
Die Psychoanalyse Adolf Hitlers, der Masse und ihrer Religion
Ein nahezu zum Scheitern verurteilter Klärungsversuch
Das Thema ist umfangreich, aber gerade in der heutigen Zeit von brennender Aktualität. Die Geschichte neigt dazu, sich zu wiederholen. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen drängt sich die Frage auf: Sind viele Politiker pathologischer gepolt, als wir es hoffen?
Dieser Artikel verfolgt vor allem ein Ziel: Prävention. Wie lassen sich terroristische Systeme verhindern? Eine Antwort darauf fällt leichter, wenn wir diese Systeme und ihre Anführer psychoanalytisch betrachten. Was geht in ihren Köpfen vor? Wie wurde das Denken der Masse so manipuliert? Wurde auf später gewalttätige Politiker in ihrer Kindheit selbst Terror ausgeübt, sodass diese Saat später aufging? Müssen wir die Systeme bekämpfen und umgestalten, die die wahre Ursache für grausame Menschen und zerstörerische Regime sind? Wird man als Verbrecher geboren oder dazu gemacht? Ist es am Ende die Angst – reale wie auch eingebildete –, die speziell den Menschen so bösartig werden lässt? Und die unbequemste Frage von allen: Wären wir selbst zu einem Hitler geworden, hätten wir seine Gene, seine Familie, seine Lehrer, sein Umfeld, sein Volk, seine Kirche und seine Traumata geteilt?
Nicht nur Claude Lanzmann (Regisseur des Films Shoah, 1985) bezeichnet Versuche, Hitler als eingeschränkt zurechnungsfähig oder krank darzustellen, als „obszön“ und rückt sie in die Nähe der Holocaustleugnung. Doch darf man als Analytiker an dieser Stelle schweigen? In der Medizin und der Rechtswissenschaft existiert im Zusammenhang mit schweren Verbrechen auch das Konzept der Unzurechnungsfähigkeit. Wir dürfen keine Tabus dort errichten, wo dringende Ursachenforschung und eine offene Diskussion notwendig sind. Um Täter nachhaltig zu identifizieren, muss man auch die Bedingungen verstehen, die diese Täter erst hervorbringen.
Ein bezeichnender Widerspruch zeigt sich in der Religion: Gläubige Juden und Christen schreiben ihrem Gott mit der Sintflut noch heutzutage einen eigenen Genozid zu, ohne in dieser vermeintlichen „Endlösung“ auch nur die geringste Schuld ihres Schöpfers zu sehen. Hier wird ein Massenmord – vorbei an § 131 StGB (Gewaltdarstellung) – verherrlicht sowie verharmlost. Der als Täter hingestellte „Gott“ bleibt unangetastet. Aus diesem Grund habe ich Bibel-druckende Verlage wegen der Schilderung der Sintflut angezeigt. Ein Holocaust wird nicht dadurch gerecht, dass ein realer oder imaginierter Gott ihn vollstreckt.
Historisch und psychologisch betrachtet kommt Hitler keineswegs aus dem Nichts. Er kann als geistiger Sohn so einiger Denker gelten. Oft sind es solche Denker, Ideologen, aber auch von Verlustängsten geplagte Multimillionäre, die den Nährboden für das an sich Unfassbare schaffen.
Der „Führer“ selbst erweist sich durch seinen dokumentierten sexuellen Sadomasochismus letztlich als ein Angstpatient. Sadomasochismus wurde in der frühen Psychoanalyse, unter anderem von Sigmund Freud, als eine Form der Sublimierung oder als Folge frühkindlicher sexueller Repression gedeutet. Historisch wurde er häufig mit Angstneurosen in Verbindung gebracht; so sah beispielsweise C. G. Jung eine Ursache für die Angst vor gelebter Sexualität oft in einer tiefen, religiös geprägten „Gottangst“. Nach heutigem medizinischem und psychologischem Erkenntnisstand gilt Sadomasochismus jedoch nicht pauschal als Erkrankung oder Persönlichkeitsstörung. Er wird vielmehr als sexuelle Präferenz (Paraphilie) verstanden, die – solange sie einvernehmlich praktiziert wird – keinen Krankheitswert besitzt. Eine rechtliche Unzurechnungsfähigkeit lässt sich daraus nicht unbedingt ableiten. Einer diesbezüglichen und endlichen fachgerechten psychiatrischen Beurteilung entzog sich der Führer per Suizid. Was also bleibt, ist Spekulation.
