Die Neurose der Psychiatrie oder: Die Neurose Sigmund Freuds
2020
Die etablierte Psychiatrie erscheint selbst psychiatrisch auffällig. Menschen, die durch ihre Religion erkrankt sind, werden häufig nicht kausal, also durch klärende Gespräche, behandelt. Stattdessen überlässt man sie Theologen oder Geistlichen - mitunter also gerade jenen, die ein Sacco-Syndrom verursacht haben könnten.
Was ist der Grund dafür? In der sprechenden Medizin ist man dem Glauben womöglich ähnlich verbunden wie nordamerikanische Kollegen (1). Nicht selten finden sich Theologen und Geistliche im familiären Umfeld psychiatrischer und psychotherapeutischer Fachkräfte. Das gilt beispielsweise für Prof. Leuzinger-Bohleber, die Sigmund Freuds Nachfolge am gleichnamigen Institut in Frankfurt antrat. Zugleich verstehen sich viele dieser Fachkräfte als Agnostiker.
Ein Psychiater aus Hannover, dem ich mehrere Patienten zur medikamentösen Einstellung überwies, sagte mir, er habe sich nie mit ihnen über Religion unterhalten können. Als Begründung gab er an, selbst zu stark religiös geschädigt worden zu sein: In seiner Familie gebe es zahlreiche Theologen, darunter sogar einen Superintendenten. Kirchlich hervorgerufene Ängste hätten ihn sprachlos gemacht. So übernahm ich die Psychotherapie, während er für die medikamentöse Behandlung zuständig war. Er meinte, ein Psychiater könne beim Lesen meiner Bücher verrückt werden.
So atheistisch man sich nach außen geben mag, so gläubig kann man im Inneren geblieben sein - und desto mehr, meist verdrängte, Gottesangst trägt man möglicherweise in sich. Aus analytischer Sicht kann diese Angst bei Psychiatern zu einem Denkstopp (2), zu Sprachverlust (3) und schließlich zu Behandlungsfehlern führen: Erkrankte werden ausgerechnet an jene verwiesen, die an der Entstehung ihres Leidens beteiligt sein könnten (4).
Sigmund Freud ist für mich ein Paradebeispiel dieses Fehlers. Seine 260 klinischen Fälle in Zur Psychopathologie des Alltagslebens seien ausnahmslos dem Sacco-Syndrom zuzurechnen. Der Schweizer Internist und Psychotherapeut Paul Tournier ordnete sie ursächlich vier in der Bergpredigt behandelten "Sünden" zu: Unaufrichtigkeit in 57 Fällen, Selbstsucht in 122 Fällen, sexuelle Unreinheit in 39 Fällen und Lieblosigkeit in 42 Fällen.
Ein Beispiel ist Freuds bekannte Patientin Elisabeth von R., die unter starken Schmerzen litt. Freud deutete ihre Beschwerden als Ausdruck eines inneren Konflikts, der mit Gefühlen für ihren Schwager zusammenhing. Mit seiner sinngemäßen Feststellung, für Gedanken könne man nichts, habe er sie zunächst entlastet.
Die Bergpredigt vermittelt jedoch eine gegenteilige Botschaft: Wer entsprechende Gedanken hege, solle sich eher ein Auge ausreißen oder eine Hand abhacken, als der Hölle zu verfallen. Solche Bibelstellen können, insbesondere bei Kindern, erhebliche Angst auslösen. In dieser Lesart erscheint der christliche Glaube mit seiner Bergpredigt als zutiefst widersprüchlich: Die Bibel mache aus dem historischen Jesus einen strafenden Despoten.
Freud vermochte es nach meiner Auffassung nicht, den Glauben unmittelbar anzugreifen. Dafür seien seine eigenen Schuldgefühle zu groß gewesen; auch er selbst habe als vermeintlicher "Mörder" unter einem Sacco-Syndrom gelitten (5). Ein Satz wie "Glauben Sie der Bibel nicht; sie ist ein orientalisches Märchenbuch" wäre - im Sinne der Aufklärung Friedrichs des Großen - möglicherweise therapeutisch entlastend gewesen. Stattdessen sei Freud bei Elisabeth von R. nur ein Teilerfolg gelungen.
Gottesangst habe ihn außerdem zu der generellen Anweisung veranlasst, man dürfe Patienten ihre Religion keinesfalls nehmen. Dies steht im Widerspruch dazu, dass er Religion an anderer Stelle als Wahn bezeichnete.
Gerade die kritische Auseinandersetzung mit krank machenden religiösen Inhalten ist aus meiner Sicht jedoch eine therapeutische Aufgabe, wenn Patienten unter einem schweren Sacco-Syndrom leiden. Dieses zeige sich etwa in Form von Fibromyalgie, ADS, Autismus, Schizophrenie, Sucht oder Depression. So wie problematische Inhalte des Islams kritisiert werden - etwa Aufrufe zur Tötung Ungläubiger -, müsse Kritik auch gegenüber fundamentalistischen Ausprägungen des Christentums möglich sein.
Patienten können für klare Worte dankbar sein, wenn diese ihnen helfen, belastende Glaubensinhalte als religiöse Wahnvorstellungen oder als das Werk einer hochintelligenten, zugleich aber brutalen Geistlichkeit zu erkennen. Teile der Geistlichkeit scheuen bis heute nicht davor zurück, Kindern ewige Qualen in der Hölle anzukündigen (7). Dennoch gilt die christliche Religion in der Psychiatrie vielfach pauschal als "positiver Resilienzfaktor" - eine Annahme, die aus meiner Sicht wissenschaftlich nicht hinreichend begründet ist.
