Zur Einleitung einige persönlich erlebte Fälle aus meiner hausärztlichen Praxis.
Mehrere Monate Wartezeit auf einen Termin beim Nervenarzt sind einem depressiven Menschen schlicht nicht zuzumuten. Bis zum vereinbarten Tag ist man entweder genesen, weiterhin chronisch krank – oder bereits tot.
Eine junge, gesetzlich versicherte Patientin aus der Nachbargemeinde wurde von den Praxishilfen mehrerer Psychiater am Telefon immer wieder vertröstet. Weil die Familie den Ernst der Lage erkannte, entschloss sie sich schließlich, die Therapie privat zu bezahlen, um schneller Hilfe zu bekommen. Den mühsam ergatterten Termin erlebte die junge Frau jedoch nicht mehr: Sie nahm sich das Leben.
Dies ist kein Einzelfall. Die Zeitschrift Neon berichtete im Mai 2014 über Melanie Gramer, die die Systemfehler von 50 Therapeuten überlebte. So viele Praxen wiesen die schwer Erkrankte trotz akuter Suizidgedanken ab. Erst als Selbstzahlerin erhielt sie die richtige Diagnose: schwere Depression. Ihr bitteres Resümee: „Es kann doch nicht sein, dass Menschen wie ich diesem System scheißegal sind.“ Für die Ärzteschaft ist das ein Armutszeugnis.
Ein weiterer Fall aus meiner eigenen Praxis: Im August 2014 vertrösteten die Mitarbeiterinnen diverser Neurologen eine Patientin von mir auf den Mai 2015. Sie hatte am Telefon genau die Symptome geschildert, die ich auf der Überweisung vermerkt hatte: „Stirnkopfschmerzen seit einem Monat, zur Abklärung“. Angesichts der langen Wartezeit veranlasste ich selbst das MRT – eine Aufgabe, die eigentlich dem Facharzt zugestanden hätte. Das Ergebnis am 18. August 2014: ein Hirntumor. Ein Glück, dass die Patientin nicht auf den Termin im Mai gewartet hat.
Diese Fälle zeigen überdeutlich: Für jede Depression und jeden unklaren Kopfschmerz muss – genau wie bei akutem Brustschmerz – gelten, dass das Praxispersonal einen Fall so lange als medizinischen Notfall behandelt, bis ein Arzt das Gegenteil feststellt. Selbst meine Kassenärztliche Vereinigung stimmte mir letztlich zu: Im Grunde sind es heute wir Nicht-Psychiater, die die eigentliche Arbeit auf dem Gebiet der sprechenden Medizin übernehmen – und das vor allem in den akuten Notfällen.
Meine Patientin S. wuchs in einem Diakonissenheim in Großburgwedel auf. Dort war sie schwersten Misshandlungen ausgesetzt: Sie wurde in Einzelhaft gesperrt und gezwungen, ihr eigenes Erbrochenes zu essen. Aufgrund ihrer krausen Haare wurde sie von den Diakonissen mit den Worten gedemütigt: „Krause Haare, krauser Sinn, da steckt nur der Teufel drin.“ Zudem wurde sie regelmäßig von dem dortigen Pastor sexuell missbraucht. Er drohte ihr, sie käme in die Hölle, wenn sie reden würde, woraufhin das Kind schwieg. S. fand nie wieder ins Lebensglück zurück. Als sie im Alter von etwa 60 Jahren in einer schweren depressiven Phase von drei psychiatrischen Kliniken abgewiesen wurde, vermittelte unser Pastor sie an mich, da ihm bekannt war, dass ich therapeutisch auch in solch komplexen Fällen entschlossen handle. Später entschuldigte sich Bischöfin Käßmann zwar bei ihr, die geforderte finanzielle Entschädigung für S. blieb jedoch aus. S. verstarb schließlich im tiefen Gram.

Jesus kocht im Paderbormner Dom zum Entsetzen unserer Kinder Menschen.

Das Bild brachte Erzbischof Becker eine Strafanzeige ein.

Der Vorwurf: Kindesmisshandlung, Gewaltdarstellung, Gotteslästerung

 

Wie arbeiten Psychiater?

Vorweg: Keine Regel ohne Ausnahme. Mit meiner Psychiaterkritik stehe ich nicht alleine.

