
Deja, Mallorca / Öl auf Leinwand, 1990, F. Sacco
Musik ist ein uraltes Phänomen und älter als unsere Sprache. Sie kann auf uns therapeutisch wirken aber auch krankmachend. Sie wird in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet, Sprache dagegen in der linken (gilt für Rechtshänder). Kirchenmusik diente im Mittelalter speziell der Verherrlichung Gottes. Gotische Kirchen mit ihrer berühmten, durch den Kirchenbau bedingten Hallwirkung sind die überzeugendste Demonstration der Allmacht eines Gottes, hier des Christengottes. Musik versetzt uns in einen Rausch, von dem wir nicht wissen, was er bei uns bewirkt.
Der Musikforscher Stefan Kölsch von der Freien Universität Berlin erklärt: „Musik weckt Emotionen und kann die Aktivität im Gehirn modulieren“. Harmonische Musik aktiviert andere Gehirnareale als disharmonische Klänge, unter denen Versuchspersonen nachweislich „leiden“. Dieses Empfinden bei disharmonischer Musik lässt sich quantitativ durch die sogenannte „early right anterior negativity“ (ERAN) nachweisen. Der entsprechende Messwert im EEG ist das negative Potenzial nach 400 Millisekunden, bekannt als N400-Wert.
Es ist davon auszugehen, dass Komponisten traditionelle Kirchenlieder über die Hölle oder massive menschliche Schuld mit der bewussten Intuition verfassten, religiöse Dogmen auch musikalisch spürbar zu machen. Die monumentale Gewalt von Orgelmusik und Kirchenglocken verankert Gefühle von Schuld und Angst beinahe gewaltsam im Unterbewusstsein. Studien deuten darauf hin, dass diese Prägung bereits pränatal im Mutterleib stattfindet – was beweist, dass angeborene Eigenschaften nicht zwangsläufig genetisch vererbt sein müssen.
Laut Prof. Dr. Dr. h. c. Hans-Helmut Decker-Voigt, dem ehemaligen Direktor des Instituts für Musiktherapie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, prägt die im Mutterleib gehörte Musik ein Leben lang (FMD Impulse, März 2012). Das Ungeborene nimmt zum einen die akustischen Reize wahr, zum anderen kommt es mit plazentagängigen Botenstoffen in Kontakt. Diese signalisieren dem Kind direkt den emotionalen Zustand der singenden oder hörenden Mutter – ein Prozess, den Decker-Voigt als „Unterhalt aus der Plazenta“ bezeichnet.
Musik wirkt somit im positiven wie im negativen Sinne. Besonders sensible, sogenannte „high-reactive“ Babys (nach Jerome Kagan) – die etwa 20 Prozent aller Kinder ausmachen – können bereits als Embryo eine biologische Stressreaktion (wie eine „Gänsehaut“) zeigen und einen bedrohlichen Eindruck von der Welt gewinnen, noch bevor sie geboren sind. Die tiefenpsychologischen Auswirkungen von Musik werden erst in der heutigen Zeit genauer erforscht. Wenn Psychiater vorschnell argumentieren, ein Kind sei „bereits autistisch auf die Welt gekommen“, und daraus eine rein genetische Ursache ableiten, vernachlässigen sie oft, dass das Kind zu diesem Zeitpunkt bereits eine prägende neunmonatige Phase im Mutterleib durchlebt hat. Und die ist oft von übler oder gar übelster Qualität.
Auch Dr. med. Christel Schweizer und Dr. phil. Jirina Prekop aus dem Pädiatrischen Zentrum Olgahospital Stuttgart äußern sich im Buch „Was unsere Kinder unruhig macht...“ Thieme, zum neuen Wissen über pränatale Störungen bei Ungeborenen. Hier finden u.a. Ängste der Mutter Erwähnung, die auf biochemischem Weg übertragen werden und so zu Ängsten des Kindes werden. Gefühle wie Stress oder fehlendes inneres Gleichgewicht würden sich unmittelbar aufs Kind übertragen. Auch diese Autoren wissen: „Deshalb ist es nicht einerlei, was man dem Kind im Mutterleib zum Hören anbietet.“
Die psychologische und neurologische Wirkung von Kirchenmusik auf das menschliche Unterbewusstsein – und insbesondere auf die vorgeburtliche Entwicklung – wird in ihrer Tragweite oft unterschätzt. Bereits in der Evangelischen Zeitung vom 5. Februar 2012 wurde darauf verwiesen, dass sakrale Musik „Trauer und Angst“ nicht nur ausdrücken, sondern auch intensiv vermitteln und erzeugen kann. Durch die dort beschriebene „besonders intensive Textdeutung“ entstehe ein Zustand, in dem gleichsam „doppelt gebetet“ werde. Kritisch betrachtet bedeutet dies jedoch auch, dass traumatische Emotionen wie Angst und Trauer unter Umgehung der rationalen, korrigierenden Vernunft direkt auf den Fetus übertragen werden können.
Neurologen bezeichnen jene tiefgreifenden emotionalen Reaktionen als „Thrills“, die laut dem Hermannsburger Pastor M. Köhler „ganz tief in die Seelen“ eindringen. Musik erfährt hierbei eine neuronale Sonderstellung, da sie in anderen Hirnregionen verarbeitet und gespeichert wird als rein kognitive Informationen (vgl. Klinke, 2012).
Ein prägnantes Beispiel für diese emotionale Wucht ist Giuseppe Verdis Requiem, das explizit die existenzielle Panik vor dem jüngsten Gericht („Dies irae“) und der Verdammnis transportiert. Dieser suggestiven „Sogkraft“ könne sich kaum jemand entziehen, so die Dramaturgin Susanne Stähr.
In Kombination mit der hypnotischen Wirkung repetitiver sakraler Strukturen wirft dies medizinische Fragen auf: Der Neurobiologe Gerald Hüther betont die fundamentale Bedeutung „vorgeburtlicher Erfahrungen“ für die neuronale Programmierung des Ungeborenen. Analog dazu warnt der Psychologe Harald Wurmser vor den langfristigen Folgen „unverarbeiteter Ängste aus der Schwangerschaft“ auf die spätere kindliche Verhaltensregulation. Während C. G. Jung diese Phänomene mangels neurobiologischer Daten noch als rein evolutionäre „Vererbung“ von Archetypen deutete, zeigt die moderne Forschung eine direkte Epigenetik und Pränatalpsychologie auf.
Aus diesen neurobiologischen und psychologischen Erwägungen heraus lässt sich argumentieren, dass der Kirchenbesuch einer Schwangeren im zweiten und dritten Trimenon eine erhebliche Belastung für das ungeborene Kind darstellt. Die Parallele zur fruchtschädigenden Wirkung von Contergan im ersten Schwangerschaftsdrittel drängt sich formal auf, wenn man die psychologische Toxizität betrachtet: Viele Kirchenlieder transportieren in Text und Melodieführung eine Subtext-Gewalt, die durch das mächtigste sakrale Instrument – die Orgel – physisch und psychisch verstärkt wird.