Edvard Munch

Der norwegische Avantgarde-Maler Edvard Munch wurde am 12. Dezember 1863 als Sohn des Militärarztes Christian Munch und dessen Frau Laura geboren. Da sein Überleben ungewiss war, erhielt er eine Nottaufe – ein Sakrament, das in der damaligen, tief religiösen Gesellschaft eine noch größere existenzielle Bedeutung hatte als heute. Die Allgegenwart des christlichen Glaubens jener Zeit, der aus meiner Sicht oft mit lähmendem Aberglauben einherging, prägte Munchs psychische Entwicklung und sein späteres Umfeld nachhaltig.

Munch schrieb rückblickend: „Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege.“  Und weiter: „Sie haben mich durch mein ganzes Leben begleitet. Mein Vater versuchte, für uns Vater und Mutter zu sein. Aber er war schwermütig, nervös-erblich belastet, mit Perioden religiöser Anwandlungen, die an Wahnsinn grenzten, wenn er tagelang im Zimmer auf und abschritt und dabei Gott anrief.  Zeitig habe ich Elend und Gefahren des irdischen Lebens kennengelernt und vom Leben nach dem Tod in der ewigen Höllenpein gehört, die die sündigen Menschen erwartet.“

Diese traumatische Kindheit hinterließ tiefe Spuren: Später erkrankte der Maler folgerichtig an einer ekklesiogenen (durch religiöse Erziehung bedingten) Depression. Munchs Leben ist von schweren Verlusten gezeichnet: Als er vier Jahre alt war, starb seine Mutter; mit 13 Jahren verlor er seine 15-jährige Schwester an Tuberkulose. Mit 25 Jahren starb sein Vater, und nur sieben Jahre später sein jüngerer Bruder. Seine Schwester Laura versank schließlich in einer schweren, depressiven Psychose und zog sich vollständig von der Welt und ihrer Familie zurück.

Ein Kind im christlichen Umfeld nimmt die Dinge so für wahr, wie sie ihm gepredigt, besungen oder vor Augen geführt werden, so Superintendent Christian Berndt zu mir. Der Tod eines engen Verwandten trete nach der Lehre ein, weil Gott das Leben wieder zu sich nehme, das er einst gegeben habe. In Begräbnispredigten wird bis zum heutigen Tag – selbst vor Kindern – offengelassen, wohin der Verstorbene letztendlich gelangt. Als Geistlicher möchte man Gott nicht vorgreifen, ob es nun der Himmel oder die Hölle ist. Zudem kann ein Kind den Verlust eines geliebten Menschen leicht als Strafe eines „Allmächtigen“ auffassen, der seine Macht nicht nutzte, um den Tod abzuwenden. Kein Kind hält einen solchen Gott aus.

Diese Dynamik zeigt sich auch bei Edvard Munch. Er litt der zeitlebens unter schweren Kontaktstörungen. Er lebte allein und unverheiratet; eine Liebesbeziehung scheiterte dramatisch und endete mit einem Revolverschuss in seine Hand. Sein Biograf Karl Ove Knausgård schreibt dazu: „Fügt man dieser Reihe von Verlusten eine enorme Sensibilität hinzu und eine ferne, zeitweise religiös verwirrte, teils freundliche, teils brutale Vaterfigur, die sein Aufwachsen begleitete, so erhält man ein Kind, einen Jugendlichen und einen jungen Mann, der solche Angst vor einem Verlust hat, dass er sich selbst schützt, indem er jede Bindung vermeidet.“ Die Abkapselung wurde zu seiner Lebensstrategie. Doch ist dies nicht auch die Lebensstrategie von Menschen in einer Psychose? Ist es nicht genau diese Flucht in die Isolation? Und geschieht eine solche Abkehr von der Gesellschaft nicht auch aus dem Grund, Versündigungen im Miteinander und speziell auf sexueller Ebene so sicher ausschließen zu können?

 Edvard Munch malte sein berühmtes „Selbstbildnis in der Hölle“. Seine tiefe Angst vor ewiger Verdammnis führte ihn letztlich dazu, die Religion gänzlich abzulehnen. Als einen „kollektiven Wahn“ bezeichnet Eugen Drewermann eine Religion wie das Christentum, die mit einem Arsenal des Schreckens den Einzelnen in den Wahnsinn treiben kann. Um diesem psychischen Zusammenbruch zu entkommen, wurde Munch über acht Monate in einer Kopenhagener Klinik wegen Depressionen, einer bipolaren Störung und Suchtproblemen behandelt. Heute geht man davon aus, dass er und seine Schwester an einem Borderline-Syndrom bzw. einer Art Schizophrenie litten. Beide Geschwister litten unter massiven „Existenzängsten“. Doch was bedeutet das genau? Ist es die Angst, nicht mehr zu existieren? Die Angst, weiterzuexistieren und in diesem Dasein zu leiden? Oder ist es gar die Furcht, selbst nach dem Tod in den Händen eines strafenden, folternden Gottes gefangen zu sein?