Im Vordergrund meiner Kritik steht die selbst auferlegte und von der DGPPN mitgetragene – ja verordnete – Sprachlosigkeit der deutschen Psychiatrie gegenüber Patienten mit religiösen Traumata. Klärende Gespräche werden Ärzten und Psychologen als vermeintliche „Grenzverletzungen“ untersagt. Stattdessen sollen Betroffene zwecks einer kausalen Gesprächstherapie ausgerechnet an die Verursacher ihrer Erkrankung überwiesen werden. Bei kirchenbedingten Erkrankungen beschränkt sich die Behandlung demnach auf die Medikamentengabe; allenfalls eine Expositionstherapie sei noch gestattet. In allen anderen medizinischen Fachbereichen ist ein solches Vorgehen unbekannt, streng untersagt und gilt als schwerer Kunstfehler. Als Internist überweise ich Alkoholkranke schließlich auch nicht in die nächste Schankwirtschaft mit der Auflage, sich dort zu betrinken. Nach Aussage von Prof. Leuzinger-Bohleber, der ehemaligen Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, fehlt in der Psychiatrie sogar das grundlegende Nachdenken über religiöse Traumata. Meiner Erfahrung nach hören Psychiater im Bereich der Religion nicht – wie eigentlich vorgeschrieben – aktiv zu, sondern aktiv weg.

Weitere Behandlungsfehler
Aus dem Fachbuch „Kriminalsoziologie“ von F. Sack und R. König (Akademische Verlagsgesellschaft Frankfurt a. M.) geht hervor, dass die Psychiatrie keine hinreichende Erklärung dafür liefert, wie Delinquenz oder kriminelle Gewalttätigkeit entstehen. Zudem wird bemängelt, dass sie zwar den Begriff des „Normalen“ verwendet, diesen aber nicht definieren kann. Die Autoren belegen anhand von Beispielen eine regelrechte „babylonische Verwirrung“ bei den diagnostischen Begriffen. Es wird deutlich, dass die eigene Persönlichkeit, die Affektstrukturen und die Vorurteile der Psychiater deren Diagnosen maßgeblich beeinflussen. Den Praktikern wird vorgeworfen, in wissenschaftlicher Hinsicht „äußerst unbekümmert“ und „nur unzureichend informiert“ zu sein. Sie stünden im Verdacht, Kranke in arbiträrer, subjektiver und ungültiger Weise als „Oralerotiker, Oralsadisten, Analerotiker und Analsadisten“ zu klassifizieren. Eine genannte psychiatrische Einrichtung stellt eine spezielle Diagnose in 37 % der Fälle, eine vergleichbare Institution überhaupt nicht! „Legislative und Exekutive“ hätten bedauernswerterweise „Respekt und Vertrauen“ Psychiatern gegenüber und würden glauben, dass deren Aussagen „geprüft und wahr“ seien. Das sei aber „keineswegs“ so! Sacks Untersuchungen gipfeln in dem Satz, es sei nicht erwiesen, dass Psychiater „konsistent bessere Urteile über Menschen fällen als die Laien.
Auch der Hirnforscher Eagleman fällt ein vernichtendes Urteil. Bei der Beurteilung der Prognose von Sexualverbrechern seien die Einschätzungen von Psychiatern „nicht besser als Zufallsergebnisse“ (Quelle Der Spiegel 7/ 2o12). Straftäter seien nur sehr bedingt für ihr Tun verantwortlich, man müsse sie umerziehen. Natürlich ist die Pädophilie regelmäßig eine Erkrankung mit einem sexuellen, verdrängten Trauma in der Vorgeschichte.  Pädophile haben Ängste: Regelmäßig sind es sexuelle, meist tiefsitzende religiöse Ängste, die sie weg von einer gepredigten sündigen Heterosexualität in eine vermeintlich saubere mit Kindern führen.

