Martin Luther und seine Religion, eine Psychoanalyse
Die 95 Thesen Martin Luthers zeigen beispielhaft einen Blick auf sein zugrundeliegendes Menschen- und Gottesbild. So heißt es in These 17: „Offenbar haben die Seelen im Fegefeuer die Mehrung der Liebe genauso nötig wie eine Minderung des Grauens.“ In These 23 schreibt er: „Wenn überhaupt irgendwem irgendein Erlass aller Strafen gewährt werden kann, dann gewiss allein den Vollkommensten, das heißt aber, ganz wenigen.“ Und These 94 mahnt: „Man soll die Christen ermutigen, dass sie ihrem Hauptchristus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten.“
Der Urheber dieser Thesen und Übersetzer der Bibel glaubte fest an das Fegefeuer sowie die Hölle und propagierte damit einen religiösen Masochismus. Grundlegendes hat sich im offiziellen evangelisch-christlichen Glauben seit dem Mittelalter nicht verändert. Selbst die physische Existenz des Teufels wurde erst 1993 vom Katholizismus erneut bestätigt – und das ohne jeden nennenswerten Widerspruch der ansonsten so ökumenisch interessierten und engagierten Protestanten.
Die Bibel liefert durch die Darstellung einer göttlichen Grausamkeit letztlich einen negativen Gottesbeweis ihres eigenen Schöpfers. Diese Härte wird jedem Christen besonders dann vor Augen geführt, wenn man sie mit der Tyrannei Adolf Hitlers vergleicht. Es übersteigt unsere Vorstellungskraft, dass ein Gott noch grausamer agieren könnte als jener Despot. Ein solcher Vergleich ist durchaus legitim und notwendig, um Gläubige aus einer gottesdienstlichen Hypnose zu befreien und ihnen den inhärenten Widersinn ihres Glaubens zu verdeutlichen.
Diese Gegenüberstellung ist wissenschaftlich fundiert und sinnvoll, um als Prophylaxe sowie zur Behandlung einer schweren, dogmatisch bedingten psychischen Belastung zu dienen. Einer der ersten, die diesen drastischen Vergleich zogen, war der jüdische Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer. Die Wissenschaft lebt per Definition von Vergleichen. Einer Patientin, die in ihrer tiefen religiösen Krise unwiederbringlich die Hölle auf sich zukommen sah, war von meiner Seite nicht anders zu helfen, als ihr unmissverständlich zu bedeuten: Gott ist kein Nazi. Dies war eine therapeutische Notwendigkeit.
Die sogenannte „moderne“ Missionierung erweist sich hingegen in diesem psychologischen Kontext leider allzu oft als seelischer Missbrauch. Das wird auf Seite 84 des Fotobands „Das Gesicht der Welt“ (Knesebeck Verlag) überdeutlich: Am 20. August 2000 versammelten sich dort tausende angeblich „vom Teufel besessene“ Christen in einem Stadion, um die Hilfe von Exorzisten zu suchen. Dies ist die direkte Folge einer Missionierung, die massiv mit den Ängsten vor Hölle und Teufel arbeitet. Das Buch führt uns drastisch vor Augen, wie grausam Menschen miteinander umgehen können – für zartbesaitete Gemüter ist es definitiv nicht geeignet.
Auch ein Artikel der Zeitung „Die Welt“ vom 11. September 2010 beleuchtet die fatalen Folgen afrikanischer Missionstätigkeit. Darin wird berichtet, wie Priester Kinder zu Teufeln oder „Hexen“ erklären, um anschließend bis zu 200 Euro für eine vermeintliche Teufelsaustreibung zu verlangen. Ein perfides Geschäftsmodell, bei dem doppelt verdient wird.
Ein betroffenes Mädchen berichtet in dem Artikel: „Sie brachten mich in die Kirche... Der Priester sagte, ich solle zugeben, dass ich eine Hexe bin.“ Erst als man dem Kind eine Machete an die Kehle hielt, gab es die Anschuldigung zermürbt zu. Die Berichte sind grausam: Kinder werden an Kirchendecken aufgehängt oder teilweise lebendig verbrannt. Laut UNICEF werden jährlich tausende Kinder Opfer solcher Rituale. Dennoch wurde bislang kaum ein Priester verurteilt – sie gelten oft als zu reich und einflussreich. Die Geistlichen nutzen die existenzielle Angst der Menschen aus: „Ohne mich kommt ihr in die Hölle, ohne mich seid ihr verloren“, zitiert das interviewte Kind die Drohungen.