In der historischen Forschung wird immer wieder über einen möglichen Zusammenhang zwischen körperlichen Anomalien und psychischen Auffälligkeiten bei Adolf Hitler diskutiert. So belegen Dokumente des Gefängnisarztes Josef Brinsteiner aus dem Jahr 1923, dass bei Hitler ein Hodenhochstand vorlag. In der Sexualwissenschaft wird vermutet, dass solche organischen Befunde oder auch eine sexualfeindliche Erziehung eine Scheu vor dem anderen Geschlecht und damit Abweichungen von der heteronormativen Sexualität begünstigen könnten. Im Umfeld des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld kursierten zahlreiche Berichte über Hitlers dort bekanntes Sexualleben. Der dort tätige Arzt Dr. Ludwig Levy-Lenz schrieb in seinen Memoiren („Diskretes und Indiskretes“), basierend auf Erzählungen von Patienten am Institut, Hitler habe extrem unkonventionelle sexuelle Neigungen aufgewiesen. Nach seiner Machtübernahme schloss Hitler folgerichtig das Institut.
Diese Dynamiken spiegelten sich auch in Hitlers privatem Umfeld wider. Der ungeklärte Tod seiner Nichte Geli Raubal im Jahr 1931, die an den Folgen eines Durchschusses im Brustbereich (einige historische Quellen sprechen vom Unterleib) verstarb, wirft bis heute Fragen auf. Offiziell wurde ein Tod durch Suizid bestätigt. Eine tiefgreifende polizeiliche Untersuchung des Todesfalls wurde damals von der bayerischen Justiz mit der unterstellten Absicht unterbunden, Hitlers Karriere nicht zu verhindern – eine Entscheidung, die den weiteren politischen Aufstieg Hitlers maßgeblich begünstigte. War es Mord? Vorwiegend die englische Presse favorisierte es als solchen. Die Schusswaffe stammte von Hitler, nach anderer Quelle von seinem Chauffeur Maurice. Dem Vorfall ging ein Eifersuchtsdrama voraus, fußend auf einem Dreiecksverhältnis. Maurice hatte den Wunsch einer Heirat mit Raubal angekündigt. Der entrüstete, selbst sexuell mit seiner Nichte verbundene Hitler entließ ihn. 62 Statements in den Polizeiberichten sollen nicht den Fakten entsprochen haben. Der Todeszeitpunkt soll manipuliert worden sein – Hitlers Alibi damit hinfällig.
Anzunehmen ist, dass Hitler psychisch zutiefst traumatisiert war und als „Angstpatient“ in seiner Kindheit unter schweren Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen litt. Diese waren die Folge ständiger Vorwürfe und Kränkungen durch sein Umfeld. Kompensatorisch entwickelte sich daraus ein Größenwahn, wie er in ähnlicher Form auch bei Friedrich Nietzsche auftrat. Im Gegensatz zu dem Denker ging Hitler jedoch nicht an seinen Schuldgefühlen zugrunde. Bemerkte er als Erwachsener überhaupt noch Schuldgefühle bei sich? War sein Größenwahn so gefestigt, dass er für das Leid seiner Gegner vollkommen gefühllos war?
Auch Hannah Arendt betonte Hitlers schwere Kindheit als mitbedingend für seine Persönlichkeit und schrieb darüber. Hinzu kamen traumatischen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg: Nach einer Vergiftung mit Senfgas war Hitler zeitweise „blind“. Der Militärarzt Edmund Forster nahm sich seiner im Lazarett an und behandelte seine hysterisch (psychosomatisch) bedingte Blindheit mittels Hypnose. Es kursiert die These, dass Forster ihm dabei suggerierte, er sei von Gott auserwählt und werde genau deshalb wieder sehen können. Tatsächlich sprach Hitler später oft von seiner göttlichen Vorsehung. War er also überhaupt der Despot, als den wir ihn kennen, oder spielte er nur eine Rolle? Historische Studiofotografien aus dem Jahr 1926 zeigen ihn greifbar dabei, wie er wie ein Schauspieler posiert, um einen wütenden, „gottgesandten“ Führer zu inszenieren.

Liest man sein Buch Mein Kampf, staunt man über einen anfangs durchgehenden politischen Realitätssinn, mit einer autistoiden Gefühllosigkeit gepaart. Wohl in politischer Intention wird „Gott“ vom Führer herbeigezogen, wo immer es nur geht: „Allmächtiger Gott, segne dereinst unsere Waffen... Herr, segne unseren Kampf!“ Strategisch verband er sich durch das Reichskonkordat mit dem Vatikan. Dieses erlaubt der deutschen Geistlichkeit über unsere geltende Verfassung bis heute ihre fundamentalistischen Lehren an Schulen und Kindergärten. Im Gegenzug hielt man sich im Vatikan mit Hitler-Kritik zurück: Der „Führer“ wurde trotz des reichlichen Wissens der Kurie über den Holocaust nie exkommuniziert.
