Hier wiederholt sich so einiges aus der kurzen Zusammenfassung in der Home-Seite. Lesen Sie über Bekanntes einfach hinweg.

Ein Paradigmenwechsel steht in der Psychiatrie an: Nicht die Kastrationsangst ist die größte Angst jedes Knaben, es ist die Gottangst. Der Leiter des Referats Religiosität in der DGPPN, Prof. Utsch, gibt ein ganzes Fallbuch mit Beispielen über Religionskrankheiten heraus, die sich häufig als Schizophrenie zeigen. Hier verweise ich auch auf mein neuestes Buch "Religionsmedizin", 514 Seiten. Es ist auch für Laien einfach zu lesen - momentan nur mit dieser Web-Seite. Sie ist nahezu identisch mit dem Buch.

Unter dem Sacco-Syndrom verstehen wir Erkrankungen, die durch religiöse Ängste entstehen. Religion darf laut unsrer Verfassung eigentlich nicht psychisch krank machen. Denn das ist nach hiesigem Recht eine strafbare Körperverletzung. Also macht sie auch nicht krank, so die simple Aussage der etablierten Psychiatrie. Man schaut an dieser Stelle einfach weg und schickt die betreffenden Schwerkranken weiter. Wohin? Zum Klerus. Das befindet man so als in Ordnung. Es fällt sozusagen unter die "kollegiale Zusammenarbeit" Seelsorger - Arzt. Ja, man vermisst sogar Fortbildungen auf diesem Sektor. Jede Religion, die mit Ängsten, z. B. vor Folterstrafen in einem postulierten Jenseits dogmatisch arbeitet und damit fundamentalistisch ist, macht krank. Doch dieses "Wissen" haben hier nur Geistliche, wobei es wie immer Ausnahmen gibt. Die ehemalige Leiterin der Evangelischen Kirchen Deutschlandes (EKD), Ex-Bischöfin Käßmann, schreibt uns über die religionskrank gemachten Kinder im Buch "Wie ist es so im Himmel?". Es gebe bei Kindern „immer wieder eine große Angst vor der Hölle" Sie trifft dort auf "große Befürchtungen", "Gott könne sie strafen". Manche hätten "gar tief existentielle Ängste wie Luther". . . Das Höllendogma macht natürlich krank.

Collage Sacco

Religiös induzierte Traumata: Die verdrängte Gefahr der Jenseitsangst in der kindlichen Entwicklung und die Rolle der Psychiatrie

In den aktuellen theologischen Diskursen, wie sie beispielsweise von Margot Käßmann geführt werden, zeigt sich eine folgenreiche Unschärfe im Umgang mit menschlichen Urängsten. Wenn Käßmann von kindlichen Ängsten spricht, greift sie zu kurz: Es geht hierbei nicht um die banale oder existenzielle Angst vor dem physischen Tod. Die weitaus gravierendere Angst, die in den kirchlichen Narrativen geschürt wird, ist die vor einem schrecklichen Leben im Jenseits, vor göttlichen Strafen nach der sogenannten Auferstehung und vor einer biblisch legitimierten Folter „von Ewigkeit zu Ewigkeit“.

Wie Eugen Biser und Karl Jaspers dargelegt haben, handelt es sich hierbei um die wohl größte und tiefgreifendste Angst des Menschen. Sie ist von einer derart überwältigenden Dimension, dass sie psychologisch in der Regel verdrängt werden muss und meist im Unbewussten wirkt – doch sie ist unbestreitbar präsent. Tilmann Moser beschreibt dieses Phänomen in seinem Werk Gottesvergiftung treffend als eine der schwersten Erkrankungen, die Kindern zugefügt werden können. Historische Präzedenzfälle wie Martin Luther, der unter massiven Höllenängsten bis hin zu Wahnvorstellungen des Teufels und einer religiös-masochistischen Depression litt, zeugen von der zerstörerischen Kraft dieser Vorstellungen.

Klinische Praxis und tiefenpsychologische Einordnung Aus ärztlicher und therapeutischer Sicht ist festzustellen: Wer unter existenzieller Jenseitsangst leidet, ist schwer angstkrank. Ein Fall aus meiner 20-jährigen Praxis illustriert dies eindringlich: Eine blinde Patientin entwickelte eine kirchenbedingte Schizophrenie, nachdem ihr als Kind eine vermeintliche „Sünde wider den Heiligen Geist“ (ein Fluchwort nach dem Stoßen an einer Kirchenbank) nicht vergeben wurde. Sie leidet bis heute unter der regelmäßigen Halluzination, in einer Kirche bei lebendigem Leib zu verbrennen.

Tiefenpsychologisch lässt sich dieses Phänomen als Sacco-Syndrom fassen. Entgegen Sigmund Freuds klassischer Deutung litt beispielsweise Ödipus – unser mythologischer Vorzeigepatient – nicht an Kastrationsangst, sondern an Gottesangst. Die Furcht vor der ewigen Verdammnis durch Zeus trieb ihn in eine angstbedingte Depression, die er durch einen religiösen Masochismus (seine Selbstblendung als Bußopfer) zu therapieren versuchte. Das Sacco-Syndrom zeigt sich heute in vielfältiger Symptomatik: Die betroffenen Kinder entwickeln Aufmerksamkeitsdefizite (ADS), autistische Züge oder flüchten sich als Selbstheilungsversuch in Süchte, Zwänge und Psychosen, um die unerträgliche religionsbedingte Depression zu kompensieren.