Fehlgeleitete Ursachenforchung

Die moderne Psychiatrie und die Frage nach den Ursachen von Autismus und Schizophrenie
Die moderne Psychiatrie verschließt die Augen vor den eigentlichen Ursachen von Autismus und Schizophrenie. Ohne haltbare wissenschaftliche Begründung und unter Berufung auf – wie selbst oft zugegeben wird – noch „unausgegorene Ideen“ aus der Genforschung tut man diese Störungen heute als reine Hirnkrankheiten ab und favorisiert eine Vererbung.
Dabei schrieb bereits Sigmund Freud kurz vor seinem Tod in seinem Werk Abriss der Psychoanalyse (1939), dass es keine direkte Beziehung zwischen dem psychischen Leben und dem Nervensystem gebe. Neben Freud deckten auch namhafte Analytiker wie Ludwig Binswanger und Sabina Spielrein in der Schweiz, Paul Federn in Österreich sowie Karl Landauer und Frieda Fromm-Reichmann in Deutschland die Psychogenese der Schizophrenie auf. Heute beschäftigen sich unter anderem Prof. Klaus Hoffmann (Reichenau) und die International Society for Psychological and Social Approaches to Psychosis (ISPS) mit dem eigentlichen Grund dieser Erkrankungen: der Angst.
Auch Cornelius Castoriadis betont in Durchs Labyrinth (Suhrkamp), dass jeder, der behauptet, die Psychose gehe den Psychoanalytiker nichts an, „als Dilettant“ spreche. Eine solche Haltung verwandle die Analyse in eine „leere Interpretation“, die unfähig sei, den Unterschied zwischen Psychose und Neurose zu begreifen.
Unbewusste religiöse Ängste in der Psychiatrie
Da es jedoch genau diese Angst ist, die Psychiater selbst unbewusst in sich tragen, bleibt eine kausale Behandlung oft aus. In einer tiefen therapeutischen Aufarbeitung steht die Kritik an kirchlichen Dogmen und dem biblischen Gotteskonstrukt an vorderster Stelle. Solche Kritik im therapeutischen Gespräch ins Zentrum zu rücken, löst bei vielen Therapeuten jedoch existenzielle Angst aus.
„Die Hölle gibt es nicht“ – das ist oft das Äußerste, was rational formuliert wird. Doch dies entspringt nur dem Bewusstsein, in dem lediglich etwa 2 % der menschlichen Informationsverarbeitung stattfinden. In den verbleibenden 98 % des Unbewussten sieht es anders aus: Dort regiert die tief sitzende Angst. Die eigentliche „Sünde“ vieler Psychiater liegt darin, dass sie – analog zu Freud – ihren Kindheitsglauben zwar rational abgeschafft, ihn im Grunde aber „verraten“ haben. Da die Sünde verdrängt ist, bleibt der Konflikt ungelöst.

 