Das Deutschland nach 1918
Es glich im Grunde einem Angstpatienten, dessen größte Sorge dem schlichten Verhungern galt. Der spätere, leider recht kollektive Größenwahn um 1938 war auch eine direkte Folge dieses Hunger-Traumas, das aus dem verlorenen Ersten Weltkrieg und den anschließenden Versailler Verträgen resultierte. Letztere werden heute allseits als unmenschlich eingestuft. Doch Unmenschlichkeit produziert Unmenschlichkeit: Das verunsicherte Volk sehnte sich nach einer starken Führung, die es aus dem Elend befreien sollte – und bekam sie. Hitler stellte fest: „Friedensverträge, deren Forderungen wie Geißelhiebe Völker treffen, schlagen nicht selten den ersten Trommelwirbel für die spätere Erhebung“ – und behielt mit diesem Blick auf den kommenden Krieg recht. Diesen tief sitzenden Verarmungswahn seiner Wähler instrumentalisierte Hitler in seinen suggestiven Massenreden strategisch. Dabei verdankte er seinen Aufstieg einem Zufall: Die Führung der antisemitischen DAP hatte händeringend nach einem fähigen Redner gesucht. Zur Auswahl standen mehrere Kandidaten. Die Wahl fiel auf Hitler.
Das erklärte Ziel der nationalsozialistischen Politik war die Besetzung der Ostgebiete sowie die Vertreibung und Ermordung der jüdischen und russischen Bevölkerung. Die verbleibenden Einwohner sollten gezielt dequalifiziert werden: Geplant waren maximal vier Schuljahre und grundlegende Rechenkenntnisse bis 500. Als rechtlose Arbeitskräfte sollten sie isoliert von den deutschen Besatzern leben. Widerstand wollte das Regime radikal brechen. Hitler äußerte in seinen „Tischgesprächen“ im Führerhauptquartier dazu: „Im Falle einer Revolution brauchen wir dann nur ein paar Bomben zu werfen auf die betreffenden Städte, und die Sache ist erledigt.“ Diese Strategie eines vermeintlich sicheren Herrschaftsraums sollte jeden potenziellen Aufstand im Keim ersticken. Die NS-Propaganda nutzte für diese Tyrannei Begriffskonstrukte wie den „Herrenmenschen“ – eine rassistische Umdeutung von Friedrich Nietzsches Philosophie, die das NS-Regime für seine Zwecke instrumentalisierte.
Was Hitler über die Psychologie und die Hypnotisierbarkeit der Massen wusste, hielt er später in „Mein Kampf“ fest. Hitler war zwar kein klassischer Intellektueller, aber er las extrem viel und eignete sich gezielt manipulatives Wissen an. Die Geschichte zeigt, dass wir uns vor politischen Führern mit einer solchen suggestiven Kraft hüten müssen, da extremes Charisma den Verstand der breiten Masse reduziert. Speziell in Krisenzeiten reagiert das Volk auf Suggestionen weitaus sensibler als das Individuum. Wie Hitler selbst analysierte: „Die Masse tritt als ganz neues Wesen in Erscheinung und zeigt Merkmale, welche die einzelnen Personen nicht besitzen.“
Dem ist beizupflichten. Das Individuum sucht die Masse, um sich besser geschützt zu wissen. Dabei muss es einen Teil seiner Individualität aufgeben und sich der bestehenden Gruppenordnung weitestgehend anschließen. Über den Kuppeln Roms sieht man gegen Abend riesige Schwärme von Staren. Es sind einzelne Vögel, die in ihrem Formationsflug wie ein einzelnes riesiges Wesen imponieren.
Zu den Verbrechen:
In den Konzentrationslagern des Nationalsozialismus manifestierte sich das von Nietzsche formulierte Credo der Mitleidlosigkeit in seiner reinsten und grausamsten Form. Charles Darwin hatte zuvor dargelegt, dass sich in der Natur das Stärkere durchsetzt, während das Schwache verdrängt wird. Zu Lebzeiten Nietzsches wurde jedoch noch nicht flächendeckend erkannt, dass sich diese Gesetze der Natur nicht ungefiltert auf das menschliche Zusammenleben übertragen lassen. Durch diese sozialdarwinistische, vermeintlich „wissenschaftliche“ Ideologie wurde das moralisch Böse salonfähig gemacht und pervertierte zu einer vermeintlich „höheren Form des Guten“.