Pädagogische Fehlgriffe und die Rechtfertigung der Hölle Trotz dieser klinischen Realität hält ein Großteil der Geistlichkeit an der Vermittlung von Jenseitsängsten fest. Ein „Wohlfühlgott“, vor dem Kinder keine Angst haben müssen, wird abgelehnt – man dürfe Gott „nicht zum lieben Papigott machen“, warnt Käßmann. Besonders problematisch ist die rhetorische Strategie, Kindern die Hölle über ihren eigenen Gerechtigkeitssinn plausibel zu machen. Käßmann fragt, was mit menschenverachtenden Diktatoren wie Hitler oder Stalin geschehe, und weckt im Kind den Wunsch nach einer gerechten, drakonischen Bestrafung. Akzeptiert das Kind jedoch das Konstrukt einer gerechten „Feuerhölle“ für Diktatoren (oder die böse Stiefmutter), ist das psychologische Fundament für die Angst vor der eigenen Verdammnis gelegt.

Statt Kindern klare Gewissheit und Erlösung von diesen Vorstellungen zu bieten („Der uns bedingungslos liebende Gott straft nicht im Jenseits“), weichen theologische Vertreter aus und verweisen auf unkonkretes „Gottvertrauen“. In dieser bewusst aufrechterhaltenen Ungewissheit können Kinder jedoch keine psychische Sicherheit finden. Selbst biblische Katastrophen wie die Sintflut – de facto die Erzählung eines kollektiven göttlichen Massenmordes an Mensch und Tier – werden bereits im Kindergartenalter unreflektiert vermittelt. Wenn Käßmann den göttlichen Zorn verharmlosend mit einem Kind vergleicht, das aus Wut sein Legohaus zerstört, verkennt sie die entwicklungspsychologische Wucht, die das Bild eines vernichtenden Gottes auf die kindliche Psyche hat.

Das systemische Versagen von Psychiatrie und Standespolitik Trotz der immensen Zahl von Patienten, deren Leidensweg kausal auf religiöse Indoktrination zurückzuführen ist (wie von Drewermann und Moser belegt), ignoriert die etablierte Psychiatrie diesen Zusammenhang weitgehend. Es grenzt an einen historischen Kunstfehler, dass der direkte Zusammenhang zwischen kirchlicher Bedrohung und psychiatrischer Erkrankung systematisch verneint wird.

Die Folgen dieses systemischen Wegsehens sind fatal. Auf Fachkongressen (wie dem BDI-Kongress) wird vereinzelt sogar die Praxis eingeräumt, Patienten mit religiös bedingten Wahnvorstellungen an Geistliche zu überweisen – teils mit der mittelalterlich anmutenden Fehldiagnose der „Teufelsbesessenheit“. Die Rücküberweisung schwer leidender Patienten an exakt jene Institutionen, die als Verursacher ihrer Traumata gelten müssen, widerspricht allen medizinischen Qualitätsstandards. Kein Internist würde einen alkoholkranken Patienten zur Therapie in eine Kneipe schicken.

Fazit: Ein medizinethischer und juristischer Handlungsbedarf Die Vermittlung von Höllenqualen und ewiger Verdammnis an Kinder vor dem Einsetzen eines kritischen Bewusstseins ist keine harmlose Tradition, sondern psychischer Missbrauch, der die Kriterien der seelischen Körperverletzung erfüllt. Wenn theologische Autoren unseren Kindern heute noch attestieren, bestimmte Sünder kämen in ein „ewiges Feuer“, so sind das keine hinnehmbaren „Glaubenswahrheiten“, sondern traumatisierende Bedrohungsszenarien.

Dass diese Zusammenhänge von Teilen der Psychiatrie, der Ärztekammern und der Justiz vertuscht oder bagatellisiert werden – sei es aus Rücksichtnahme auf die Kirchen als mächtige Arbeitgeber oder aus mangelnder tiefenpsychologischer Reflexion –, ist ein ethischer Skandal. Es ist dringend an der Zeit, den seelischen Missbrauch durch klerikale Dogmen als primäre Ursache psychiatrischer Erkrankungen anzuerkennen und aufklärerisch dagegen vorzugehen.

 

(1) In : „Die wichtigsten Denkanstöße“, 2004, Piper

(2) Hans-Werner Deppe: „Wie wird es in der Hölle sein?“, betanien

(3) Bischof Nikolaus Schneider: „Von Erdenherzen und Himmelsschätzen“, Seite 54, Aussaat Verlag

(4) Bischöfin Margot Käßmann: „Wie ist es so im Himmel“, Herder. / Untersuchung an ca. 10. 000 Kindern

(5) Zeitung Die Zeit vom 31.3.2010 „Glauben und Zweifeln“ / Abschiebung Schwerkranker zum Klerus

(6) Der Benediktinermönch Meinrad Dufner: „Gottestäter, die Gefahr negativer Gottesbilder“