Psychoanalyse    Rainer Maria Rilke , geb. 1875

Rilkes Leben war ein Leben in seiner Zeit. Seine Mutter war  konservativ fromm. Maria nannte sie ihren Sohn und hat ihn damit als Sohn vielleicht abgelehnt. Sie hatte sich eine Tochter gewünscht. Jedenfalls steckte sie ihn  in Mädchenkleider. Die Zeit brach  gerade um und wurde in wenigen Jahren aufgeklärter. Rilke und seine Zeitgenossen (Freud, Schopenhauer, Nietzsche) bekämpften mutig einen konventionellen Glauben, der nach dem Analytiker Tilmann Moser „millionenfach“ in ein Sacco – Syndrom mündet. Zwangsläufig resultierten, indem diese kinderunfreundliche  Religion oder deren  „Gott“ niedergekämpft wurden, Schuldgefühle gröberer Art bei sensitiven Charakteren. Die  Ausnahme in dieser Richtung stellte wohl Schopenhauer dar.
Nun aber  zu Rilke –  als wohl nicht zufälliger Übersetzer eines Sonettes von Louize Labé (von 1526-1566) : Aus den 24 Sonetten
 
Das Vierte
Seitdem der Gott zuerst das ungeheuer
glühende Gift in meine Brust mir sandte,
verging kein Tag, da ich nicht davon brannte
und dastand, innen voll von seinem Feuer.
Ob er mit Drohungen nach mir gehascht,
mir Mühsal auflud, mehr als nötig, oder
mir zeigte, wie es endet: Tod oder Moder,
mein Herz in Glut war niemals überrascht.
Je mehr der Gott uns zusetzt, desto mehr
sind unsre Kräfte unser. Wir verdingen
nach jedem Kampf uns besser als vorher.
Der uns und Götter übermag, ist denen
Geprüften nicht ganz schlecht: Er will sie zwingen,
sich an den Starken stärker aufzulehnen.

Rilkes Auseinandersetzung mit der Religion – von ihm selbst als Kampf gegen eine „Vergiftung“ durch seinen „Gott“ empfunden – hinterließ deutliche Spuren in Form erheblicher Stimmungsschwankungen. Im Bewusstsein dieser Labilität mied er feste Bindungen und ging nie eine monogame Ehe ein. Eine Schlüsselrolle in diesem inneren Konflikt spielte seine enge Freundin Lou Andreas-Salomé (geb. 1861). Die kunsthistorisch, philosophisch und theologisch gebildete Intellektuelle, die einst einen Heiratsantrag Nietzsches abgelehnt hatte, absolvierte später eine psychoanalytische Ausbildung bei Sigmund Freud. Die religionskritische Haltung beider Denker ist hinlänglich bekannt; so brandmarkte Nietzsche das Christentum als das größte Unglück der Menschheit, das fortwährend Opfer fordere.

Andreas-Salomé vermittelte Rilke das nötige Selbstbewusstsein zur Emanzipation. Er selbst konstatierte rückblickend: „Dein Wesen war so recht die Thür, durch die ich zuerst ins Freie kam.“ Dank ihrer psychologischen Schulung erkannte sie das pathologische Potenzial dieses religiösen Ringens. Im Jahr 1901 schrieb sie an den durch Kirche und Kaserne traumatisierten Rilke:
„Das, was du und ich den „Andern“ in dir nannten, – diesen bald deprimierten, bald excitirten, einst Allzufurchtsamen, dann Allzuhingerissenen, – das war ein ihm ((dem befreundeten Psychiater Friedrich Pineles)) wohlbekannter und unheimlicher Gesell, der das seelisch krankhafte fortführen kann …ins Geisteskranke.“
Durch ihre Intervention bewahrte Lou Andreas-Salomé Rilke vor einer ekklesiogenen Psychose – und damit vor einem Schicksal, wie es Friedrich Hölderlin in vier Jahrzehnten einer Schizophrenie erleiden musste.

