Rezension: Fritz Riemann „Grundformen der Angst“
Vor 65 Jahren schrieb Riemann dieses Buch. Damals war die Psychiatrie noch nicht – wie heute – psychotisch. Psychotisch in dem Sinn, den Wahn aufzuweisen, das Sacco-Syndrom, das Religious trauma syndrome RTS gebe es nicht als eigenständige Erkrankung und man dürfe Sacco-Kranke nicht selbst kausal behandeln. Ja, man habe sie zu diesem Zweck zu den Verursachern der Erkrankung, zu Geistlichen zu überweisen. Dort aber gibt es nach Riemann leider auch „unerbittliche Moralprediger“, die sich mit dem Drohen von Höllenstrafen „ans Sadistische grenzende Macht“ anmaßen.
Der Wahn der Psychiatrie ist ein Schutzmechanismus. Er befreit Psychiater ein Stück weit von ihrer Jenseitsangst. Wer Sacco-Kranken hilft, muss ihnen gerade gegen die sie krank machende Religion helfen, also die „Sünde“ begehen, Gottkritik und Kritik an den Heiligen Schriften zu üben. Tiefenpsychologisch sind es eben gerade diese Höllenängste, die uns die extreme Suizidrate im dortigen Milieu erklären.
Riemann: am schwersten seien Ängste, wenn sie Kinder „um das 2. bis 4. Lebensjahr“ treffen würden, da diese Hilflosen noch keine Abwehrkräfte entwickeln konnten. 4 Typen führt Riemann an: Den schizoiden, den depressiven, den zwanghaften und den hysterischen.
Der zwanghafte Typus weise aus Angst ein Sicherungsbedürfnis auf. Sein Leben ist auf Ordnung, Pünktlichkeit, Perfektion und Reinlichkeit ausgerichtet mit der Angst im Hintergrund, sich zu versündigen. Ein geschilderter Waschzwang erkläre sich als Versuch, verdrängte Unreinheit in Form frühkindlicher Sünde, hier bspw. Selbstbefriedigung, abzuwaschen. Die christlichen Kirchen hätten in ihrer „Machtpolitik“ durch ihre „Verdammung der Sexualität“ und durch die damit erweckten Schuldgefühle und Strafängste manche kirchenbedingte Neurose verschuldet. „Verheerende Folgen“ weise die religiös-fundierte Leibfeindlichkeit auf. „Schwerste Ängste und Schuldgefühle“ würden daher nicht selten im Selbstmord enden. Hilfe könne nur im „Bewusstmachen der eigentlichen Hintergründe“ liegen, also nicht im heutigen angstbedingten Schweigen einer Psychiatrie.
Der schizoide Typus meide Kontakt, speziell auch den sexuellen. Schizoide würden das Weibliche besonders im Sexualkontakt als bedrohlich erleben. Angst sei, so ein angeführtes Beispiel, „die einzige Realität“ des Betroffenen. Hier nennt Riemann Ängste, in Kontakten enttäuscht zu werden. Er sieht hier nicht – wie ich – die mögliche Ursache der Kontaktmeidung auch in einer „Verdammung“ der Sexualität durch den aufoktroyieren Glauben. Denn da gilt nahezu jeder ungebeichteter Sex als höllenwürdige Sünde. Und überhaupt: Einer Versündigung am Mitmenschen kann nur durch strickte Kontaktvermeidung mit der Folge einer Vereinsamung ausgewichen werden. Auch hier liegt die Therapie in einer Bewusstmachung der Zusammenhänge mit unserem unchristlichen Christentum, siehe die von mir entwickelte EAT.