Auch in der Bevölkerung werden religiös bedingte Ängste häufig verharmlost. Äußerungen von Kindern werden von Eltern vielfach ignoriert. "Omi, da kann man auch verbrennen", sagte ein Kind aus dem hiesigen Steinweg. "Gute Menschen kommen in den Himmel, schlechte in die Hölle", erklärte ein anderes aus dem Suerfeld. "Ach, das sind doch Kinder", entgegnete unser Pastor darauf.
Nach der schulischen Behandlung der "Zehn Plagen" beobachtete ich bei Kindern Nabelkoliken und Bettnässen. In der biblischen Erzählung bestraft Jahwe aus meiner Sicht die Falschen: das Vieh und die erstgeborenen Söhne der Ägypter.
Ob Christen oder Juden - viele vermeintlich "Gesunde" reagieren entsetzt, wenn ich die Sintflut, also die in der Bibel als gerecht dargestellte Vernichtung der ersten Menschheitsgeneration, als ersten Holocaust bezeichne. Zieht man, analog zum jüdischen Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, einen Hitlervergleich, stößt man häufig auf heftige Ablehnung; das Gespräch wird abgebrochen.
Bereits Goethe wies den Bischof von Bristol mit deutlichen Worten auf die Verantwortung von Geistlichen hin, wenn religiöse Drohungen Gläubige psychisch erkranken lassen:
"Und ferner, wenn Ihr durch Eure Predigten über die Schrecken der Höllenstrafen die schwachen Seelen Eurer Gemeinden ängstiget, sodass sie darüber den Verstand verlieren und ihr armseliges Dasein zuletzt in einem Tollhause endigen!" (6)
Goethe (1749-1832) dachte dabei möglicherweise auch an die rund drei Jahrzehnte währende, religiös beeinflusste psychische Erkrankung seines Zeitgenossen Friedrich Hölderlin (1770-1843). Er beklagte den "einreißenden Pietismus" und schrieb, das Mittelalter habe sich "eingeschlichen". Das Christentum sei eine "menschenfreundliche Lehre", doch "von Anfang an hat man sie verunstaltet" (S. 356).
Singers Hitlervergleich bedeutet im Grunde das Ende des konventionellen Christentums - ein Ende, das dieses nach meiner Auffassung verdient hat. Tilmann Moser zufolge ist das Sacco-Syndrom für Millionen Kinder die schwerste Kinderkrankheit (8); Rilke beschreibt die Wirkung religiöser Angst als "Gift und Glut".
Kann und darf ein Gott über Menschen richten, wenn er selbst als Urheber der Sintflut dargestellt wird? Auch Bischöfin Käßmann erschüttert das traditionelle Christentum durch ein seltenes kirchliches Schuldeingeständnis: Das bestehende Höllendogma bewirke bei Kindern "tief existenzielle Ängste", wie bereits bei Luther (7). Wer unter solchen Ängsten leidet, ist psychisch belastet oder erkrankt. Religion darf nicht krank machen.
Eine solche Dysreligion, wie Nietzsche sie nennt, müsste nach dem Verursacherprinzip für die Kosten ärztlicher Behandlungen, für Rentenleistungen und für die Folgen der Arbeitslosigkeit Betroffener aufkommen. Diese Erkrankten kämen heute "durch alle Ritzen" (2). Das Mittelalter sei zurückgekehrt.
Selbst die Staatsanwaltschaft Freiburg im Breisgau entzieht der Geistlichkeit letztlich den weiterhin als lebendig dargestellten Jesus, den sie für die Vorstellung ewiger Höllenstrafen benötigt: Jesus sei tot und könne nicht strafrechtlich verantwortlich gemacht werden. Ich hatte den vermeintlich Auferstandenen wegen der Planung des Terroranschlags "Apokalypse" angezeigt. Meines Erachtens dürfe ein solches Geschehen nicht geplant werden; ich berief mich dabei auf § 323c StGB.
Dem beschriebenen Behandlungsfehler liegt demnach ein eigenes Sacco-Syndrom der Psychiatrie zugrunde. Damit ließe sich auch der hohe Krankenstand unter psychiatrisch Tätigen erklären. Wolfgang Schmidbauer beschreibt entsprechende Belastungen in seinem Buch Die hilflosen Helfer. Bei einschlägigen Patientenkontakten seien Fachkräfte ungeschützt, weil ihnen eine angemessene Ausbildung zum Umgang mit religiös verursachten psychischen Schäden fehle. Die Suizid- und Erkrankungsrate sei hoch; 17 Prozent hätten einen oder mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen hinter sich, etwa 40 Prozent seien stoffgebunden abhängig.
Fortbildungen zum Thema Religionsschäden gibt es kaum. Entsprechende Angebote werden häufig ebenso entrüstet abgelehnt wie gut gemeinte und dringend notwendige Kritik.
Literatur und Quellen
- L. I. Hofmann: Dissertation an der Universität Oldenburg: Religiosität und Spiritualität ...
- Prof. Leuzinger-Bohleber, in: Die Zeit, 31. März 2010: Das "Denken fehlt".
- Manfred Lütz: Gespräche über Religion gelten als "verpönt".
- Dr. Rüber Winterhoff, Celle, Vortrag in Müden/Örtze: Überweisung zu den "Verursachern".
- Frank Sacco www.religionsmedizin.de
- Johann Wolfgang von Goethe: Gespräche. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg, S. 471.
- Nikolaus Schneider: Bestimmte Sünder kämen in das ewige "Feuer" Jesu. Hans-Werner Deppe: Wie wird es in der Hölle sein? Man werde dort "froh sein um jedes nicht brennende Körperteil". Trost wie unter "Hitler" werde es in der Hölle nicht geben.
- Tilmann Moser: Gottesvergiftung.