Papst Benedikt warnt den Klerus vor dem Bewirken eines Sacco-Syndroms
Der Papst äußert sich in seinem Buch „Salz der Erde“ bemerkenswert offen: Geistliche müssten „auch drohen können“ und eine „Drohgebärden“-Haltung einnehmen. Doch womit drohen Kleriker Kindern eigentlich? Die Antwort liefert Bischof Nikolaus Schneider, der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD: Man droht nicht mit einem einfachen Handyverbot, sondern mit dem jenseitigen Gericht Jesu und den daraus resultierenden Strafen – dem „ewigen Feuer“. Die Botschaft Jesu von der Feuerhölle sei eine „verstörende Botschaft“, schreibt der Ex-Chef der evangelischen Kirche in seinem Buch „Von Erdenherzen und Himmelschätzen“ (S. 54). In der Tat: Diese Botschaft macht krank. Zudem bleibt sie im juristischen Sinne Makulatur, da die biblischen Schriften von keinem historischen Verfasser unterzeichnet wurden.
Und wie sieht es bei dem Kardinal aus Marktl am Inn aus? Geistliche müssten auch einmal „draufschlagen“, so die Anweisung des Papstes im selben Buch. Getroffen werden sollen die „Dickhäuter“, die die christliche Botschaft nicht leben. Doch wenn ein Geistlicher ein Kind schlägt, wirkt es auf das Kind, als würde Gott selbst es schlagen. Da in der Gerichtsbotschaft Jesu ein „beunruhigendes Element“ liegt, hinterlässt sie tiefe Spuren: Sie produziert verängstigte, unruhige Kinder. Die Folge kann eine ecclesiogene (kirchenbedingte) ADS sein. In dieser harten pädagogischen Linie erweisen sich der katholische Papst und sein protestantischer Kollege Schneider als erschreckend einig.
Doch Benedikt macht auf eine sehr große Gefahr aufmerksam: Er beschreibt die Möglichkeit der raschen Entwicklung eines kirchenbedingten Sacco-Syndroms – eine Krankheit, der ich einen Namen geben musste, weil sie keinen hatte. Es gebe „empfindsame, schon fast kranke Seelen“, die man „schnell in die Angst“ vor der Hölle „hinabstößt“. Aus beinahe kranken Kindern macht die Kirche dann so richtig Kranke, Sacco-Kranke. Das sieht der Heilige Vater als große Gefahr an. Die Fast-Kranken müssten rasch „aus der Furchtzone herausgeholt werden“. Denen müsse man viel über die Gnade erzählen. Denn der Richter Jesus könne ja durchaus auch gnädig sein und nicht in die Hölle schicken. Ja, das wurde uns allen Christen schon als Kindern gelehrt: Er sei denen gegenüber gnädig, die ihn lieben. Die nicht wider den Heiligen Geist gesündigt haben – wie das Kind Sonja, das sich in der Kirchenbank stieß, deshalb leise "kruzifix" rief und dem man das nicht vergab. In keiner Beichte. Sonja zog sich eine ecclesiogene Schizophrenie zu.
Doch diesen Spagat bekommt der Ex-Papst nicht hin. Kein Geistlicher bekommt ihn hin. Benedikt ruft zum „Draufschlagen“ auf. Dieses Draufschlagen, das der Papstbruder Georg – und nicht nur er – dann auch so bruderfolgsam an seinen Domspatzen umsetzte, ist heute per Gesetz verboten. Auch die Aufrufe und Befehle zur Gewaltanwendung sind verboten. Zudem fehlt Benedikt, dem Intellektuellen, sowohl das Herz als auch die Ausbildung, um diejenigen Kinder auszumachen, denen Schläge angeblich helfen – zum liebenden Christentum hin, von der ewigen Hölle weg. Es gibt nämlich Dickhäuter, die erst durch erfahrene Gewalt zu Dickhäutern wurden; die demnach Opfer sind. Das lernt man in der Sozialarbeit. Josef Ratzinger hat keine Ausbildung in dieser Art von Psychoanalyse vorzuweisen. Ein Großteil seiner Priester hat allenfalls eine Schnellausbildung in Sachen Kinderpsychologie absolviert – gegebenenfalls mit dem Zusatzfach Exorzismus. Auch für Letzteres führte Papst Benedikt weltweit Schnellkurse ein.
Die Amtskirchen stünden – folgt man den Warnungen Benedikts – vor einer logistischen Herkulesaufgabe: Sie müssten fortan zwei getrennte christliche Kindergärten, getrennte Gottesdienste und einen differenzierten Religionsunterricht anbieten. Die eine Variante für die „empfindlichen“ Kinder, denen man das Konzept der Hölle nur mit äußerster Vorsicht beibringen darf; die andere für die „Dickhäuter“, bei denen man – ob nun real oder im übertragenen Sinne – härtere Saiten aufziehen muss. Eine gemeinsame christliche Erziehung kann beiden „Spezies“ schlicht nicht gerecht werden.
