Christoph Schlingensief
Christoph Schlingensief hat uns 2010 verlassen. Er verstarb, Jahrgang 1960, an einem Lungenkrebsleiden. Über die Zeit seiner Erkrankung verfasste er das Buch: „So schön wie hier kann es im Himmel nicht sein.“
Die Religionen sind zurück – und mit ihnen das Mittelalter. Als ausstellender Künstler bei der Biennale in Venedig formte Schlingensief eine überdimensionale Kirche und unterstrich damit den heutigen großen Stellenwert dieser Institution. Inmitten dieser Kirche stellte er ein gefesseltes Kind aus.

Vor seiner Krebsdiagnose fühlte er sich „im Kern“ geschützt und „von Gottes Gnaden behütet“. Als ihn die Krankheit traf, war das Verhältnis „zu Gott und zu Jesus zerrüttet“. Er wurde „realistischer“ als früher und durchschaute die Heilsversprechungen der Kirchen als „so mies und so dreckig und so billig“. Über Nacht wurde er zu einem „ganz anderen Menschen“.
Religion hat ihren Ursprung in dem Gefühl der Schutzlosigkeit angesichts einer übermächtigen Natur. Brauchte man früher Schutz vor wilden Tieren, so sucht man ihn heute vor einer vernichtenden Diagnose und einem qualvollen Sterben. Wie kein anderes Lebewesen sieht der Mensch sein eigenes Leiden voraus. Er kann quasi in die Zukunft blicken, auch weil er in den Medien tagtäglich Patienten sieht, die sich genau in jenen Krankheitsstadien befinden, die ihm selbst noch bevorstehen. Ein metastasiertes Lungenkarzinom endete in aller Regel rasch tödlich. Erst neuerdings gibt es eine Gen-Therapie. So braucht der moderne Mensch heute wieder umso mehr einen Gott – umso mehr den Gedanken an einen Schutz von oben.
Zum Thema Krebs schrieb ich Gedichte.
Krank
Das Gewächs in deinem Bauch
schmerzlos
nur die Schwäche
Du suchst die Hoffnung
Die Schwester schließt die Tür
Die Zeit des Wissens
sie nennen es Kampf
ist ohne Sieg
Eisen schnürt dir den Hals
Fremdes, weißes Bett
Es soll verkapseln, sagen sie,
Ein gutes Essen, das nicht schmeckt
Es ist der Tropf
sagt der Arzt
Du nickst und gehst
Rosen hat sie gebracht
Hilflose Worte
Manchmal wie Traum
Erwachen oder leben
oder einfach das Nichts
Ingeborg
Roter Stein
letzter Flug
ins Nichts
und so schwer
für Dich
Harter Stahl
an Deiner Stirn
letzter Freund
und Feind
für Dich
Verdammte Angst
zu erwachen
und zu leiden
bittrer Trank
für Dich
Letzter Weg
und keine Hand
in Deinem Haar
und kein Wort
für Dich.
Früher schwand der schwerkranke Mensch Tag für Tag ein Stück mehr, bis er eines Morgens einfach fort war. Heute raubt uns das Wissen diese Stille: Die moderne Wissenschaft und die Medien konfrontieren uns schonungslos mit jeder grausamen Eventualität, noch bevor sie eintritt. Es ist ein Fluch des Fortschritts. Wer diese Diagnose erhält, begreift schmerzhaft schnell, dass kein Gott existiert, die schützende Hand über uns zu halten. Wenn am Ende nicht Gott, sondern Menschen den Strom abschalten, wird der Trost einer aktiven Sterbehilfe zur humanitären Notwendigkeit.
Aus der Distanz eines von seiner Religion Enttäuschten sieht Schlingensief klarer: „Das Gottprinzip ist im Lauf der Jahrhunderte zu einem Prinzip der Schuld und des Leidens verkommen. Warum ist das Gottprinzip kein Freudenprinzip?“ Stattdessen quält die Kirche Erkrankte noch mit falschen Dogmen. Schlingensief merkt betreffs eines Erkrankten an: „Da hat sich also Gott für ihn eine Prüfung ausgedacht. Oder: Aha, der hat wohl Schuld auf sich geladen …“ So quält Religion gleich mehrfach: Sie bietet nicht den versprochenen Schutz und interpretiert das Leiden stattdessen als Prüfung oder gar als göttliche Strafe.
Die Themen Glaube und Religion beschäftigen die Allgemeinheit zurzeit sehr stark. Das stellte auch Susanne Gaensheimer, die Kuratorin des Deutschen Pavillons in Venedig, in der Zeitung Die Welt (vom 6. Juni 2011) fest:
Christoph Schlingensiefs Werk „Kirche der Angst“ beeindruckte Jury und Publikum gleichermaßen. Schlingensief wollte, so heißt es, „die Idee von einem strafenden Gott zerstören“, konnte aber „doch nicht von seinem Glauben lassen“. Laut Gaensheimer löste sein Werk, das letztlich „ins Blasphemische“ abgleite, Begeisterung und Euphorie aus.
Hier stellt sich mir jedoch die Frage, wer hier eigentlich blasphemisch agiert. Meiner Meinung nach sind es die Kirchen selbst: Sie stellen ihren Herrgott auf eine Stufe mit irdischen Despoten, indem sie ihm, dem sprach- und wehrlosen, Folter – gar ewige Verdammnis im Feuer – unterstellen. Und das vor Kindern und vor einem stummen Gott, der seinen eigenen Kirchen ausgeliefert ist. Es gibt hier also nicht den „Bad Boy“ Schlingensief, sondern vielmehr das „Bad Girl“-Kirche.