Über die Unfähigkeit der Diagnosestellung in der Psychiatrie
In einem Blog über Schizophrenie wird meine Ansicht angezweifelt, dass Psychiater per se keine echten Diagnosen stellen können. Doch ich bleibe dabei: Unsere Fachärzte für die Psyche sind durch die systematische Verdrängung bekannter Krankheitsursachen dazu gezwungen, bloße Symptome zu Diagnosen zu erklären. Dabei wird die wohl häufigste Ursache psychischer Leiden oft komplett ignoriert: das Trauma und die Prägung durch fundamentalistische Religionen, wie etwa die christliche.
Aus dieser Perspektive ist eine „Depression“ kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom: das Niedergeschlagen-Sein. ADHS ist ein Symptom: das Unruhig-Sein. Sucht ist ein Symptom: das Abhängig-Sein. Autismus beschreibt ein Auf-sich-selbst-zurückgezogen-Sein, und Zwangsstörungen zeigen lediglich, dass ein Patient zu einer Handlung gedrängt wird (wie dem exzessiven Waschen). Selbst Pädophilie ist phänomenologisch betrachtet ein Symptom.
Eine echte medizinische Diagnose erfordert zwingend die Integration der zugrundeliegenden Ursache, fall diese bekannt ist. Verdrängt man diese jedoch, verkommt die Psychiatrie zu einer reinen Symptombeschreibung. Würden Internisten von einer „Hustenkrankheit“, Dermatologen von einer „Juckreizkrankheit“ oder Augenärzte von einem „Augenschmerzsyndrom“ sprechen, würde man ihnen zu Recht die Approbation entziehen.
Wenn Psychiater feststellen, dass mehrere dieser Phänomene (wie ADHS, Zwänge und Depressionen) gleichzeitig auftreten, sprechen sie fälschlicherweise von „Komorbiditäten“. In Wahrheit handelt es sich schlicht um verschiedene Symptome ein und derselben Grunderkrankung.
Auch die Schizophrenie bildet hier keine Ausnahme. Der Begriff beschreibt lediglich den Zustand einer Spaltung des Denkens in das Bewusste und das Unbewusste. Das zentrale Werkzeug des Betroffenen ist die Verdrängung. Schizophrene Patienten haben sich irgendwann einmal vor dem Unerträglichen „gerettet“. Sie verdrängen etwas – und das ist psychologisch zunächst sogar sinnvoll. Die Alternative wäre allzu oft der Freitod. Allermeist verdrängen  Psychotiker die Grausamkeiten ihrer Religion und gehen im Alter paradoxerweise völlig in ihr auf: Ihr Zimmer in der Unterbringung wird zur Kathedrale. Etwas schizophren sind wir alle. Schon Sigmund Freud lehrte uns: Durch den Mechanismus der Verdrängung tragen wir alle neurotische oder psychotische Anteile in uns. Ein vollkommen „wahnfreies“, vermeintlich gesundes Leben ist in dieser Welt kaum möglich.
Der „liebe“ Gott ist ein Wunschgedanke. Nimmt man die Bibel als Wort Gottes, wird dieser liebe Gott zum Wahn. Dennoch ist er lieb leichter zu ertragen als als der Täter der Sintflut oder der Vorstandsvorsitzende des ewigen Dauerghettos Hölle. Der „Gesunde“ bastelt sich eine erträgliche Welt und verwandelt so einen völlig unerträglichen in einen erträglichen Gott. Damit weicht er von der "Realität", einer  eingeredeten „Glaubensgewissheit“ ab. Eine gewisse Spaltung der Persönlichkeit, eine Prise Schizophrenie, scheint also überlebensnotwendig zu sein.
Sie ist es auch, die  Psychiater vor der ansich bitter nötigen Gottkritik rettet. Doch eben diese verdrängte Gottangst bildet die Erklärung der extrem hohen Suizidrate unter Nervenärzten. Kirchliche Drohungen könnten kein Kind krank machen, äußerte der Psychiater meiner Ärztekammer am 17. November 2009. Traut er sich keine Kirchen- oder gar Gottkritik zu? Ist seine Gottangst zu groß? Wo reale Diagnosen vorliegen, versucht man sie wegzudiskutieren: Statt von einer „ekklesiogenen“ (kirchenbedingten) Neurose, eine Diagnose, die die Ursache beinhaltet, solle man lieber von einer depressiven Episode sprechen. Dieses hier doch sehr offensichtliche  Verschleiern der Ursache  fordert  der Chefarzt einer kirchlichen Psychiatrie. Es ist eine Flucht von der Ursache hin zum reinen Symptom. In derselben Kammer-Sitzung beklagte Dr. C. G. – damals Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und an dieser Stelle wohltuend realistisch – die „Grausamkeiten“ ihrer Kirche. Das durfte nicht in das offizielle Protokoll. Es hätte den Gedanken etablierten können, dass jede flächendeckende Grausamkeit unweigerlich auch flächendeckend Erkrankte erzeugt. 

Eine wirkliche Alternative besteht in einem  anderen Gottesbild: Ein Gott, der uns wirklich von Herzen liebt, der uns alle "bedingungslos"  liebt. Doch das verweigern die Amtskirchen. Sie favorisieren Gewalt. Der kirchentreue Autor Hans-Werner Deppe erschrickt unsere Kinder: Schlimmer als unter "Hitler" sei es in der Hölle. Als Gnade empfinde man in der Ewigkeit der Hölle „jedes nicht brennende Körperteil“.  Oberstaatsanwalt Vetter (Jungendschutz) aus Detmold zum diesem Fall: Deppe darf das (21 Js 659/15).  Er und seine Kirche dürfen weiterhin die Paderborner Psychiatrie mit ekklesiogen Erkrankten füllen.