Immerhin listet das evangelische Gesangbuch gut 100 Lieder über den Teufel und die Hölle Jesu auf – flankiert von weiteren 150 Strophen über jene Gnade, die überhaupt erst nötig ist, um dieser Hölle zu entgehen. Das Fazit liegt nahe: Man müsste die Kinder konsequent trennen und sie völlig unterschiedliches Liedgut singen lassen. Zeilen wie „So du nicht Buße tust, dein Seel und Leib dort brennen muss“ sind wohl nur für Benedikts „Dickhäuter“ ein heilsamer Gesang, um im Jargon des Klerus zu bleiben. Der unfassbare Titel dieses Liedes lautet übrigens: „So wahr ich lebe, spricht dein Gott“. Da wendet sich der sonst so stille Gott also einmal höchstpersönlich an die Kleinsten.
Doch es gibt Ausnahmen unter den Geistlichen. Ich selbst, ebenfalls zum Priester geweiht, habe noch nie ein Kind in den Höllenschlund des sogenannten „Sacco-Syndroms“ gestoßen. Im Gegenteil: Im Rahmen einer EAT (Ekklesio-Adversativen Therapie) rede ich Sacco-Erkrankten die Hölle konsequent aus und entlarve sie als das, was sie ist: pure Kirchenreklame und das fundamentale „Geschäft“ der Institution. Eigentlich ist es bereits gesetzlich verboten, derartige Höllenängste zu schüren, ohne auch nur den geringsten Beweis für eine solche ewige Folterkammer vorlegen zu können. Zudem gilt Jesus juristisch als tot; das Wunder seiner Auferstehung besitzt in der Jurisprudenz keinerlei Gültigkeit. Dass die Sache mit der Hölle letztlich ein reines Geschäftsmodell ist, gab in einem schwachen Moment sogar Bischof Nikolaus Schneider im Spiegel (Ausgabe 43/14) offen zu.
Ich rede die Hölle betroffenen Klienten aus, denn ein Sacco-Syndrom ist in seiner voll entwickelten Form, wenn es wie üblich mit einer schweren Depression einhergeht, im Durchschnitt bedeutend belastender als jede andere psychische Erkrankung. Ich weiß von einem Erkrankten, der mit dem Kopf gegen eine Wand rannte, um bewusstlos zu werden. Neuroleptika und Diazepan schlugen nicht an. Die „Gewissheit“, in eine ewige Hölle zu kommen, richtet innerpsychisch Schreckliches an.
Spätestens jetzt müssen all diejenigen umdenken, die das Sacco-Syndrom totzuschweigen versuchen – wie etwa Chefarzt Prof. Diefenbacher und seine Kollegen aus Berlin oder Dr. am Berg (Name geändert) aus Niedersachsen. Der Psychoanalytiker Tilmann Moser hat recht: Das Sacco-Syndrom gibt es „millionenfach“. Denn nur die wenigsten Kinder besitzen die vom Papst beschriebene „Dickhäutigkeit“. Die allermeisten unserer Kleinen sind zutiefst empfindlich und sensibel; sie glauben dem Klerus bedingungslos. Wenn Geistliche mit der Drohkulisse der Hölle arbeiten, trifft das diese sensiblen Seelen hart – und oft genug tödlich.
In dem Buch „Salz der Erde“ entlarvt der Papst ungewollt auch die Lebenslüge der etablierten Psychiatrie. Diese behauptet einerseits, es gebe keine ecclesiogenen (kirchlich verursachten) Schäden und somit brauche es auch die Diagnose des Sacco-Syndroms nicht. Auf der anderen Seite schickt sie Betroffene zur „Therapie“ zurück zum verursachenden Klerus (siehe Die Zeit, 31.03.2010). Damit werden die Erkrankten systematisch aus dem qualitätsgesicherten Gesundheitssystem ausgeschleust.
Auf die Gefahr negativer Gottesbilder weist auch der Mönch Meinrad Dufner hin. Er weiß, wovon er spricht: Er arbeitet im Recollectio-Haus in Münsterschwarzach und beschreibt diese Arbeit in seinem Buch „Gottestäter“. In dieser kirchlichen Einrichtung werden Priester und Ordensleute therapiert, die selbst am Sacco-Syndrom gelitten haben – aber auch jene „Täter“, die mit ihren Drohungen die Gläubigen krank gemacht haben. Wir brauchen dringend ein anderes Gottesbild jenseits der Bibel, denn die Heilige Schrift transportiert durch Erzählungen wie die Sintflut oft das Gegenteil von Heilung. „Richter gibt es genug auf Erden“, heißt es im Buch Gottestäter. Das für Kinder so bedrohliche, ewige „KZ Hölle“ des Klerus muss endlich ausgedient haben. Es ist fundamentalistisch und widerspricht unseren verfassungsrechtlichen Werten.