Warum Pfingsten?
Pfingsten wird gefeiert. Und wir haben zwei zusätzliche freie Tage. Oder besser gesagt: einen. Den Montag. Der Geist Gottes naht – uns. Zu ihrer Studienzeit pflegte meine Schwester zu sagen: „Der Heilige Geist ist die Liebe.“ Wir werden sehen, was die Kirchenführung aus dieser Liebe gemacht hat. Es ist auffällig, dass andere Religionen kein Pfingstfest kennen. In ihren Lehren kommt ein solcher Geist nicht vor. Judentum und Islam kommen bestens ohne einen Heiligen Geist aus, obwohl sie eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Christentum aufweisen.
Pfingsten hat seinen Ursprung in dem Schock, den die frühen Christen erlebten. Ihr Gott war am Kreuz gestorben. Derjenige, der die Juden vom römischen Joch befreien sollte, war plötzlich tot. Was war zu tun? Die naheliegendste Lösung bestand darin, ihn von den Toten auferstehen zu lassen. Und so „erscheint“ er kurz nach Ostern plötzlich den Jüngern. Er war wieder da, als wäre nichts geschehen. Da eine Auferstehung von den Toten in der Realität nicht vorkommt, haben sie sie kurzerhand erfunden. Das Konzept übernahmen sie bereitwillig von den Ägyptern – man denke nur an Mumien.
Der Irrglaube, Jesus könne sein Werk zu Lebzeiten vollenden, hörte auf, ein Irrtum zu sein. Helmut Schmidt seinerseits glaubt nicht an die Auferstehung – und hält sich dennoch für einen Christen. Vermutlich hat er auch nicht an die Hölle, das ewige Konzentrationslager geglaubt. Um also den neuen Glauben zu sichern, erdachte man einen „Geist“ – ein Geniestreich von hoher intellektueller Raffinesse. Was da unter dem Rauschen eines gewaltigen Sturms herabkam, wurde als der Geist Jesu bezeichnet. Plötzlich hatten wir es innerhalb eines monotheistischen Rahmens mit drei Göttern zu tun. Dem Dogma zufolge handelt es sich um drei „Personen“, aber „ein Wesen“. Der Monotheismus war gerettet.
Der Vorteil eines Geistes lag darin, dass man ihn nicht kreuzigen – und somit nicht erneut einen Gott verlieren – konnte. Um diesen Schachzug zu zementieren, waren zwei Dinge erforderlich: erstens das Wunder – die Pfingstler konnten plötzlich Fremdsprachen sprechen und verstehen. Schmidt glaubt nicht an Wunder (1). Zweitens folgte das strikte Verbot, *nicht* an diesen Geist zu glauben. Auch dieses Verbot wird sogleich in Beton gegossen: Wer nicht an den Geist glaubt, begeht eine Sünde gegen den Heiligen Geist. Wer sich im Umgang mit dem Heiligen unangemessen verhält, landet ebenfalls im Feuer der EKD. Ihm wird keine Vergebung zuteil, weder in dieser noch in jener Welt. Bei aller hohen Intelligenz ist man ebenso geschickt im Lügen wie in der Brutalität. Das ist die wahre Dreifaltigkeit innerhalb einer Religion, die es geschafft hat, zu einem Weltglauben zu werden.
So wirkt der Heilige Geist ohne ein Jüngstes Gericht. Er handelt ohne Urteil – und folglich ungerecht. Infolgedessen ist die Furcht vor ihm größer als die Furcht vor jenem Jesus der Bibel, der selbst kaum zimperlich ist, wenn es um Bestrafung geht. Nach Ansicht der EKD bestraft er mit ewiger Feuerqual (2). Die grausame Realität einer solchen Qual wird uns von Benedikt aus Marktl am Inn bestätigt – im Jahr 2000, das er zum Heiligen Jahr ausgerufen hatte. Wer wie die heilige Faustina Zeuge der Foltern in der Hölle würde, kann, so Faustina, „vor Entsetzen sterben“, wenn nicht die „Allmacht Gottes“ einen solchen Tod verhindere (3). Sein Nachfolger Franziskus ist – wie jeder Papst – bisweilen ebenfalls Fundamentalist. Er predigt, wir müssten „noch mehr beten“, damit „noch mehr Seelen gerettet werden“.
Als junger Kardinal hatte Benedikt geschrieben: „Die Hölle ist überwunden.“ Doch als Papst ließ er jenes ewige Konzentrationslager wiederauferstehen. Ein guter Bekannter von ihm – Dr. Manfred Lux aus Celle – erklärte mir, Ratzinger habe diesen Kurswechsel nach den Studentenunruhen von 1968 für notwendig gehalten. Lux studierte Theologie und wurde Chirurg. Wir sehen bestätigt: Die Hölle ist Politik. Glaube ist Politik. Das Über-Ich namens Gott ist eine Außenstelle der herrschenden Ordnung. Der Staat delegiert Handlungen, die ihm selbst untersagt sind – wie etwa Folter –, nur allzu gern an einen „Gott“.
Die schwerste psychische Erkrankung, die uns Psychotherapeuten bekannt ist, hat ihren Ursprung genau in dieser Pfingstproblematik. Sie entspringt dem Glauben, gegen den Heiligen Geist gesündigt zu haben. Einem solchen Patienten begegnete ich erstmals im Alter von dreiundzwanzig Jahren, als ich ein klinisches Praktikum bei Professor Bürger-Prinz an der Universität Hamburg absolvierte. Zweimal wöchentlich wurde er anstelle einer Gesprächstherapie Insulin-Schockbehandlungen unterzogen. Wochenlang war ich sein ständiger Begleiter. Er war sich sicher, für das ewige Feuer bestimmt zu sein. „Aber Gott ist doch kein Nazi“, sagte ich zu ihm. Doch genau das hatte er geglaubt. Er hatte an den christlichen Nazi-Gott geglaubt. Tausende teilen ein ähnliches Schicksal; Tausende sind Opfer von Pfingsten. Es gibt daher keinen Grund, Pfingsten freudig zu feiern – es sei denn, wir feiern, weil wir frei haben.
(1) Helmut Schmidt in „Religion in der Verantwortung“
(2) Bischof N. Schneider in „Von Erdenherzen und Himmelsschätzen“,
(3) Heiligsprechung der Höllenbesucherin Faustine