Søren Kierkegaard litt zeitlebens unter schweren depressiven Phasen, Schuldkomplexen und paranoiden Symptomen – ein Krankheitsbild, das in der Religionsmedizin auch im Kontext ekklesiogener (durch religiöse Erziehung bedingter) Depressionen untersucht wird. Kierkegaard selbst reflektierte dies rückblickend mit den Worten: „Merkwürdig, wie streng ich erzogen wurde. Christlich ist alles Zucht und Erziehung.“
Die Wurzeln dieser tiefen Melancholie lagen in seiner Familie. Als kleiner Junge litt Kierkegaards Vater beim Hüten von Schafen unter bitterer Kälte, Hunger und existenzieller Not. In einem Moment tiefer Verzweiflung stellte er sich auf einen Stein und verfluchte Gott. Diese Tat stürzte den Vater in eine lebenslange, schwere Depression, geprägt von massiven Schuldgefühlen und der Angst vor göttlicher Vergeltung. Geprägt vom alttestamentarischen Gottesbild, nach dem sich die Sünden der Väter bis in das vierte Glied übertragen, projizierte er diese Ängste auf seinen Sohn.
Kierkegaard wuchs daher im Schatten einer ungeheuren, psychisch „vererbten“ Schwermut auf. Die väterliche Strenge entsprang dem verzweifelten Versuch, den Sohn vor Sünden und der drohenden Höllenstrafe zu bewahren. Das Trauma des Vaters prägte das Schaffen des Philosophen nachhaltig: „Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, dessen Lippen so geformt sind, dass seine Seufzer und Schreie sich in eine schöne Musik wandeln, während seine Seele sich in geheimen Qualen windet.“ Auf der Suche nach Erlösung flüchtete sich Kierkegaard schließlich in einen orthodoxen, fast mönchischen Glauben.
Schuld der Eltern? Eindeutig nein. Der Vater war selbst in einer ekklesiogenen Schuld- und Angstneurose gefangen. Schuld der Kirche? Eindeutig ja. Die Kirchen sind sich ihrer historischen Schuld bewusst. In der Psychiatrie ist es hingegen fast schon zum Breitensport geworden, den Eltern die Verantwortung zuzuschreiben. Oft wird eine radikale Trennung des Erkrankten von seiner Familie erwirkt, was tiefe Zwietracht zwischen den Generationen sät. Das muss sich nun ändern.
In selbstquälerischer Konsequenz trennte sich auch Sören Kierkegaard als „Büßer“ von dem Liebsten, das er hatte: seiner Verlobten Regine Olsen. Er glaubte, „sein Liebstes Gott auf den Altar legen“ zu müssen (vgl. Walter Nigg: Sören Kierkegaard. Dichter, Büßer und Denker). Ein großes, aber tragischerweise völlig unnötiges Opfer. Dabei darf man Gott verfluchen – er hält das aus. Kierkegaards Unterbewusstsein hoffte wohl, durch dieses Opfer der Hölle zu entkommen. Die Ursache des Masochismus liegt hier, wie so oft, im verzweifelten Versuch der Höllenvermeidung: Lieber selbst gewählter Masochismus auf Erden als göttlicher Sadismus in der Ewigkeit.
Die sogenannte „endogene Depression“ oder „depressive Episode“ entpuppt sich so oft als ein solcher ecclesiogener Masochismus. Die Erkrankten gönnen sich ein unbeschwertes Leben schlichtweg nicht. Ich erinnere mich an einen Patienten, den ich über Jahre beobachtete: Regelmäßig vor einem geplanten Urlaub wurde er krank. Anstatt sich unter Palmen auszuruhen, zog er – getrieben von einer Manie und ohne die tieferen Zusammenhänge zu ahnen – „lieber“ in die Psychiatrie ein. Sein Unbewusstes verweigerte dem Ich jede Erholung.