Nicht nur vonseiten der Kirche kam wegen Rainer Maria Rilkes neuer Definition eines „lieben“ Gottes der Vorwurf der Blasphemie. Diesen Vorwurf machten ihm auch Verwandte und Bekannte – und Rilke sich anfänglich wohl auch selbst. Dennoch ließ er von seinem Kampf um Humanität im Glauben nicht ab. Mit seinen „Geschichten vom lieben Gott“, die er für Kinder und Erwachsene schrieb, agierte er therapeutischer als viele unserer heutigen Psychiater. Diese meiden das Thema Kirche oder das Phänomen „krank durch Kirche“ konsequent und versuchen, auch Hausärzten eine solche Vermeidung aufzuzwingen.
Der Psychiater meiner Ärztekammer erteilte sogar das Verbot, sich mit Patienten über Religion und Kirche zu unterhalten; man dürfe seine Position als Arzt nicht gegen die Kirchen ausnutzen. Die Themen Sünde, Gott und Hölle werden heute in der Psychotherapie kaum noch thematisiert. Patienten, die am Sacco-Syndrom (kirchlich verursachten Erkrankungen) leiden, werden stattdessen an den Klerus überwiesen, der die Krankheit ja mitverursacht hat. Karl Kraus dazu: Psychiater seien angetreten,die Kranheit zu behandeln, die sie selbst aufweisen. So warten wir auf eine Emanzipation meiner dortigen Kollegen. hat. So warten wir weiterhin auf eine Emanzipation meiner dortigen Kollegen.

Doch weiter zu Rilke. Er sah insbesondere die Verabreichung des Abendmahles in den Kirchen kritisch. Hierbei wird die Schuld jedes Gläubigen am Kreuzestod Christi mit den Worten „für dich vergossen“ als krankmachender Faktor oft schon in Kinderseelen implantiert. Nach offizieller Lehrmeinung werden bereits Kinder zu „Mittätern“ und somit zu Schuldigen an der Kreuzigung erklärt. Rilke greift dieses sogenannte „Heilige“ Abendmahl offen an und lässt „seinen“ neuen Jesus sagen:

„Mein Blut fließt ewig aus den Nagelnarben
und alle glauben es: mein Blut sei Wein,
und trinken Gift und Glut in sich hinein.“

Die EKD-Verantwortlichen  ließen in der jetzigen Postmoderne Vierjährigen im neu geschaffenen Evangelischen Kinderabendmahl  das Abendmahl geben, so in einer Hamburger Kita Bisenort,  und damit  das Blut ihrer Schuld trinken. Sie trinken damit das „Gift“ einer in kirchlicher Suggestion  eingeredeten  Schuld und erleiden die „Glut“ ihrer eventuell bevorstehenden Höllenqualen, falls  ihnen der  Pseudo-Erlöser Bibeljesus diese oder andere Schuld  am Tage des Jüngsten Gerichtes aus irgendeinem Grund, z.B. eines Kirchenaustrittes,  nicht erlässt.  So ein  denkbarer „Grund“, vom Kranken zumeist verdrängt, liegt oft in der Jugend oder Kindheit. Rilke lässt den jungen Tragy im Überschwang sagen: „Über mir ist niemand, nicht mal Gott.“ Ein starker, aber gewagter Ausspruch. Ein sensibles Kind mag sich das übel nehmen. Ist Tragy etwa gar autobiografisch, ist Tragy Rilke?
Übrigens: Ich zeigte die Leitung der EKD aufgrund des Kinderabendmahles an. Vorhersehbar war die Antwort der Staatsanwaltschaft Hannover. Immerhin aber sah sich die EKD vorübergehend einsichtig und korrigierte: Nicht ab 4, erst ab 9 Jahren und nach einem (erlaubenden) Gespräch mit den Eltern.

Rilke ist mit einigem Glück den schwersten Symptomen eines Sacco-Syndroms entgangen. Dennoch traf es ihn hart – zumindest zeitweise. Doch statt wie der Kirchenkritiker Hölderlin in einem Turm am Neckar vier Jahrzehnte eingesperrt zu sein, lag Rainer Maria Rilke – was ich ihm posthum von Herzen gönne – noch in vielen warmen Betten kluger und schöner Frauen. Diesem Umstand und den Frauen verdanken wir viele seiner schönsten Liebesgedichte. Das Leben kann eben auch bunt sein.