Hölderlin, eine Psychoanalyse
Friedrich Hölderlin
Friedrich Hölderlin wurde 1770 geboren.
Seine Lyrik bleibt uns heutigen Lesern oft fremd, da sie stark in der griechischen Mythologie verwurzelt ist, in der wir uns kaum noch auskennen.
Seine Mutter, die Tochter eines Pfarrers, war eine fromme und ängstliche Frau. Ihr klares Ziel war es, dass auch ihr Sohn die theologische Laufbahn einschlug. Ein geistliches Kind gilt schließlich bis heute für viele Mütter als die beste „Höllenversicherung“: Tritt der Nachwuchs ins Kloster oder ins Pfarramt ein, kann er am Jüngsten Tag ein gutes Wort für die Frau Mama einlegen.
Der Theologe Eugen Drewermann berichtet in diesem Zusammenhang von einer Ordensschwester, die gestand: „Ich war achtzehn Jahre alt, als ich in die Gemeinschaft eintrat, um meine Sünden abzubüßen und um nicht in die Hölle zu kommen... Für mich war beizeiten alles schwere Sünde; ich konnte nur büßen, büßen, büßen, um alles wieder gutzumachen.“ Natürlich teilt nicht jede Nonne diese fundamentale Angst. Dennoch ist der Wunsch, ins Kloster einzutreten, nicht selten bereits Ausdruck einer tiefen psychischen Belastung.
Für Hölderlins spätere psychische Leiden war der frühe Verlust seines Vaters und seines Stiefvaters in der Kindheit mitbestimmend. Hier brach die harte weltliche Realität schon früh über ihn herein. Seine metaphysische Realität war kaum trostvoller: Hölderlin glaubte fest daran, dass Gott ihn nicht liebe. Was mit solchen Menschen am Ende geschieht, lässt die Bibel an Deutlichkeit ja nicht zu wünschen übrig. Entgegen dem mütterlichen Wunsch wurde Hölderlin jedoch zunächst kein Pfarrer, sondern Dichter. Erst spät, kurz vor dem Ausbruch seiner Schizophrenie – die man als eine radikale Verwandlungsform seiner tiefen Depressionen verstehen kann, wandte er sich wieder dem Gedanken zu, Geistlicher zu werden.
Die Mutter drohte dem zeitlebens sehr furchtsamen Hölderlin in einem Brief vom 29. Oktober 1805 ganz offen mit der „Ungnade“ Gottes. Nach heutiger Lehrmeinung beider großen christlichen Kirchen bedeutet diese Ungnade nichts anderes als die ewige Hölle. Sie schrieb ihm: „Besonders aber bitte ich Dich herzlich, dass Du die Pflichten gegen unseren lieben Gott und Vater im Himmel nicht versäumest.“ Doch genau diese Pflichten vernachlässigte Hölderlin – und wurde stattdessen zu einem scharfen Kritiker der Kirche.
In seinem Buch „Hölderlin“ (Propyläen Verlag, Berlin) stellt E. Kurt Fischer fest: „In seinen Briefen ist durchgehend der Inhalt ein Kampf und ein Anringen gegen die Gottheit...“. Hölderlin selbst spricht in dieser Zeit von seinen Studien der „neuen Philosophien“ – gemeint sind damit vor allem die radikalen Denksysteme seiner Epoche wie die Kants und Fichtes.
Im Gegensatz zu kämpferischen Naturen löste die Konfrontation mit diesen neuen philosophischen Welterklärungen bei Hölderlin massive Schuldgefühle und eine tiefe Höllenangst aus. In seinem Gedicht „An die Parzen“ fleht er: „Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene Götterruhe dir oft... O vergiss es, vergib!“
Diese existenzielle Angst dominierte ihn jedoch nicht durchgehend. In einem Brief vom 20. November 1796 an Hegel schreibt er erleichtert: „Es ist recht gut, dass mich die Höllengeister seitdem ich in Frankfurt bin, verlassen haben.“ Trotz des Zeitalters der Aufklärung blieb Hölderlin tief im Glauben an eine metaphysische Verantwortung verwurzelt.
Die letzten vier Jahrzehnte seines Lebens, geprägt von einer religionsbedingten Schizophrenie, verbrachte Hölderlin im Tübinger Turm bei dem Schreiner Ernst Zimmer. Kaum jemand kannte den Dichter in dieser Phase besser. Zimmers Diagnose traf den Kern:
„Bei ihm ischt es die Schwärmerei für das blanke Heidentum gewese, das hat ihn überschnappe lasse.“
Hier zeigt sich Hölderlins innere Zerrissenheit. Für diesen schwersten aller Kämpfe war seine sensible Natur zu schwach. Zimmer gelang es durch seine Fürsorge, eine Art weltliche „Teufelsaustreibung“ zu bewirken – auch wenn es echte Teufel nicht gibt und der Begriff historisch oft als Machtinstrument missbraucht wurde. Für moderne Fälle dieser Art ließe sich heute eine klinische Behandlung im Rahmen einer Gesprächstherapie, einer EAT (Ekklesio-Adversative Therapie) in Betracht ziehen.