Die Opferung der Verlobten war für Kierkegaard somit ein Versuch, der ekklesiogenen Depression zu entkommen. Zudem war Sexualität für ihn Sünde – vielleicht ein unbewusster, zweiter Grund für diesen Verzicht. Der Gott der Bibel lehnt Sexualität ab und zeugt ein Kind ohne den Einsatz „unchristlichen“ Spermas. Zeitlebens verherrlichte Kierkegaard das Leid im christlichen Sinne. Sein Unterbewusstes „wusste“ wohl, dass sein Gott ihn ewig in die Hölle verdammen würde, straft dieser doch schwere Sünden bis ins vierte Glied; und Gott zu verfluchen, gilt als Todsünde. Das Maß der Sünde schien für Kierkegaard daher voll zu sein, weshalb er sich dem Christentum in seiner fundamentalistischsten Form völlig und demütig unterwarf. Die moderne Kirche – die um 1850 ebenso wie später 1968 im Begriff war, sich zu modernisieren – verspottete er wegen ihrer Milde:
„So ging es mit dem Christentum bergab, und nun lebt in der bestehenden Christenheit… ein verzärteltes, stolzes und doch feiges, trotziges und doch verweichlichtes Geschlecht…“
Die Kirche müsse wieder Strenge ausstrahlen und ein klares „Du sollst!“ predigen. Kierkegaard lobt und verherrlicht ein auf Furcht basierendes Christentum, das „jeden Einzelnen durch eine Strenge erschreckte, die man noch nie gekannt hatte: durch die ewigen Strafen“ (in Einübung im Christentum, dritter Teil). „Furcht und Zittern“ vor Gott dürfe eine Kirche den Gläubigen nicht ausreden. Kierkegaard bestätigt mich in meiner Ansicht, dass es sich beim Christentum aufgrund des Dogmas der „ewigen Folterhölle“ um die grausamste und damit verhängnisvollste aller Religionen handelt.
Aus einer verdrängten Urangst vor Gott heraus entwickelte sich Søren Kierkegaard zum glühenden Fundamentalisten. Diese Form der angstbasierten Gottesliebe habe ich als das „Kierkegaard-Phänomen“ definieret. Analytisch betrachtet verbirgt sich hinter seiner oft artikulierten Frömmigkeit nackte Existenzangst – ein Phänomen, das sich auch heute bei vielen dogmatischen Fundamentalisten beobachten lässt, die im Kern unter tief sitzenden Angststörungen leiden.
Historisch betrachtet trieben Kierkegaard akustische Halluzinationen an den Rand des Wahnsinns; unter dem Druck seiner Angst traten paranoide Symptome auf, die klinisch dem schizophrenen Formenkreis zuzuschreiben sind. Psychotisches Stimmenhören erweist sich in solchen Fällen oft als symptomatische Verschiebung innerhalb einer schweren Angsterkrankung. Kierkegaard selbst reflektierte diese Dynamik, indem er dem Leid eine beinahe magische, einnehmende Anziehungskraft zuschrieb und Askese als unumgänglich darstellte. Dieser masochistische Umgang mit dem Schmerz diente ihm als dysfunktionaler Abwehrmechanismus gegen eine schwere Depression.
In Auseinandersetzung mit dieser Psychodynamik entwickelte ich den „Kierkegaard-Test“. https://www.religionsmedizin.de/der-kierkegaard-test/
Der Maler Edvard Munch, der wie kein anderer die Dimension der Angst visualisierte, sah 1929 selbst „gewisse eigenartige Parallelen“ zu Kierkegaard. Munch litt zeitlebens unter dieser kierkegaardschen Angst, geprägt durch schwere Kindheitstraumata. Wie prägend diese frühen Jahre sind, wusste auch Kierkegaard. In seinem Tagebuch (Pap. II A 18) mahnte er zur Vorsicht im Umgang mit Kindern: Niemals dürfe durch eine unbedachte Bemerkung – ein „Höllenbrand, der das Pulver in der Seele entzündet“ – ein verängstigtes Bewusstsein hervorgerufen werden. Solche Traumata verführen unschuldige, sensible Wesen dazu, sich schuldig zu glauben, in Verzweiflung zu stürzen und letztlich in einer Art geistiger Ohnmacht zu erstarren.
Bücherweise schrieb Kierkegaard über die Angst – über seine Angst, die er fälschlicherweise für die Angst vor der Sünde hielt. Das jedoch war nicht seine existenzielle Angst. Kierkegaard fürchtete sich nicht vor der Sünde an sich; seine wahre Angst galt der Bestrafung seiner Sünden. Es war die Angst vor Gottes Feuerfolter – dieselbe Angst, unter der auch unsere Kinder leiden.
Die Hölle konnte Kierkegaard nicht beim Namen nennen. Sie war seine am tiefsten verdrängte Angst. Und sie ist die tief verdrängte Angst unserer Kinder. Befreien wir diese Wehrlosen doch einfach und endlich. Tun wir es gemeinsam – und endgültig.