Dies führte zu organisierten Verbrechen: Kinder mit Behinderungen oder Schwächen wurden im Rahmen der nationalsozialistischen Rassenhygiene systematisch ermordet. In der Tötungsanstalt Schloss Hartheim – deren Name hier traurige Symbolik besitzt – starben allein im August 1940 rund 1.700 Menschen mit Behinderung in den Gaskammern der sogenannten „Aktion T4“. Betrachtet man die Gegenwart, so ermöglichen moderne humangenetische Beratungsstellen Paaren die Entscheidung, eine Schwangerschaft bei schweren, unheilbaren Schädigungen des Kindes frühzeitig zu beenden, um künftiges schweres Leid abzuwenden. Dies zeigt, wie sensibel die Grenze zwischen medizinischer Ethik und evolutionärem Denken bis heute bleibt.
Die geistesgeschichtlichen Wurzeln des Totalitarismus und des Nationalismus sind vielschichtig. Denker wie Fichte („Deutscher Geist“), Machiavelli und Hegel (mit ihrer Betonung einer skrupellosen Machtpolitik) sowie Schopenhauer, Wagner, Le Bon, Gobineau, Houston Stewart Chamberlain, Ernst Jünger, Sorel und selbst Karl Marx werden in der Literatur (wie bei Edith Eucken-Erdsiek) immer wieder als ideologische Wegbereiter genannt. Sobald solche einseitigen und gefährlichen Theorien in die politische Praxis einfließen, verselbstständigen sie sich oft in völliger Verantwortungslosigkeit. Politiker – nicht selten Agitatoren und Selbstdarsteller – forcieren dann den Übergang von der bloßen Ideologie zur grausamen Realität.
Damals mögen die Zeiten anders gewesen sein. Doch zur allgemeinen Beunruhigung lässt sich beobachten: Die gesellschaftlichen und politischen Dynamiken verändern sich in der Gegenwart bereits wieder in eine besorgniserregende Richtung.
Wenn Männer wie Nietzsche als geistige Väter Hitlers und seiner Konzentrationslager gelten, stellt sich die Frage: Wer war die geistige Mutter? Die Antwort liegt dort, wo Kirche die Hölle – und damit ein System der Folter – als ethisches Highlight predigt. Bischof Schneider kündigt in seinem Buch ein ewiges Feuer-KZ seines Gottes an. In diesem Sinne agiert die Kirche als geistige Mutter der KZs und deren Errichter – eine Erkenntnis, die sich leider noch nicht überall durchsetzen konnte. Die Amtskirchen machen die Androhung von Folter durch Erzählungen über die Sintflut, Sodom und Gomorrha, das Fegefeuer und die Hölle bereits vor Kindern salonfähig. Die so erzeugten Kindheitsängste mutieren im Erwachsenenalter zu tief verdrängten Traumata. Dies gilt besonders dann, wenn ein Kind – wie im Fall Hitlers – früh massiver auch elterlicher Gewalt ausgesetzt war. Hitlers Vater soll ihn täglich schwer geschlagen haben; er brach den Willen des Kindes nicht, sondern radikalisierte ihn. Zusammen mit der katholischen Erziehung erzeugte der Vater einen tiefen Schuld- und Minderwertigkeitskomplex. Diesen „therapierte“ Hitler später im Zuge eines extremen Größenwahns selbst.
Adolf Hitler wurde religiös und gewaltvoll erzogen. Laut seinen Schwestern ging er nach der Schule ungern nach Hause, weil ihn dort regelmäßig Schläge erwarteten. Durch diese Misshandlungen mochte sich sein Unterbewusstsein jener Mehrheit der Erdbevölkerung zugehörig gefühlt haben, die laut neutestamentlicher Dogmatik (etwa nach Matthäus) nicht in das Paradies, sondern in das Gegenteil, eine ewige Verdammnis gerät.
Der Intellekt von Kleinkindern kann die Instanzen des Über-Ichs – Eltern, Gott, Priester und Lehrer – noch nicht differenzieren. Für das Kind verschmelzen sie zu einer Einheit: Wenn der Vater oder der Religionslehrer schlägt, ist es, als schlüge Gott selbst. Schuld und Sünde werden eins. So verschmelzen Legislative (Gott) und Exekutive (Erzieher), indem sich Menschen die Gesetze und Strafen ihres Gottes letztlich nur selbst ausdenken.
Eine dogmatische und repressive Religion neigt dazu, psychische Störungen wie Sadismus und Perversionen zu erzeugen – insbesondere durch ihre bekannte Dämonisierung der kindlichen Sexualität. Zur Zeit Sigmund Freuds und Carl Gustav Jungs wurde der Begriff der „sexuellen Perversion“ noch weitgehend wertneutral als rein beschreibende Abweichung verstanden. In der modernen Sexualwissenschaft sprechen wir stattdessen von Paraphilien, um gesellschaftliche Stigmatisierungen zu vermeiden. Dennoch bleibt die gesellschaftliche Bewertung moralisch aufgeladen. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland rund 250.000 Männer eine pädophile Orientierung aufweisen. In der tiefenpsychologischen Betrachtung, etwa nach Magnus Hirschfeld, wurzelt dies oft in traumatischen Erfahrungen, die zu einer tiefen Angst vor reifer Sexualität führen – einer Angst vor der Vagina, die in patriarchalen Mythen und kritisch von Magnus Hirschfeld oft als „Pforte zur Hölle“ verteufelt wurde.
