht kreuzigen und läuft somit nicht Gefahr, erneut einen Gott zu verlieren. Um diesen Schachzug in Beton zu gießen, brauchte es zwei Dinge: Erstens das Pfingstwunder, bei dem die Gläubigen plötzlich fremde Sprachen sprechen und verstehen konnten (wobei Schmidt nicht an Wunder glaubte). Zweitens das strikte Verbot, an diesem Geist zu zweifeln. Dieses Verbot wurde sofort dogmatisch zementiert: Wer nicht an den Geist glaubt, versündigt sich gegen den Heiligen Geist. Wer sich im Umgang mit dem Heiligen danebenbenehmen sollte, den erwartet das ewige Feuer. Ihm wird nicht vergeben, weder in dieser noch in jener Welt.
So hochintelligent die Schöpfer dieses Konstrukts waren, so meisterhaft verstanden sie sich auf Täuschung und Brutalität. Das ist die wirkliche Dreieinigkeit einer Bewegung, die es zur Weltreligion geschafft hat. Denn Geist besaßen Gott und Jesus ja schon vor Pfingsten – so wie wir alle ihn besitzen.

Die schwerste psychische Erkrankung, die uns Psychotherapeuten bekannt ist, resultiert paradoxerweise aus dem Pfingstfest – genauer gesagt aus dem quälenden Glauben, sich gegen den Heiligen Geist versündigt zu haben.
Als 21-jähriger Medizinstudent während meiner Famulatur bei Prof. Bürger-Prinz an der Universität Hamburg begegnete ich zum ersten Mal einem solchen Patienten. Statt therapeutischer Gespräche erhielt er zweimal wöchentlich Insulinschocks. Über Wochen hinweg war ich sein ständiger Begleiter. Der Mann war fest davon überzeugt, in ein ewiges Höllenfeuer zu geraten. „Gott ist doch kein Nazi“, sagte ich damals zu ihm. Doch genau daran hatte er geglaubt: an einen unbarmherzigen, tyrannischen „Nazi-Christengott“.
Tausenden Menschen geht es ähnlich; sie werden zu Opfern dieses Pfingstglaubens. Es gibt daher keinerlei Anlass, Pfingsten fröhlich zu feiern – es sei denn, wir freuen uns schlicht über die freien Tage.
(1) Helmut Schmidt in „Religion in der Verantwortung“
(2) Präses N. Schneider in „Von Erdenherzen und Himmelsschätzen“
(3) Heiligsprechung der Höllenbesucherin Faustina durch Benedikt XVI.