Søren Kierkegaard litt zeitlebens unter schweren depressiven Phasen, Schuldkomplexen und paranoiden Symptomen – ein Krankheitsbild, das in der Religionsmedizin auch im Kontext ekklesiogener (durch religiöse Erziehung bedingter) Depressionen untersucht wird. Kierkegaard selbst reflektierte dies rückblickend mit den Worten: „Merkwürdig, wie streng ich erzogen wurde. Christlich ist alles Zucht und Erziehung.“
Die Wurzeln dieser tiefen Melancholie lagen in seiner Familie. Als kleiner Junge litt Kierkegaards Vater beim Hüten von Schafen unter bitterer Kälte, Hunger und existenzieller Not. In einem Moment tiefer Verzweiflung stellte er sich auf einen Stein und verfluchte Gott. Diese Tat stürzte den Vater in eine lebenslange, schwere Depression, geprägt von massiven Schuldgefühlen und der Angst vor göttlicher Vergeltung. Geprägt vom alttestamentarischen Gottesbild, nach dem sich die Sünden der Väter bis in das vierte Glied übertragen, projizierte er diese Ängste auf seinen Sohn.
Kierkegaard wuchs daher im Schatten einer ungeheuren, psychisch „vererbten“ Schwermut auf. Die väterliche Strenge entsprang dem verzweifelten Versuch, den Sohn vor Sünden und der drohenden Höllenstrafe zu bewahren. Das Trauma des Vaters prägte das Schaffen des Philosophen nachhaltig: „Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, dessen Lippen so geformt sind, dass seine Seufzer und Schreie sich in eine schöne Musik wandeln, während seine Seele sich in geheimen Qualen windet.“ Auf der Suche nach Erlösung flüchtete sich Kierkegaard schließlich in einen orthodoxen, fast mönchischen Glauben.
Schuld der Eltern? Eindeutig nein. Der Vater war selbst in einer ekklesiogenen Schuld- und Angstneurose gefangen. Schuld der Kirche? Eindeutig ja. Die Kirchen sind sich ihrer historischen Schuld bewusst. In der Psychiatrie ist es hingegen fast schon zum Breitensport geworden, den Eltern die Verantwortung zuzuschreiben. Oft wird eine radikale Trennung des Erkrankten von seiner Familie erwirkt, was tiefe Zwietracht zwischen den Generationen sät. Das muss sich nun ändern.
In selbstquälerischer Konsequenz trennte sich auch Sören Kierkegaard als „Büßer“ von dem Liebsten, das er hatte: seiner Verlobten Regine Olsen. Er glaubte, „sein Liebstes Gott auf den Altar legen“ zu müssen (vgl. Walter Nigg: Sören Kierkegaard. Dichter, Büßer und Denker). Ein großes, aber tragischerweise völlig unnötiges Opfer. Dabei darf man Gott verfluchen – er hält das aus. Kierkegaards Unterbewusstsein hoffte wohl, durch dieses Opfer der Hölle zu entkommen. Die Ursache des Masochismus liegt hier, wie so oft, im verzweifelten Versuch der Höllenvermeidung: Lieber selbst gewählter Masochismus auf Erden als göttlicher Sadismus in der Ewigkeit.
Die sogenannte „endogene Depression“ oder „depressive Episode“ entpuppt sich so oft als ein solcher ecclesiogener Masochismus. Die Erkrankten gönnen sich ein unbeschwertes Leben schlichtweg nicht. Ich erinnere mich an einen Patienten, den ich über Jahre beobachtete: Regelmäßig vor einem geplanten Urlaub wurde er krank. Anstatt sich unter Palmen auszuruhen, zog er – getrieben von einer Manie und ohne die tieferen Zusammenhänge zu ahnen – „lieber“ in die Psychiatrie ein. Sein Unbewusstes verweigerte dem Ich jede Erholung.