Diese kirchliche Angst- und Höllenpädagogik wird bis heute fatalerweise als Kavaliersdelikt verharmlost. Dahinter steht der psychologische Wunsch, das damit negativ besetzte Gottesbild reinzuwaschen – ungeachtet der grausamen theologischen Dogmen. Demnach foltere Gott Sünder und Andersgläubige mittels ewigen Feuers. Besonders verheerend wirkte sich diese Theologie auf das jüdische Volk aus, wenn man sich auf Passagen wie das Johannesevangelium (Joh. 8,44) beruft: Hier spricht der Jesus der Bibel bezüglich männlicher Juden von den „Söhnen des Teufels“, was als „Teufelskindschaft der Juden“ bis hinein in die damaligen Predigten gelangte.
Die historische Schuld der „Heiligen“ Schrift wiegt schwer: Diese biblischen Antijudaismen boten Nationalsozialisten wie Adolf Hitler eine Steilvorlage; solche Zitate wurden zur psychologischen Zermürbung sogar in Konzentrationslagern instrumentalisiert. Auch die organisierten Pogrome der NS-Zeit flammten häufig um die Osterzeit (etwa am Palmsonntag) auf, angefeuert durch die antijüdische Rhetorik von den Kirchenkanzeln. Die Aufarbeitung in den Kirchen verlief erschreckend schleppend: Noch 1938 bezeichneten die Jesuiten in der Civiltà Cattolica das Judentum als „tief verdorbene Religion“, und erst 1959 strich der Vatikan das diskriminierende Attribut perfidis (die „treulosen“ Juden) aus der Karfreitagsliturgie. Aus Protest gegen die anhaltende Verbreitung der genannten verhetzenden Texte habe ich die verantwortlichen Bibelverlage wegen Volksverhetzung angezeigt.
Wie weit geht die Religionsfreiheit?
Die Staatsanwaltschaft wies meine Anzeige mit der Begründung ab, dass die betreffende Textstelle – die in Fachkreisen völlig zutreffend als Antisemitismus eingestuft wird – „im Rahmen der Religionsfreiheit“ selbst im heutigen Deutschland rechtlich zulässig sei. Es entsteht der Eindruck, dass unter dem Deckmantel der Religion nahezu alles erlaubt ist. Eine Ausnahme gab es ab 2010 beim sexuellen Kindesmissbrauch in der Kirche. Doch während dort kurzzeitig die Staatsanwaltschaften aktiv wurden, regelt die Kirche diese Straftaten heute weitgehend wieder intern. Die Amtskirchen verweigern bis heute, die Passage aus Johannes 8,44 aus der Bibel zu entfernen. Lieber nimmt man in Kauf, Jesus nachträglich als Urheber einer antisemitischen Rhetorik darzustellen, anstatt den Text kritisch zu korrigieren.
Diese unkritische Unterwerfung erinnert an Mechanismen totalitärer Systeme. Im Nationalsozialismus sicherte der Gruß „Heil Hitler“ die eigene Sicherheit; Verweigerer – wie mein Großvater – landeten in den Folterkellern der Gestapo. Hitler nutzte damit dieselben Mechanismen, die man historisch oft autoritären Gottesbildern zuschreibt: Er wurde vergöttert, versprach dem hungernden Volk das Heil und herrschte durch nackte Angst und Folterdrohungen. Am Ende zeigt sich: Pseudo-Götter und Diktatoren nutzen dieselben simplen Propagandatrick – doch echten Hunger können sie alle nicht stillen.