Zimmers Austreibung der Hölderlinschen Gottangst gestaltete sich wie folgt: Zimmer:
„Da hab ich i genomme mit beide Fäuscht, hab ihn stark zusammengerüttelt, ihn aufn Stuhl gesetzt, hab mit de Händ aufn Tisch geschlage und ihm gesagt, i wollt scho fertig werde mit dem Bösen in ihm. Da hat die Beschtie in ihm [der grausame Bibelgott, d. Verf.], die seinen guten Geist bewältige gewollt, Respekt vor mir bekomme, ischt zu Kreuz gekroche und hat sich nie mehr gemukscht.“
Heutigen Analytikern sind derartige therapeutische „Spitzenleistungen“ fremd. Hölderlin jedoch fühlte sich offenbar im Schutz eines Menschen geborgen, der schlicht stärker war als seine beiden inneren Dämonen: der strafende Bibelgott und der biblische Jesus. Vermutlich wusste Zimmer selbst nicht genau, mit welchen metaphysischen „Bestien“ er es hier eigentlich aufgenommen hatte.
Hölderlins berüchtigtes Toben endete nach dieser drastischen Intervention jedenfalls schlagartig. In der modernen Psychiatrie wird eine solche Beruhigung meist nur noch mit schweren Geschützen erzwungen: Neuroleptika, die mit einer Vielzahl schwerer Nebenwirkungen einhergehen.
Einen solchen Schutz gegen die „Bestien“ bietet die moderne Psychiatrie ihren Patienten heute nicht – oder nicht mehr. Spätestens mit dem Jahr 1918 vollzog sich eine tiefgreifende Zäsur, die den Beginn der Postmoderne markierte. Im Weltkrieg war es zu Schuld, zu Sünden gekommen. Eine verzeihende transzendentale Instanz wurde wieder dringend gebraucht.
Die Gesellschaft, und mit ihr die Psychiatrie, drängte den Höllenglauben wieder in das kollektive Unbewusste zurück – dorthin, woher Denker und Dichter wie Schopenhauer, Nietzsche und Rilke ihn einst mühsam hervorgeholt hatten. Während Goethe seinen Faust noch aus den Fängen der Hölle befreite, katapultierte Thomas Mann ihn in seinem „Doktor Faustus“ bereits wieder hinein.
Leider setzte damit erneut ein – wenn auch verdrängter – Glaube an das Jüngste Gericht ein; der Glaube an einen Jesus, der wiederkehren wird, um ein Gericht abzuhalten und ewige Strafen auszusprechen. Nun ein Gedicht über Hölderlin:
Am langen Fluss
Ein Kind es spielte leise am schwarzen Neckarfluss
Und schaut auf stille Weise und der Morgentau am Fuß
War kalt wie´s Moos
Vater, wo ist deine Hand, die Wärme deiner Wange?
Kaum hab ich sie gekannt, wie ist die Welt mir bange.
Wie ist die Angst mir kalt.
Oh Gott, gib du mir Segen. Vergib mir diesem Kind.
Beschütze mich im Leben, auch wenn wir Sünder sind.
Doch straf mich nicht so kalt.
Ein Kind es spielte leise am schwarzen Neckarfluss.
Herr, richte meine Reise, die ich jetzt gehen muss,
Doch schenk mir Sünder Gnad
Es schaut den schwarzen Turmbau. Gott sieht und hört mein Tun.
Wie sind die Wolken ach so grau. Nur Gutes will ich tun.
Doch schenk mir Sündlein Gnad.
Und heute ich dir schwöre bei meines Glückes Freud,
Mein Leben dir gehöre, morgen und auch heut,
Denn kalt ist es im Moos.
Im Jahr 1801 reflektiert Hölderlin in einem Brief an Böhlendorff die ernüchternden Kehrseiten der Aufklärung:
„Sonst konnt ich jauchzen über die neue Wahrheit, eine bessere Ansicht deß, das über uns und um uns ist, jetzt fürcht ich, dass es mir nicht geh am Ende, wie dem alten Tantalus, dem mehr von den Göttern ward, als er verdauen konnte.“ Und an späterer Stelle: „Aber wenn von selbstgeschlagender Wunde das Herz mir blutet, und tiefverloren der Friede ist…“
Die Emanzipation vom Göttlichen erweist sich als schmerzhafter Prozess; die Demut erscheint da oft als der sicherere Pfad.
Tantalus, der Sohn des Zeus, büßte für den Zweifel an der Allwissenheit der Götter mit den sprichwörtlich gewordenen Qualen der Unterwelt: ewiger Hunger und Durst im Angesicht unerreichbarer Nahrung. Man ist geneigt, Zeus für diese Willkür zu verurteilten. Doch aus heutiger Sicht entlarvt sich der Mythos: Zeus und der gesamte Olymp waren theokratische Konstrukte, politische Instrumente der Geistlichkeit zur Machtsicherung. Selbst das Orakel von Delphi war letztlich kein göttliches Medium, sondern eine Institution im Dienste des Eigennutzes.