Die Opferung der Verlobten war für Kierkegaard somit ein Versuch, der ekklesiogenen Depression zu entkommen. Zudem war Sexualität für ihn Sünde – vielleicht ein unbewusster, zweiter Grund für diesen Verzicht. Der Gott der Bibel lehnt Sexualität ab und zeugt ein Kind ohne den Einsatz „unchristlichen“ Spermas. Zeitlebens verherrlichte Kierkegaard das Leid im christlichen Sinne. Sein Unterbewusstes „wusste“ wohl, dass sein Gott ihn ewig in die Hölle verdammen würde, straft dieser doch schwere Sünden bis ins vierte Glied; und Gott zu verfluchen, gilt als Todsünde. Das Maß der Sünde schien für Kierkegaard daher voll zu sein, weshalb er sich dem Christentum in seiner fundamentalistischsten Form völlig und demütig unterwarf. Die moderne Kirche – die um 1850 ebenso wie später 1968 im Begriff war, sich zu modernisieren – verspottete er wegen ihrer Milde:
„So ging es mit dem Christentum bergab, und nun lebt in der bestehenden Christenheit… ein verzärteltes, stolzes und doch feiges, trotziges und doch verweichlichtes Geschlecht…“
Die Kirche müsse wieder Strenge ausstrahlen und ein klares „Du sollst!“ predigen. Kierkegaard lobt und verherrlicht ein auf Furcht basierendes Christentum, das „jeden Einzelnen durch eine Strenge erschreckte, die man noch nie gekannt hatte: durch die ewigen Strafen“ (in Einübung im Christentum, dritter Teil). „Furcht und Zittern“ vor Gott dürfe eine Kirche den Gläubigen nicht ausreden. Kierkegaard bestätigt mich in meiner Ansicht, dass es sich beim Christentum aufgrund des Dogmas der „ewigen Folterhölle“ um die grausamste und damit verhängnisvollste aller Religionen handelt.
Aus einer verdrängten Urangst vor Gott heraus entwickelte sich Søren Kierkegaard zum glühenden Fundamentalisten. Diese Form der angstbasierten Gottesliebe habe ich als das „Kierkegaard-Phänomen“ definieret. Analytisch betrachtet verbirgt sich hinter seiner oft artikulierten Frömmigkeit nackte Existenzangst – ein Phänomen, das sich auch heute bei vielen dogmatischen Fundamentalisten beobachten lässt, die im Kern unter tief sitzenden Angststörungen leiden.
Historisch betrachtet trieben Kierkegaard akustische Halluzinationen an den Rand des Wahnsinns; unter dem Druck seiner Angst traten paranoide Symptome auf, die klinisch dem schizophrenen Formenkreis zuzuschreiben sind. Psychotisches Stimmenhören erweist sich in solchen Fällen oft als symptomatische Verschiebung innerhalb einer schweren Angsterkrankung. Kierkegaard selbst reflektierte diese Dynamik, indem er dem Leid eine beinahe magische, einnehmende Anziehungskraft zuschrieb und Askese als unumgänglich darstellte. Dieser masochistische Umgang mit dem Schmerz diente ihm als dysfunktionaler Abwehrmechanismus gegen eine schwere Depression.
In Auseinandersetzung mit dieser Psychodynamik entwickelte ich den „Kierkegaard-Test“. https://www.religionsmedizin.de/der-kierkegaard-test/
Der Maler Edvard Munch, der wie kein anderer die Dimension der Angst visualisierte, sah 1929 selbst „gewisse eigenartige Parallelen“ zu Kierkegaard. Munch litt zeitlebens unter dieser kierkegaardschen Angst, geprägt durch schwere Kindheitstraumata. Wie prägend diese frühen Jahre sind, wusste auch Kierkegaard. In seinem Tagebuch (Pap. II A 18) mahnte er zur Vorsicht im Umgang mit Kindern: Niemals dürfe durch eine unbedachte Bemerkung – ein „Höllenbrand, der das Pulver in der Seele entzündet“ – ein verängstigtes Bewusstsein hervorgerufen werden. Solche Traumata verführen unschuldige, sensible Wesen dazu, sich schuldig zu glauben, in Verzweiflung zu stürzen und letztlich in einer Art geistiger Ohnmacht zu erstarren.
Bücherweise schrieb Kierkegaard über die Angst – über seine Angst, die er fälschlicherweise für die Angst vor der Sünde hielt. Das jedoch war nicht seine existenzielle Angst. Kierkegaard fürchtete sich nicht vor der Sünde an sich; seine wahre Angst galt der Bestrafung seiner Sünden. Es war die Angst vor Gottes Feuerfolter – dieselbe Angst, unter der auch unsere Kinder leiden.
Die Hölle konnte Kierkegaard nicht beim Namen nennen. Sie war seine am tiefsten verdrängte Angst. Und sie ist die tief verdrängte Angst unserer Kinder. Befreien wir diese Wehrlosen doch einfach und endlich. Tun wir es gemeinsam – und endgültig.