Die menschliche Intelligenz brachte auch die menschliche Angst hervor. Da diese Form der Angst offenbar evolutionär effizienter war, trat die reine Instinktangst in den Hintergrund. Kein anderes Lebewesen ist zu einer derartigen Angst fähig; kein anderes kennt die existenzielle Höllenangst. So tritt beispielsweise die Schizophrenie ausschließlich beim Menschen auf – selbst bei Kirchenmäusen ist sie unbekannt. Noch ist kein Tier in der Lage, sich eine Auferstehung und eine anschließende Ewigkeit voller ewiger Folter vorzustellen.
Die Angstanfälligkeit der Deutschen war zwischen den Weltkriegen enorm. Nach dem Ersten Weltkrieg stürzte die Bevölkerung aus relativem Wohlstand in echten Hunger und bittere Armut. Bewusst oder unbewusst nutzte Hitler diese tief sitzende Angst aus. Er konstruierte ein Feindbild aus inneren und äußeren Gegnern, die die Deutschen angeblich ins Verderben treiben wollten. Gleichzeitig glorifizierte er das Deutschtum und gab dem Volk seinen fast vollständig verlorenen Stolz zurück. Wer letztlich die Schuld am Ersten Weltkrieg trug, steht in den Geschichtsbüchern – um das zu verstehen, muss man die historische Entwicklung ab 1850 betrachten.
Natürlich bemühte Hitler auch die Religion und verbündete sich scheinbar mit „Gott“. Waffen wurden gesegnet, und in den Kirchen betete man um Gottes Segen für den „Führer“. Dokumente belegen, dass dies in der Evangelischen Marktkirche in Hannover bis ins Jahr 1944 praktiziert wurde (vgl. Nikolaus von Preradovich / Josef Stingl: Gott segne den Führer, Druffel-Verlag). Dabei dürften im Jahr 1944 längst alle Bischöfe durch die Beichten von Tätern und Mittätern von den Massenvernichtungen gewusst haben. Hitler selbst wurde durch die massive Unterstützung der christlichen Kirchen, die in großem Stil Gottes Segen für ihn erbaten, in seinem Wahn bestärkt. Er mochte tatsächlich glauben, Gott stehe auf seiner Seite. Das erwähnte Buch sollte unter genau diesem Aspekt gelesen werden.
Es war diese fatale Mischung aus existentieller Angst und ausgeprägtem Autoritätsglauben, die das Unfassbare in Deutschland möglich machte. Dieses Geschehen historisch und psychologisch greifbar zu machen, ist von immenser Bedeutung. Denn nur wenn wir die Mechanismen verstehen, können wir verhindern, dass sie sich unkontrolliert an einem anderen Ort wiederholen.

Zu wenig erforscht und gewürdigt ist das Phänomen der damaligen Massenhypnose, wie sie eindeutig von Hitler ausging – eine Dynamik, welche die Zurechnungsfähigkeit eines ganzen Volkes einschränkte. Inwieweit kann eine menschliche Gesellschaft als kollektiver Organismus agieren, vergleichbar mit einem Bienen- oder Ameisenstaat? Militärparaden erinnern in ihrer Mechanik tatsächlich an das synchrone Ausschwärmen von Insekten. Doch was genau ist Hypnose in diesem kollektiven Kontext?
Für dieses Buch gilt der Grundsatz: Weltlichen und geistlichen Autoritäten ist prinzipiell zu misstrauen, sobald sie Gewalt zum göttlichen Willen erklären und beanspruchen, die Gedanken Gottes exakt zu kennen. Wir müssen uns bewusst machen, dass beim Durchschreiten einer Kirchentür oft ein erheblicher Teil des Verstandes durch einen psychologischen Hypnoseeffekt verloren geht – eine Trance, die gleichermaßen auf politischen Großveranstaltungen greift. Wie ist es überhaupt möglich, einen als „Weltvernichter“ und „Höllenvorsteher“ dargestellten Bibelgott anzubeten und zu lieben? Was geschieht dabei in unseren vermeintlich aufgeklärten Gehirnen? Werden wir uns jemals aus dieser geistigen Steinzeithöhle befreien?
Die Intelligenz des Homo sapiens erweist sich als flüchtiger Freund, sobald Emotionen das Handeln bestimmen. In solchen Momenten spaltet sich das Individuum in widersprüchliche Facetten: Moralische Absichten schlagen in Destruktivität um. Als Intellektuelle weiß beispielsweise eine Bischöfin, dass es eine globale Sintflut vor rund 6.300 Jahren historisch und geologisch nicht gegeben hat. Als Gläubige hingegen deklariert sie diese Katastrophe zur unumstößlichen Wahrheit und vermittelt sie so an Kinder. Vehement wird versucht, der nächsten Generation die Motivation des „Allgerechten“ für diese göttliche Endlösung plausibel zu machen: Die Menschen, so die Argumentation von Margot Käßmann, hätten eben angefangen, böse zu sein.
Bezeichnet man diese Flut jedoch – wie ich es tue – als den historisch ersten Holocaust, regt sich der blockierte Intellekt der Gläubigen wieder. Der Begriff wird als Sakrileg wahrgenommen; es gilt als Sünde, Gott einen Holocaust zu unterstellen. Der Bibelgott-Hitler-Vergleich (BHV) mag widerlich erscheinen, doch er ist absolut notwendig. Er bringt ein Stück harte, unzensierte Realität in einen verzerrten Glauben. Wie eine Fulguration – ein plötzlicher, unerwarteter Blitz – soll er das Bewusstsein wachrütteln.

 

Intelligenz und Angst