Zu Weihnachten, am 24. Dezember 2010, äußerte sich Kardinal Lehmann in der „Welt“ zu diesem Thema. Er betonte, der Exorzismus sei in der Kirche dort „zu Hause“, wo „das Böse weichen soll“. Allerdings unterliege dies strengen Regeln; in seiner Kirche dürfe nur der Bischof eine solche Zeremonie genehmigen. Beim religiösen Sender K-TV hört man dagegen ganz andere Ansichten: Dort wird suggeriert, praktisch jeder könne und dürfe Teufel austreiben. Das mangelnde Vertrauen in die moralische Instanz der Kirche überrascht daher kaum: Laut einem Bericht der „Welt“ vom 23. Dezember 2010 trauten im Juni desselben Jahres gerade einmal 23 Prozent der Deutschen der Kirche noch eine moralische Orientierung zu, siehe „Die Welt“, 23.12.10. Bei K-TV hört man allerdings anderes: Jeder könne und dürfe Teufel austreiben.
Nach Luther entkommt der Hölle, wer seine Sünden bereut. Patienten mit einem Sacco - Syndrom ist dies oft nicht möglich, da die eigentliche „Sünde“ dem Patienten unbewusst ist. Er hat diese in der Regel verdrängt. Verdrängung ist nicht ein Vergessen, sondern ein aktiver Prozess des Gehirns. Die Verdrängung der zugrunde liegenden „Sünde“ ist der neurotische Anteil des Syndroms. Durch analytische Offenlegung der „Sünde“ kann der Schritt zur Heilung getan werden, wenn zum Zeitpunkt der Sünde schon ein autobiografisches Gedächtnis angelegt war (ab dem 4. Lebensjahr. Der Kranke erfährt oft in der Analyse, dass es gar keine Sünde war und schon gar nicht eine so schwerwiegende, dass so stark gesühnt oder bestraft werden muss.
Bis zuletzt war Martin Luthers Leben von einer tiefen Höllenangst gezeichnet. In seiner Biografie über den Reformator zitiert Jörg Erb ihn auf Seite 43 mit den Worten: „Meine Feinde setzen mir so wild zu, dass ich auf den Satan nicht genug Acht habe. Bete darum für mich, dass ich nicht denke, rede und schreibe, was meine Feinde verdienen, sondern was Gott gemäß ist.“
Dieses Zitat verdeutlicht: Luther war kein Revolutionär – im Gegenteil. Die tatsächliche Revolution, nämlich ein christlicher Glaube ohne die Hölle, steht unseren heutigen Kirchen erst noch bevor. Dass diese Angst konfessionsübergreifend verbindet, betonte auch Joseph Ratzinger, als er schrieb, dass Katholiken den Glauben an die Hölle mit ihren protestantischen Freunden teilen.
Luther war zutiefst von dieser Angst gequält, man könnte fast von einer „Höllenangstkrankheit“ sprechen. Seine masochistischen Geißelungen in der Jugendzeit zeugen von diesem inneren Druck, den auch die strengste Askese nicht lindern konnte. Seine Kernfrage lautete bekanntlich: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Als theologischen Ausweg fand – oder erfand – er die göttliche Gnade, von der fortan alles abhängen sollte: „Vor Gott gibt es keine Lohnordnung, sondern eine Gnadenordnung“, so Luther.
Bis heute regieren Geistliche mit diesem Begriff der Gnade. Doch eine solche Gnadenordnung Gottes existiert nicht. Sie ist schlicht nicht nötig, weil es auch kein Jüngstes Gericht gibt. Ein Gericht setzt immer das Prinzip von Strafe und Belohnung voraus. Ein liebender Gott jedoch kennt keine Strafe; seine Gnade gilt ohnehin von vornherein allen Menschen. Er richtet uns nicht – vielmehr „macht er uns richtig“, sobald wir die Himmelstür durchschreiten.
Diese theologische Widersprüchlichkeit zieht sich durch die gesamte Kirchengeschichte. Auf dem Konzil von Nicäa wurden Gott, Jesus und der Heilige Geist als wesenseins definiert – ein Dogma, das bis heute für Katholiken und Protestanten gilt, rational aber kaum nachvollziehbar ist. Wie kann sich jemand am Kreuz selbst anflehen: „Lass den Kelch an mir vorbeigehen“?