Zu allem Unglück wusste sich Hitler – und so stand es sowohl in seinem Gesangbuch wie auch in der Bibel – als staatliche „Obrigkeit“ von Gott eingesetzt. So steht es bis heute in meinem evangelischen Gesangbuch, genauer gesagt im Augsburger Bekenntnis und in Luthers Katechismus. Die Kirchen gaukelten Hitler zu allem Überfluss ihre und Gottes volle Zustimmung vor. Von nahezu jeder Kanzel dankten sie Gott wortreich für die „wundersame Errettung“ des Führers – auch und gerade nach dem Attentat von 1944. Das Buch „Gott segne den Führer“ (Druffel-Verlag) sollte man dazu gelesen haben. Im kirchlichen Amtsblatt der Landeskirche Hannover, unterschrieben von Landesbischof Marahrens, heißt es zum 21. Juli 1944:
„Dank für die gnädige Errettung des Führers. Tief erschüttert von den Nachrichten über das auf den Führer verübte Attentat ordnen wir hierdurch an, dass, soweit es nicht bereits am Sonntag, dem 23. Juli, geschehen ist, am Sonntag, dem 30. Juli, im Kirchengebet der Gemeinde etwa in folgender Form gedacht wird: 'Heiliger barmherziger Gott! Von Grund unseres Herzens danken wir Dir, dass Du unserem Führer bei dem verbrecherischen Anschlag Leben und Gesundheit bewahrt und ihn unserem Volke in einer Stunde höchster Gefahr erhalten hast. In Deine Hände befehlen wir ihn. Nimm ihn in Deinen gnädigen Schutz. Sei und bleibe Du sein starker Helfer und Retter...'" Diese Dankespredigt wurde für den besagten Sonntag zur allgemeinen Pflicht im Kreis.
So beeinflussten die Kirchen nahezu alle Bürger. Dabei war es keineswegs Gott, sondern schlichtes Glück, das Hitler beim Attentat rettete: Er stand in diesem Moment so weit über den schweren Kartentisch gebeugt, dass dessen massive Stabilität eine tödliche Verletzung verhinderte. Die Bombe war unter dem Tisch plaziert; so platzte Hitler lediglich das Trommelfell.
Auch etliche Dichter ließen sich einspannen. Gerhard Schumann dichtete das Stück „Führer und Gefolgschaft“, das Hitler als „Gesandten Gottes“ ausweisen sollte. Hier ein Auszug:
„Die keine Rettung, die kein Heil mehr ahnten / Die wussten: dieser wird die Schmach beenden. / Vergrämte Einsame, zerfahrene Banden / Verwuchsen zu marschierenden Verbänden. / Und deren tote Herzen nicht mehr brannten, / Die flammten nun von unerhörten Bränden. / Sie ehrten in ihm den von Gott Gesandten.“
Angesichts einer solchen, selbst in gottesdienstlicher Hypnose vermittelten Verblendung, drängt sich die Frage auf: Hat Hitler seinen eigenen Mythos geglaubt? Wenn ein Großteil des Volkes in ihm den „Gottgesandten“ sieht, entsteht eine psychologische Rückkopplungsschleife von fatalem Ausmaß. Hitler mag in der Tat geglaubt haben, „sein Gott“ stehe hinter ihm – und damit auch hinter den Verbrechen von Auschwitz. Die Kirchen jener Zeit lieferten das ideologische Fundament für einen Antisemitismus. Jahrhundertelang hieß es von den Kanzeln, „die Juden“ hätten Gott umgebracht und laut biblischer Überlieferung gerufen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“. Im Jahr 1944 wusste man in den Kirchenleitungen längst über die „Endlösung“ und die Vernichtungslager Bescheid – schließlich gingen etliche der Mörder und Mitläufer regelmäßig zur Beichte. Dennoch nahm der Vatikan trotz dieses Wissens Abstand davon, Hitler zu exkommunizieren. Schien aus Sicht der Institutionen der „Führer“ den Antisemitismus im vermeintlich christlichen Sinne zu vollstrecken?
Es ergibt sich als nächstes die Frage: Sind Kriege ohne das Konstrukt „Gott“ überhaupt denkbar? Die Symbole sprechen eine eindeutige Sprache: Sie finden auch sich auf historischen Kirchenglocken – wie der, die noch bis 2020 im niedersächsischen Müden (Örtze) hing. Sie prangten auf dem Koppelschloss der Soldaten im Zweiten Weltkrieg („Gott mit uns“). Sie hallen bis heute durch die politischen Predigten in den USA, wo schon Präsident George W. Bush sich als von Gott Gesandter inszenierte. Ist Krieg ohne die Allianz von Staat und Kirche überhaupt möglich? Kaum ein Soldat zieht in den Krieg, nur um seltene Erden, Öl oder Uran zu sichern. Es braucht immer das Höhere, das Absolute, um das Sterben und Töten zu legitimieren. Erst durch „Gott“ bekommt die Grausamkeit für die Masse ein Fundament.
Doch weiter zu Hitler:
Der Psychiater und Buchautor Manfred Lütz („Irre. Wir behandeln die Falschen“) legt sich fest: Adolf Hitler sei nicht psychisch krank gewesen. Doch hier ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens, denn rational oder „normal“ ist die systematische Durchführung eines Völkermords kaum zu erklären. Das Dogma des gesunden Diktators wurde nach 1945 aus historischen und psychologischen Gründen verbissen verteidigt. Lütz argumentiert, ein psychisch kranker Hitler sei ihm „zu banal“, da dies das unermessliche Entsetzen der historischen Katastrophe schmälere. Doch man kann eine medizinische oder psychologische Realität nicht einfach leugnen, nur weil sie einem zu banal erscheint, um damit Hannah Arendts These von der „Banalität des Bösen“ zu widerlegen.