Doch welche Diagnose auch zutrifft: Psychische Erkrankungen sind im Kern überwiegend Angsterkrankungen. Und nicht selten sind sie so offensichtlich kirchenbedingt, dass die Institution Kirche als Verursacher eigentlich für Behandlung, Unterbringung sowie Rentenzahlungen aufkommen müsste. Die Erfindung der Hölle – dieser vermeintlich geniale Einfall der Geistlichkeit – wurde von den Schreibern der Bibel aus den Lehren des altägyptischen Glaubens übernommen. Maat, die mythologische Göttin der Gerechtigkeit, verurteilte Sünder dazu, gefressen zu werden. Unser christlicher Luzifer, der die von Jesus Verdammten verschlingt, entspricht eins zu eins der nilpferdgestaltigen, ägyptischen Totenfresserin Ammit. Die christliche Höllenlehre ist somit nichts weiter als kalter, mythologischer Kaffee aus dem Orient, der keineswegs zu unserer Kulturgeschichte gehören sollte – sondern dorthin, wo er herkommt: in die Wüste.

In seiner Lebensmitte malte Edvard Munch wie kein anderer die Angst. Sie äußert sich im puren Entsetzen seines berühmtesten Werks „Der Schrei“ – ein Schrei aus einer tiefen Panik heraus, ausgelöst durch dies- oder jenseitige, unmenschliche Härten. Munch selbst notierte am 5. März 1929, er finde „gewisse eigenartige Parallelen“ zu Søren Kierkegaard; beide trugen eine tiefe Gottesangst in sich.

Parallelen zeigen sich auch zu schizophrenen Dynamiken: Derart Betroffene agieren zunächst oft als realistische Rebellen und üben kämpferische Kritik an Kirche und „Gott“. Sie provozieren den Gott ihrer Kindheit mit Amuletten, Wahrsagerei sowie Hexen- und Teufelsglauben, woraufhin sie unter beschimpfenden, psychologisch betrachtet selbst produzierten Halluzinationen leiden. Mit den Jahren fügen sie sich jedoch meist in ihr Schicksal, werden ruhiger und religiös konservativer.

Analog dazu veränderte sich auch Munchs Kunst: Seine Bilder wurden ruhiger. Er begann, Gärten, Wälder und Felder zu malen. Die Angst wich spürbar aus seinem Inneren und machte einem gewissen Frieden Platz. Dennoch blieb die existenzielle Angst auch in seinem Spätwerk sichtbar. Munch selbst erkannte zudem Parallelen zu Vincent van Gogh, dessen „Sternennacht“ er adaptierte. 1933 schrieb Munch über seine Verbindung zu Van Gogh, den er aus Paris kannte: „Ich wollte in meinem längeren Leben und mit mehr Geld zur Verfügung meine Flamme auch nicht erlöschen lassen, genau wie er, und mit brennendem Pinsel bis zum letzten Moment malen.“

 Es würde ins Bild passen, dass sich Edvard Munch im Alter angesichts seiner inneren Dämonen letztlich selbst das Leben nahm. Seine Chronisten halten sich bei seinen tiefsten Abgründen oft bedeckt. Hätte er diesen Schritt aus einer Kierkegaard’schen Angst vor der Hölle getan, so hätte ihn im Grunde seine Kirche umgebracht. Offiziell starb Munch im Bett nach einer Bronchitis. Doch wurde er obduziert?

 Eine lähmende Gottangst der Väter und Mütter wird über etwa vier Generationen hinweg verbal und nonverbal weitergegeben – getragen von Worten und Schweigen, nicht von Genen. Erst nach diesem Zyklus erlischt das familiäre Gedächtnis für die Sünden der Ur-Urgroßeltern. Die Bibel spricht davon, Gott „strafe bis ins vierte Glied“. Doch psychologisch betrachtet verhält es sich anders: Bis ins vierte Glied wird eine existenzielle Urangst tradiert, die sich in nachweisbaren Depressionen äußert. Vor ihnen flüchten Betroffene in Dissoziationen, Süchte, Zwänge, Bußhandlungen, Opferrituale oder Neurosen, Symptome also eines Sacco-Syndroms. Ihr einziges Ziel: Das Entkommen aus einer eingeredeten Hölle, die seit jeher als Geldmaschine der Religionen fungiert. Selbst Bischof Nikolaus Schneider betonte einst, die Hölle mit ihren Folterdrohungen sei ein „Geschäft“ der Kirche. Das Christentum sei die bisher „beste Geschäftsidee“, wie es passend im Kirchenblatt idea-Spektrum zu lesen war.

Doch vielleicht war es am Ende eine ganz andere Angst, die Munchs Sterben überschattete: nicht die Furcht vor der Verdammnis, sondern der tiefe Wunsch, frei zu sein. Frei von der quälenden Gewissheit eines qualvollen, einsamen Todes im Alter. Als er 1944 ging, hinterließ er ein Werk, das existenzielle Ängste und lebenslange Flucht vor der Isolation für immer konservierte.