Folgt man der Trinitätslehre, wäre der richtende Jesus zudem wesenseins mit dem Schöpfer, der die Sintflut brachte. Damit würde er sich als Richter jedoch selbst disqualifizieren. Ein Gott, der für die Grausamkeit der Sintflut verantwortlich zeichnet, kann unmöglich die Täter des Holocausts von 1933–1945 richten.
Auch im Lukasevangelium (Lukas 17) kündigt der biblische Jesus an, er werde bei seiner Wiederkehr als Menschensohn das Strafgericht der Sintflut sowie die Zerstörung von Sodom und Gomorrha in einer Endzeit-Apokalypse wiederholen. Dies verwundert, da sein „Vater“ laut biblischer Überlieferung nach der Sintflut versprach, die Erde nie wieder auf diese Weise zu strafen – einmal sei genug. Welches Wesen hat also im Himmel das Sagen? Die Sachlage hat sich für mich insofern geklärt, als ich den Auferstandenen wegen der Planung eines Terroraktes angezeigt habe. Die Staatsanwaltschaft Freiburg stellte das Verfahren jedoch mit der Begründung ein, Jesus sei „nicht existent“ beziehungsweise verstorben. Damit gibt es Entwarnung: Jesus ist tot.
Der Philosoph Ernst Topitsch pointiert das lutherische Gottesbild treffend: „Luther will also nicht moralisch belehren und führen, sondern er will uns vor dem Herrn des Himmels erbeben lassen und uns auf dessen Gnade verweisen.“ Die Verherrlichung Gottes dränge bei Luther alle moralischen Gesichtspunkte zurück. Die göttliche Macht verliere dadurch den Charakter eines gerechten Herrschers und nehme die Züge eines Tyrannen an, der nach reiner Willkür entscheide.
Damit erweist sich Luther, das Aushängeschild der evangelischen Kirche, in vielerlei Hinsicht als äußerst problematisch. Er war ein glühender Antisemit. Mit seinen Schriften und Pogromaufrufen – etwa der Behauptung, die Juden seien eine 1400-jährige „Plage, Pestilenz und alles Unglück“, weshalb man ihre Synagogen niederbrennen und ihre Häuser zerstören müsse (vgl. Gerd Lüdemann, „Das Unheilige in der Heiligen Schrift“) – legte Luther den ideologischen Nährboden für die Reichspogromnacht und die Shoah. Rabbiner, die weiterhin das Judentum lehrten, sollten nach seiner Auffassung getötet werden. Wolf Biermann fasste dies in der Wochenzeitung Die Zeit (Ausgabe vom 03.11.2011) drastisch zusammen: Luther habe gepredigt, „dass man die Juden auf der Straße totschlagen soll wie Ratten.“ Die führenden Ideologen des Nationalsozialismus waren somit tief von Luther und bestimmten biblischen Traditionen geprägt.
Es ist eine historische Tatsache, dass führende Nationalsozialisten sich auf Martin Luther und die Bibel beriefen. Julius Streicher, Gauleiter und Herausgeber des Hetzblattes Der Stürmer, rechtfertigte seine Mitverantwortung an den Judenverfolgungen beim Nürnberger Prozess 1946 direkt mit dem Reformator. Streicher argumentierte, er habe nur das umgesetzt, was Luther von jedem gläubigen Christen gefordert habe. In der Tat setzte Luther in seinen späten Schriften die Juden mit dem Teufel gleich (nachzulesen bei Hans-Jochen Gamm, Judentumskunde). Zudem bekräftigte Luther das theologische Dogma, dass jede Herrschaft – mithin auch die Diktatur Hitlers – gottgegeben sei.
Dieses Denken zeigte sich auch in der Reichskristallnacht, als der thüringische Bischof Sasse begeistert ausrief, dass nun endlich die Synagogen brannten, und dies als Erfüllung von Luthers Vermächtnis darstellte.
Dass die Zeitung Die Welt im April 2011 Luther mit der Note „Sehr gut“ bewertete, ist angesichts dieser Verstrickungen unverständlich. Ebenso befremdlich wirkt das Beharren der evangelisch-lutherischen Kirche auf ihrem Namen und der fortwährenden Verehrung Luthers. Meine Aufforderung an die EKD, von diesen Feierlichkeiten Abstand zu nehmen, blieb bisher ohne Konsequenzen.