Die Motive nach dem Krieg waren vielschichtig: Die jüdischen Überlebenden wollten verständlicherweise nicht hören, dass Auschwitz das Werk eines bloßen Unzurechnungsfähigen war. Die Deutschen wiederum wollten sich nicht eingestehen, einem perversen Sadisten gefolgt zu sein. Doch hier schließt sich ein logischer Kreis: Gibt es den perversen Verbrecher überhaupt, wenn Perversität bereits als Krankheitswert definiert wird? Schließt Verrücktheit das Verbrechertum aus? Gibt es am Ende Verbrechen ohne verantwortliche Verbrecher? Ich denke, ja. Große Teile der Menschheit agieren kollektiv irrational und unzurechnungsfähig. Wie sonst ließe es sich erklären, dass Milliarden Menschen einen offensichtlich grausamen Gott – wie den der biblischen Sintflut – anbeten? Die entscheidende Frage lautet stets: Hatte der Täter die reale Chance, das Unrecht seiner Tat einzusehen? Denn nicht jeder Perverse ist automatisch unzurechnungsfähig und damit schuldunfähig. Solche Persönlichkeitsstrukturen entstehen meist nicht im Vakuum. Pervers wie Hitler wird oft nur, wer in der Kindheit selbst Perversität und andere Traumata erfahren hat.
Lütz spricht mit Bezug auf die Hitlerzeit von einem „normalen Wahnsinn“. Er argumentiert, es sei ein Wahnsinn gewesen, für den Hitler dennoch die volle Verantwortung trage. Doch diese Definition greift zu kurz: Wahnsinn bleibt Wahnsinn. Ein Wahnsinniger gilt medizinisch als krank, weil er einer Wahnvorstellung unterliegt. Daraus ergibt sich die fundamentale Frage: Kann man Millionen von Juden vergasen, ohne im klinischen Sinne ver-rückt zu sein?
Der jüdische Comedian und Autor Oliver Polak legt sich eindeutig fest: Für ihn war Hitler schlichtweg krank – „ein krankes Schwein“. Demgegenüber steht die These, dass Hitler psychiatrisch voll schuldfähig und für sein Handeln verantwortlich war.
Zuletzt stellt sich die Frage nach einer potenziellen multiplen Persönlichkeitsstruktur. War Hitler nur in bestimmten Facetten seines Wesens grausam und empathielos? Berichte über sein Privatleben beschreiben ihn bisweilen als fürsorglich oder gar väterlich. Skrupellosigkeit setzt Gewissenlosigkeit voraus, betrifft aber oft nur Teile der Persönlichkeit. In solchen Fällen spricht man von einer gespaltenen oder multiplen Persönlichkeit. So schossen etwa dem „Führer“ während der Opern von Richard Wagner Tränen der Rührung in die Augen. In der Regel entsteht Skrupellosigkeit durch massive Ängste, die das Individuum in seiner eigenen Lebensgeschichte erleiden musste. Eine Kernaufgabe der heutigen Gesellschaft liegt daher in der Prävention und Reduktion solcher Ängste. Die größte Angst – die vor einer ewigen Hölle – geht dabei paradoxerweise von den Kirchen aus.
Es stellt sich die anthropologische Frage: Sind wir Menschen am Ende immer „Viele“ – und wenn ja, wie viele? Hirnforscher machen neuerdings die Entdeckung, wie wenig Spielraum ein Individuum wirklich hat, eine Straftat nicht zu begehen. Skrupellosigkeit kann, und solche Fälle sind bekannt, durch einen Hirntumor entstehen. Ebenso durch Gendefekte, die die Produktion des Enzyms MAOA vermindern. Der Hirnforscher Michael Gazzaniga stellte heraus, dass menschliche Handlungen einem Determinismus unterliegen können und so das "Ich" nicht in Handlungen eingreifen kann (sog. Ich-Illusion). Man beginnt also erst jetzt die Frage wirklich und wissenschaftlich anzugehen, was Schuld überhaupt ist bzw. wo sie beginnt bzw. aufhört.
