„Unruhige Kinder“ von J. Prekop und C. Schweizer, dtv
Ein Buch über ADS und Autismus
Vorwort:
Jirina Prekop zeichnet als promovierte Diplompsychologin. Ihre erste Kinderbibel mit einem Bild der Sintflut wird sie um ihr drittes Lebensjahr bekommen haben. Bischöfin Käßmann schreibt uns in einem Buch dazu, man solle Kindern die Story der Flut schon so erzählen, „wie es die Bibel tut“. Man solle also, so verstehe ich das, die Sintflut, auch wenn sie Kinder über „ungeheure“ Gottängste krank macht, als ersten Holocaust in der Geschichte erzählen - und ihnen somit Gott als den Lehrmeister eines Adolf Hitler präsentieren.
Christel Schweizer zeichnet als Kinderärztin und Leiterin der Abteilung für Entwicklungsstörungen im Olga-Hospital Stuttgart. Ihren ersten Bibelschock wird sie mit etwa drei Jahren erlitten haben.
Zum Buch:
Es geht im Buch um ADS, Autismus und kindliche Aggressivität. Als kindliche Bedürfnisse werden genannt Geborgenheit, Halt, Vertrauen und ganze Liebe. Fehle oder mangele es an dem, würden ADS und Autismus entstehen. Ich staunte. Endlich einmal nichts von einer irrigen Gen-Hypothese! Von „Gott“ halten die Autorinnen viel. Zu viel. Da müssen sie ganz viel verdrängen: Dessen Sintflut, dessen in Lukas 17 angedrohte Apokalypse, dessen Fegefeuer, dessen biblisch vielfach und explizit in der Bergpredigt angekündigte ewige Hölle und die „Tatsache“, dass dieser „Gott“ nach den Dogmen beider Amtskirchen bei weitem nicht alle, sondern nur „viele“ rettet. Wie hört sich das aber dann im vorliegenden Buch an:
„Gott ist die absolute Einheit, die vorbehaltlose Liebe, der vollkommene Frieden, das allumfassende Ganze.“ Und weiter: Das „ewige Leben“ wird angesprochen. Es wird Gott zitiert: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Und weiter: „Diese Tiefsten und zugleich höchsten Erfahrungen des In-sich-ruhen-Könnens sind jenes mystische Erleben der göttlichen Einheit, die Vereinigung mit Gott durch ihn und in ihm.“ Die Vertreibung aus dem Paradies wird angesprochen. Die „Verstöße gegen den Prozess der Erlösung“ werden diskutiert. Letztlich glauben wir uns in einer Kirche mit zwei predigenden Therapeutinnen als typische Vertreterinnen einer säkularen Priesterschaft: der etablierten Psychiatrie. Objektivität und Wissenschaft bleiben hier auf der Strecke.
Auf Seite 90 steht, man habe nun „die einzelnen Flammen untersucht“, die Angst und Unruhegeist beim Kind nähren würden. Auf den nächsten Seiten werde versucht, die Spuren der Brandstiftung zu erkennen und das Unheil fürs Kind abzuwenden. Doch um das Wesentliche, um die anerkannt größte Angst des Kindes, die Gottangst, machen beide Autorinnen einen weiten Bogen. Nur unter Bewegungsspielen wird die Hölle einmal erwähnt: „Himmel und Hölle, Seilspringen…“ Wieder sind es nur die Erziehungspersonen, die etwas, ohne unbedingt schuld zu sein, verkehrt machen. Gott und Kirche: unfehlbar. Die Güte selber. Hier liegt Realitätsverkennung vor.
Es ist richtig und notwendig, in einer ganzheitlichen Psychotherapie den Glauben einzubeziehen. Doch Therapeuten dürfen nicht ihr im Bewusstsein vorhandenes Gottesbild auch beim Erkrankten voraussetzen und es ihm predigen, ihm als Wahrheit verkünden. Sie müssen ihn religionspsychologisch dort abholen, wo seine Religion ihn hat erkranken lassen: In seinem Unbewussten. Bei seinem Höllenglauben. Die Voraussetzung ist allerdings, dass die etablierte Psychiatrie endlich ihr eigenes Unbewusstes kennt bzw. erkennt: Die dortige Despoten-Projektion des eigenen Gottesbildes. Nur dann ist eine Therapie ganzheitlich. Nur so verhindert man die heute gängige Drehtürpsychiatrie als den Beweis, nicht heilen, sondern nur immer bessern zu können.
Misslich sind die Zeilen über Birger Sellin, einen ehemaligen Autisten, über den ich auch schrieb. Als 20-jähriger veröffentlicht er sein Buch „ich will kein inmich mehr sein“. Die Autorinnen berichten über Angst des Autors und zitieren ihn: „ Eine angst unter der ich am meisten leide ist die angst wie ich einen tag überleben kann…“ Ein „steinernes wesen“ halte ihn gefangen. Doch was beim Birger wirklich wichtig ist, wird von den Autorinnen ausgeklammert, hat es ja mit einem sadistisch strafenden, unbarmherzigen Gott zu tun. Den wollen die Autorinnen nicht wahrhaben. Für sich nicht und für Birger nicht. Ich allerdings hebe das wirkliche Problem Sellins in meinen Büchern hervor:
Sellin gibt kirchenbedingte Massivängste und Panikattacken an. Er erfährt in deren Aufarbeitung eine Art Selbstheilung. So heißt es dort: „...werden wir wegen unserer sünden verdammt werden... / idiotische panik bringen mich fast zur verzweiflung.“ Und später: „der birger ist wieder normal, er hat seine gerechte strafe abgebüßt, eine sicher desinteressierte gottheit straft in willkürlicher weise...“ Und: „... ein autist ist aber unausgesetzt unter feuer.“
Hier kommt eigentlich nur das „Feuer“, der Schrecken der Angst und der Panik vor einer ewigen Feuerhölle infrage. Die Gesellschaft solle, so Birger, endlich erkennen, unter welcher Angst Autisten wirklich leiden. Ein Gefühl von Geborgenheit, Halt, Vertrauen und ganzer Liebe kann kein Kind bei dem heute schon in der Kita gelehrten Gottesbild entwickeln. Einer Staatsanwaltschaft habe ich Sellin als Kirchenopfer angezeigt. Eine Antwort erhielt ich nicht.
Eigene Gottangst wird es bei den Autorinnen sein, die sie einen so weiten Bogen um das Thema dieser Angst machen lassen. Ja, nahezu die gesamte Psychiatrie verhält sich so. Im Diagnoseschlüssel ICD-10 kommt diese größte Angst des Menschen nicht vor: So tief ist sie verdrängt. Auch im Werk „Das Angstbuch“ des Göttinger Angstforschers Bandelow fehlt sie. Man redet sich die Bibel und ihren Gott schön – und „glaubt“ an dieses Kartenhaus. Es ist derselbe Mechanismus, der alte Schizophrene so hübsche Bilder über Themen wie die Sintflut oder die Kreuzigung malen lässt. Da ist aber auch alles schön. Selbst der Gekreuzigte lacht. Blumen ranken. Die Sintflut: eine lustige Kaffeefahrt. Die ist als Kaffeefahrt besser auszuhalten denn als Holocaust.
Die extreme Suizidrate in der sprechenden Medizin liegt begründet in den dort nicht aufgearbeiteten eigenen religiösen Ängsten. „Schlechte Erfahrungen“ seien es, so der Psychiater und Autor M. Lütz, der sprechende Mediziner „nie“ über das Thema Religion sprechen lasse. Taub und stumm ist man dort in Religionsdingen.