Eng damit verknüpft ist das theologische Problem von Johannes 8,44. Hier werden die jüdischen Nachkommen Abrahams als Söhne des Teufels stigmatisiert. Es steht zu vermuten, dass rücksichtslose Verfasser diese Worte lange nach Jesu Tod konstruiert haben. Der wahre Jesus der Nächstenliebe hätte niemals so pauschal geurteilt. Diese Passage begründet für viele eine Mitschuld der biblischen Tradition an den Kreuzzügen und an Auschwitz. Der Antisemitismus wurde so in der Heiligen Schrift religiös legitimiert. Hitler nutzte dieses Fundament, und die unkritische Weitergabe dieser Verse begünstigt den Antisemitismus bis in die Gegenwart.
Der Islamexperte Pfarrer Eberhard Troeger äußert in der Zeitschrift „idea Spektrum“ (Nr. 7/2011), dass Abraham historisch-theologisch nur für das Judentum als Ahnherr gelten könne, nicht jedoch für die Araber. In diesem Kontext bezieht er das kontroverse Bibelzitat aus Johannes 8,44 ausschließlich auf die jüdische Bevölkerung. Diese Passage, in der von einer „Teufelskindschaft“ gesprochen wird, bezeichnet der Theologe Gerd Lüdemann als einen „bedauerlichen Höhepunkt“ des biblischen Antijudaismus. Auch der Erziehungswissenschaftler Hans-Jochen Gamm betont in diesem Zusammenhang die historische Schuld der Kirchen gegenüber Israel.
Die pauschalisierende Herabwürdigung von Juden als „Kinder des Teufels“ berührt in Deutschland den Tatbestand der Volksverhetzung (§ 130 StGB) und verstößt gegen das Diskriminierungsverbot der europäischen Gleichbehandlungsrichtlinie (2000/43/EG). Aus dem Umfeld von Patienten wird zudem die Sorge geäußert, dass eine solche antijüdische Auslegung von Johannes 8,44 auch heute noch an Radikalisierungsstätten oder Schulen transportiert werden könnte.
Trotz kritischer Eingaben hält die Kirche in ihren offiziellen Lesungen oft an der traditionellen Formulierung fest – getragen von einem konservativen Schriftverständnis, das den Text als unfehlbares Gotteswort bewahren möchte. Anstatt durch historische Fußnoten oder Klarstellungen zu verdeutlichen, dass diese Passagen nicht als zeitloses göttliches Urteil über eine gesamte Religionsgemeinschaft verstanden werden dürfen, nimmt man die Gefahr in Kauf, die Figur Jesu als Urheber eines tief verwurzelten Antisemitismius erscheinen zu lassen.
Innerkirchlich und akademisch bleibt das Thema hochgradig kontrovers, wie unter anderem die Alttestamentlerin Gerlinde Baumann dokumentiert. Die historische Rezeptionslinie dieser Textstelle ist verheerend: Im Nationalsozialismus wurde Johannes 8,44 propagandistisch instrumentalisiert, um in Konzentrationslagern die Entmenschlichung jüdischer Häftlinge voranzutreiben. Auch Martin Luthers Antijudaismus wurde durch solche Bibelpassagen nachweislich verstärkt – eine Tradition der Ausgrenzung, auf die sich Jahrhunderte später auch die nationalsozialistische Ideologie stützte.