Je mehr ich in Hitlers Programmschrift „Mein Kampf“ las, desto stärker drängte sich mir der Eindruck eines eiskalten Taktikers auf. Solche rational kalkulierenden Machtmenschen wirken in ihrer emotionalen Kälte fast wie menschliche Rechenmaschinen. Als Diktator folgte Hitler der klaren Strategie, der Bevölkerung stets nur ein einziges, fokussiertes Feindbild zu präsentieren; mit zwei oder mehr parallelen Gegnern, so seine These, wäre die Masse überfordert. Als das Feindbild „die Juden“ gegen 1945 ausgereizt war, trat als „Ersatz“ Hitlers Propaganda gegen den Bolschewismus auf den Plan. Die Entscheidung für das Feindbild „Der Jude“ entsprang daher womöglich reinem Kalkül. Es ist denkbar, dass Hitler – unabhängig von persönlich tief sitzendem Judenhass – den Antisemitismus primär als strategisches Werkzeug nutzte, um seine Macht zu festigen, sich jüdischen Besitz anzueignen und die Weltherrschaft anzustreben. Diese These der politischen Willkür wird auch durch seinen Umgang mit engen jüdischen Vertrauten gestützt: Sein langjähriger Weggefährte Emil Maurice, der maßgeblich am Aufbau der NSDAP und der SA beteiligt war, hatte jüdische Vorfahren. Trotz interner Konflikte hielt Hitler seine Hand über ihn. Wer als „Jude“ galt, entschied letztlich der „Führer“ pragmatisch - und nicht die eigene Rassenideologie. Der Judenhass wurde zum reinen Herrschaftsinstrument. Die Ökonomin und Philosophin Edith Eucken-Erdsiek beschrieb dieses Phänomen treffend (zitiert nach „Sie prägten unser Jahrhundert“):
„Hitler entdeckte jetzt, dass er die Juden brauchte. Wenn man den Juden nicht hätte, müsste man ihn erfinden. Denn man braucht nicht nur ein Haßidol, um Massen zu erobern. Man braucht auch ein Objekt für die Verfolgung, für die Grausamkeit, weil es ohne Verfolgung, ohne Grausamkeit keinen Aufstieg gibt von Macht zu mehr Macht, zu schrankenloser Macht. Misshandelt den Juden, und ihr dürft überhaupt misshandeln. Tötet den Juden, und ihr dürft überhaupt töten.“ Die systematische Entmenschlichung zeigte sich auch in der Sprache des Regimes: Die Qualen in den Konzentrationslagern wie Auschwitz wurden propagandistisch als „Abwehr“ oder „schwere Arbeit mit stählerner Härte“ bemäntelt, die systematische Vernichtung als „Endlösung der Judenfrage“ bürokratisiert. Hitler war Perfektionist in der Mobilisierung der Massen und der gezielten Erzeugung von Hass.
Wir modernen Deutschen lehnen jedes Konzentrationslager konsequent ab. Das gilt oder sollte auch gelten für jenes Feuer-KZ Hölle, dessen Betreiben die Bibelschreiber und die heutige EKD Gott und Jesus unterschieben. Schließlich hat uns der Philosoph Theodor W. Adorno gelehrt: „Nie wieder Auschwitz.“ Auf meine Strafanzeige hin schrieb mir eine Staatsanwaltschaft, dass der christliche Antisemitismus – wie die Lehre von der „Teufelskindschaft der Juden“ – den Kirchen durch die Religions- und Meinungsfreiheit gestattet sei. Ein schwerer Irrtum. Unterliegen Justizbeamte etwa auch der kollektiven Neurose einer konservativen Gottgläubigkeit, einer Neurose mit dem Kardinalsymptom verdrängter und in die Irre führender Gottangst?
Ich wollte die Antwort finden und besuchte die Verwaltung der Gedenkstätte des KZs Bergen-Belsen. Die dortige Auskunft: Würde ich den Inhalt von Johannes 8,44 an diesem Ort laut äußern, rufe man als Verwaltung die örtliche Polizei. Die Religionsfreiheit in der Bundesrepublik ist eben kein Freibrief für Rassendiskriminierung oder Volksverhetzung. Spätestens seit der Weimarer Reichsverfassung gilt der Grundsatz: Die Kirchen haben sich an die bestehenden Staatsgesetze zu halten. Das staatliche Recht hat, wenn es um Volksverhetzung und psychischen Kindesmissbrauch geht, über dem Kirchenrecht zu stehen.
Hat die Religion Hitler somit mitproduziert? War sie über verschiedene Mechanismen mitschuldig an seiner spezifischen Entwicklung? Immerhin wird Hitler fest daran geglaubt haben, von Gott eingesetzt zu sein. Der entsprechende Mechanismus wurde ihm schon als Kind beigebracht, ganz im Sinne von Römer, Kapitel 13: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott. Wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.“ Aus diesem Grund fordere ich von den Amtskirchen, immerhin Körperschaften öffentlichen Rechts, diesen Passus in der Schrift endlich und überfällig zu streichen oder mit einer korrigierenden Anmerkung zu versehen.

Ohne KZ und Folter sind die Welt und die Ewigkeit einfach schöner