Rezension des Buches „Von mir aus nennt es Wahnsinn“, Autoren:  Jaqueline  C. Lair  und Dr. W.H. Lecher

 

Jaqueline  ist Amerikanerin. Und krank. Sie ist depressiv und süchtig. Tabletten. Und sie hat Schuldgefühle. Sie meint, die Sucht ihres Sohnes resultiere aus ihrer Tabletteneinnahme während ihrer Schwangerschaft. Ich halte das für einen Denkfehler. Ängste führen in eine Sucht. Und Kinder merken die mütterlichen Ängste. Sie werden zu den ihren.

Um heil zu werden, reist J. nach Bad Herrenalp, zum Dr. Lecher, dem Leiter der dortigen Psychosomatischen Klinik. Beide schreiben das o. g. Buch. Jaqueline hat irische Wurzeln. Sie beschreibt sich als „geimpft“ von den „Angelsächsischen Protestanten weißer Hautfarbe“, den WASP. Sie schreibt, was sie erkranken lies: 1. Familie 2.  Schule 3. ihre Kultur und 4. die Kirche. Doch hört ihr Arzt das? Das mit der Kirche? Diese vier haben sie gelehrt, wie sie schreibt, ihre Körperlichkeit (gemeint sind Genuss, Sexualität, Hedonismus) zu verleugnen, um ihre „unsterbliche Seele zu retten“. Hölle. Dieses Wort gehört schlicht und einfach hierhin. Dem Kind wurde Angst vor der Ewigkeit in einer ewigen Feuerhölle gemacht. Jaqueline wird auch nach ihrer „Heilung“, die keine ist, weiter an eine Auferstehung von den Toten und an ein „Gericht“ glauben, den Voraussetzungen für so eine Folter in einer Hölle. Doch jeder Auferstehungsglaube ist Wahn. Das lehrt jeder Pathologe, das  lehrte schon  S. Freud. Somit gibt es keine Hölle. Sie ist eine Erfindung skrupelloser Rabbiner, skrupelloser Priester. Jaqueline hat ein Sacco-Syndrom, das in der Klinik nicht kausal behandelt wird, da die Therapeuten das Syndrom ebenfalls aufweisen: Statt ihr ihren „Gott“ auszureden, reden sie ihn ihr nochmals ein. Statt korrigierend eine „andere“ Religion anzubieten, belassen sie die  alte. Und scheuen jede handfeste „Gott-“, „Jesus-“ oder Kirchenkritik.

Walther Lecher ist selbst hoch religiös. Jaqueline: „Walther predigt keine neue Religion, das muss ganz klar gesagt werden. Er erwähnt Religion niemals.“ Das wird jedoch schon im nächsten Satz widerlegt: „Er erkennt lediglich an, dass keiner gesund werden kann, ohne dass er an irgendetwas außerhalb von sich selbst glaubt.“ Damit ist Gott gemeint. „Ich weiß, dass ich hier lernen muss, in Einklang mit mir, meiner Welt und mit meinem Gott zu lebenoder ich werde zugrunde gehen.“ Dieses „Wissen“ wird ihr von Lecher als ein „muss“ vermittelt. Ja der Arzt hält Bibelstunden ab. Er spricht von „Sünde“ beim Kranken. Jaqueline wollte in eine Klinik. Und ist in einer Kirche  gelandet.

Sie hat zuhause schon viel gelesen. Bücher von sacco-kranken Psychiatern und Autoren. Sie zitiert William James. James (1842 – 1910) ist Psychologe und Philosoph. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des philosophischen „Pragmatismus“. Es meint: „Der Glaube ist einer der Kräfte, durch die der Mensch lebt, und sein totales Fehlen bedeutet Zusammenbruch.“ James habe sie vor einem Hedonismus bewahrt, dem Streben nach Sinnenlust und Genuss. Leid und Askese sind und bleiben Jaqueline angenehmer. Als Christin kann man nur mit einem schlechten Gewissen ein gutes Gewissen haben. Sie erwähnt auch den tiefgläubigen Victor Frankl mit seiner Sinntherapie.  Frankl will seine Patienten über eine Einhaltung der 10 Gebote heilen, was der „Sinn“ des Lebens sei. Frankl als Rabbiner, als Geistlicher.

Schon „geheilt“, vermittelt Jaqueline uns am Ende des Buches unglaublich krankes: “Ich möchte anderen Süchtigen zeigen, dass Gott uns so sehr liebt, dass er uns zu Süchtigen gemacht hat, damit wir so viel leiden, dass wir wach werden…“. Hier wird die Kausalität von einer ungesund Gläubigen und immer noch  Kranken auf den Kopf gestellt. Ein liebender Gott schickt keine Krankheiten oder Naturkatastrophen, wie Prälat Davino (Vatikan) es nach dem Ausbruch des Pina Turbo ausdrückte. Über die 875 Verbrannten habe Gott „ein Zeichen setzen“ wollen: Wir sollen behutsamer mit der Natur umgehen. Das ist zum Kotzen. So ein Gottesbild ist zum Kotzen und muss von einem wirklichen Psychotherapeuten umgehend korrigiert werden. Jaqueline: Sie habe Bindungen zum Judentum. Es gibt sowohl von jüdischer als auch christlicher Seite die Theorie, Jahwe oder der Christengott hätten Auschwitz als gerechte Strafe für die dort vergasten Juden initiiert. Der katholische Autor Michael Schmauß lehrte, im Holocaust sei Gott am Werk gewesen, um sein Volk, die Juden, zu Christus zu bekehren (s. DIE WELT vom 23.3.05). So macht man einen („unseren“) Gott zum alleinigen Täter in Auschwitz – und stellt diesen „Gott“ als Gerechtigkeit und Liebe in Personalunion vor Kindern hin. So macht man Gott zum Arschloch und unsere Kinder krank und zu Nazis. Und so säubert man auch Hitler und sein näheres Gefolge: „Sie waren im Auftrag Gottes unterwegs.“ Gott als Einzeltäter des Holocaust. Doch das kennen wir ja schon von der Sintflut. Die damals ertränkten Babys seien ja wohl auch „irgendwo Sünder gewesen“,  so unsere Pastorin.

Ein uns liebender Gott straft uns nicht. Er versteht uns. Er ist in uns. Gott ist tot, wenn wir, die seine Hände sind, Hilfe dort verweigern, wo sie uns möglich wäre. Er lebt, wenn wir als tätige Christen, Muslime  oder Juden mit offenen Augen durch diese Welt mit ihren guten und schrecklichen Seiten hindurchgehen, immer wachsam, immer zu einer Hilfestellung oder zu einer berechtigten Kritik  bereit.

Immerhin. Jaqueline wird etwas gebessert. Sie fühlt sich gesund. Sie lernt Schreien bis zum Umfallen. Mühsam lernt sie Sexualität in Kontakt mit anderen Körpern. Auf „Matten“. Schweißüberströmt. Ihr wird ihr Gott als liebevoll gepredigt. Ob sie das verinnerlicht? Ist jemand lieb, der grausame Krankheiten schickt?  Ein erster Saunagang „heilt“ sie dann erst wirklich, wie sie meint. Da  muss sie ihren nackten Körper anderen zeigen. Da hat sie das Manuskript längst  geschrieben.