Zugute gehalten wird Luther eine „Abschaffung des Zwanges“ zur Beichte. Das ist nicht korrekt. Luther setzt einen inneren Zwang zur Beichte dort, wo ihn der Papst äußerlich setzte. Wer nicht beichte, für den gelte das Evangelium nicht (der komme demnach in die Hölle), so Luther in seinem „Großen Katechismus“, dem großen Kinderlehrbuch.Der dänische Schriftsteller Peter Hoeg ist von Luther nicht begeistert. Hoeg: „Leider bieten christliche Gemeinschaften, insbesondere die evangelisch-lutherische Kirche, keine Unterstützung für Menschen, die ihr Leben spirituell zu verbessern suchen. Luther war überzeugt, dass der einzelne nichts tun kann, um sich den großen Fragen nach Leben und Tod annähern zu können... . Und dann gibt es noch eine Vorausbestimmung, wer ins Paradies kommt und wer verloren geht. Das ist so... Gott entscheidet ohne den Menschen.... So werden die Leute in eine passive und hilflose Position gebracht.“ Hoeg hält die Situation für eine „tragische“. Die Situation muss und kann verändert werden! Verändert wird eine Kirche aber speziell durch eine Reform „von unten“, von den Gemeindemitgliedern, so Bischöfin Dr. M. Käßmann. Leider ist diese Population noch seltsam still und oft mehr demütig und furchtsam andächtig als intellektuell kämpferisch oder gar mutig. C. G. Jung sieht Protestanten ihrem Glauben gar „schutzlos“ ausgeliefert. Selbst hochangesehene Juristen trauen sich nicht, die Apokalypse als Verbrechen einzustufen. Zuletzt noch einzelne Kernsätze Luthers:
„Die Furcht kommt aus dem Ansehen der Drohungen und furchtbaren Gerichte Gottes, vor dessen Angesicht niemand rein, niemand kein Sünder, niemand unverdammlich ist...“ Jedermann, auch unsere Kinder, soll also Angst haben. Ein jeder habe eigentlich vor Gottes Angesicht die Hölle verdient. Noch grausamer kann „Religion“ nicht sein.
„Die Sünde muss ganz getötet sein, oder sie wird dich töten.“ „Ja, wer Christi Bruder und Miterbe sein will, der denke auch ein Märtyrer und Mitleider zu sein.“ Hier ruft Luther zum Masochismus auf. Diesem Aufruf folgen heute noch abertausende „endogen“ Depressiver. Es wird hier, schon vor und von Kindern (!), ein Leiden hier auf Erden gefordert, das dem des Jesus am Kreuz entspricht. Dabei hatte der doch gesagt: Das Leben sei ein Fest. Mitleid, auch Mitleid mit Kindern war nicht Luthers große Stärke. Er arbeitet heute noch der Psychiatrie in die Hände.
„Es ist wahr, dass sich der Teufel jetzt so, dann wieder anders sehen und hören lässt... lass ihn darnach scharren und poltern, wie lange er will... Sage,... du bist der Teufel und bleibst der Teufel. Mir ist selbst oft widerfahren, dass er ein Gepolter im Hause angerichtet hat und mich hat schrecken wollen.“ Luther litt also entweder unter Halluzinationen, oder er hielt einen harmlosen Marder für den Teufel. Wenn ich, lieber Leser, den Teufel real oder im Wahn poltern höre, dann sage ich Ihnen sogleich Bescheid. Und: Erlauben Sie mir als Religionsreformer an dieser Stelle, die Hölle, oder besser den Aberglauben daran, jetzt endgültig abzuschaffen. Das ist bzw. war doch nun wirklich überfällig!
Unser Bestreben ist auch, das gültige Kinder-Lehrbuch des Lutherglaubens in der mir vorliegenden Form abzuschaffen: „Dr. Martin Luthers kleinen Katechismus mit Erklärungen“. Es ist in jeder Buchhandlung zu haben. Katechismus heißt übersetzt Lehrbuch für Kinder. Luther erklärt unseren Kleinen die Bibelstelle 2Thess.1,7-9, wo es heißt: „Der Herr Jesus wird offenbar werden… mit Feuerflammen, Rache zu geben über die, so Gott nicht kennen, und über die, so nicht gehorsam sind dem Evangelium unseres Herrn Jesu Christi, welche werden Peil leiden, das ewige Verderben…“
Luthers Erklärung der Verdammnis ist nun die: „Es ist die unaufhörliche Verwerfung von dem fröhlichen Angesicht Gottes zu unaussprechlicher Pein und Qual an Seele und Leib unter der schrecklichen Gesellschaft der bösen Geister in der Hölle.“ Im Vorwort loben ein Geistlicher und ein Theologieprofessor das Büchlein mit den Worten: Unentbehrliche Grundlage für den Religionsunterricht in Kirche und Schule. Es sei ein „ideales Hilfsmittel“. Es „hilft“ der Psychiatrie, schwer Erkrankte und viel Arbeit zu bekommen.

Ein noch gesundes Alsterdorfer Schulkind malt seine "Schuld" am Kreuz