Die verdrängte Dimension: Psychogenese und Religion in der Tiefenpsychologie
C. G. Jung musste während seiner Zeit am Züricher Burghölzli seinen Patienten die Hölle regelrecht heimlich ausreden. Anderenfalls, so betonte der Analytiker, hätten ihn seine eigenen Kollegen für „verrückt erklärt“. Die Zeiten haben sich kaum geändert: Die DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) mahnt in ihren offiziellen Leitlinien DGPPN-Referat zur Vorsicht, um Patienten nicht suggestiv im Sinne einer bestimmten Religion zu beeinflussen. Dabei wussten die großen Pioniere der Psychoanalyse – darunter Jung, Freud, Adler und Abraham – stets um die Psychogenese: die psychische Bedingtheit von Schizophrenien durch traumatische religiöse Erlebnisse.
Was man damals über Psychosen wusste, galt gleichermaßen für Abweichungen im sexuellen Verhalten. Die tieferen Zusammenhänge waren der frühen Psychoanalyse wohlbekannt; in meinem Kapitel über Homosexualität habe ich dieses historische Wissen zusammengefasst. Heute sind an die Stelle dieses Wissens oft ideologische Verzerrungen getreten. Es ist irreführend, wenn Charlotte Wolff in ihrem Werk „Psychologie der Lesbischen Liebe“ behauptet, Sigmund Freud lasse „keinen Zweifel daran, dass Homosexualität eine normale Veranlagung und keine Neurose“ darstelle. Sie dürfte Freuds tatsächliche Beurteilung gekannt haben: Er ordnete die Homosexualität den Angst-Komplexen zu – entstanden aus einem Trauma und dessen Verdrängung –, bei denen der Weg zur Heterosexualität durch tief sitzende, in der Kindhiet vermittelte Ängste versperrt bleibt.
Schon C. G. Jung forderte vehement, dass angehende Psychiater in ihrer Lehranalyse die eigene Seele gründlichst kennenlernen müssen. Wenn die religiöse Dimension dabei phobisch ausgeklammert wird, wird der Arzt „später teuer dafür bezahlen müssen“, so Jung. Ein Psychiater, der seine eigenen seelischen Tiefen nicht versteht, kann seinen Patienten nicht helfen. Im schlimmsten Fall bezahlt er diese Unwissenheit mit einer eigenen psychischen Erkrankung oder dem Freitod. „Wenn Sie nicht richtig sind, wie kann dann der Patient richtig werden?“, fragte Jung einst einen Kollegen. Auch er stellte die „Kirchengenese“ bzw. die religiöse Verwurzelung psychischer Leiden in den Vordergrund: Jede Neurose, so Jungs Überzeugung, birgt im Kern ein ungelöstes religiöses Problem.
Die moderne Psychiatrie hat sich hinter einer Barriere aus Neuroleptika verschanzt. Diese Medikamente schützen zwar das System, beeinträchtigen oder belasten jedoch oft die Patienten. Der psychiatrische Alltag beschränkt sich heute überwiegend auf die Überwachung von Einnahme und Wirkung dieser Präparate.
Ein zentrales Problem ist der Umgang mit religiösen Schuldgefühlen: Der Begriff der „Sünde“ existiert in der psychiatrischen Nomenklatur praktisch nicht. Äußert ein Patient ein explizites „Sündengefühl“ – analog zum klassischen Schuldgefühl –, wird dies von Psychiatern schnell als religiöser Wahn eingestuft. Dies ist paradox, da die Vorstellung von Sünde und göttlicher Strafe fester Bestandteil des schulischen Religionsunterrichts ist. Während diese Inhalte dort als Wahrheit vermittelt werden, pathologisiert die Psychiatrie dieselben Gedanken später als paranoide Wahnideen. Diagnosen dieser Art führen nicht selten dazu, dass berechtigte existenzielle Ängste ignoriert werden. Kommt es in der Folge zu Suiziden, wird die Ursache oft vorschnell auf eine vermeintliche genetische Veranlagung geschoben – für die es bis heute keine wissenschaftlichen Belege gibt.
Zudem neigt die Institution dazu, Kritik an ihrer Praxis systematisch zu blockieren. Fachfremde Kritiker werden handlungsunfähig gemacht oder pathologisiert. Diese Dynamik beschreibt auch Sophie Dannenberg in ihrem Roman Teufelsberg, in dem sie ein tiefes Misstrauen gegenüber der psychiatrischen Profession zum Ausdruck bringt. Sie habe "Mitleid" mit Psychiatern: "Weil das erbärmliche Figuren sind. Ahnungslos, ratlos, dafür maßlos eitel. Sie benehmen sich wie ostelbische Gutsbesitzer". Nun, solche "Gutsbesitzer" gibt es tatsächlich. Das Verhalten ist meist Ausdruck von Unsicherheit und narzisstischer Schwäche.
Was ist Narzissmus?
Ein Narziss ist primär keineswegs in sich selbst verliebt – im Gegenteil. Häufig leidet er bereits als Kind unter realen oder vermeintlichen Schwächen. Um sich selbst zu schützen, flüchtet er in ein Rollenspiel: Er legt sich einen scheinbar selbstsicheren, gar phantastisch überlegenen Anstrich zu, um seine tiefen Minderwertigkeitsgefühle zu bekämpfen. Mit den Jahren verfestigt sich diese Fassade, bis er sie selbst für die Realität hält. Im Unbewussten regiert jedoch weiterhin das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit – getreu dem Motto: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“ Wird diese Rolle gestört oder das „Rumpelstilzchen“ gar komplett enttarnt, reagieren Betroffene mit Depressionen, eisigem Schweigen oder offener Aggression.
In meiner eigenen Erfahrung mit der narzisstisch geprägten Psychiatrie habe ich genau dies erlebt: Schweigen und Aggression. Wo Fachwissen fehlt, darf sich ein Psychiater keine Blöße geben. Bezeichnend hierfür ist ein Artikel in der Zeitschrift „Psychologie heute“ (Mai 2014, S. 44). Eine dort zitierte Studie zeigt: Bis zu 90 % der Psychotherapeuten halten sich für besser als ihre Kollegen. „Wenn es um ihre beruflichen Fähigkeiten geht, bersten Psychotherapeuten schier vor Selbstbewusstsein“, heißt es in dem Bericht. Einige verstünden demnach gar nicht, was ihre Klienten eigentlich sagen, oder hörten erst gar nicht hin. Das Fazit des Blattes: „In ihren Tagträumen sind die meisten Psychoheiler fantastisch…“ Es scheint, als bräuchten manche Psychoanalytiker selbst dringend die Hilfe eines guten Analytikers.
Notfälle? In der Psychiatrie ein Fremdwort?
Natürlich darf man nicht alle Psychiater und psychologischen Psychotherapeuten über einen Kamm scheren. Es gibt sie selbstverständlich: die korrekten Kollegen. Jene, die umgehend Notfalltermine vergeben und Patienten mit Symptomen wie anhaltenden Kopfschmerzen oder Schwindel (mit dem ernsten Verdacht auf einen Gehirntumor) sowie akuten Depressionen (unter Suizidgefahr) sofort einbestellen. Sie entscheiden erst nach einer persönlichen Untersuchung – und nicht vorab am Telefon –, ob ein Fall neun Monate Zeit hat oder keinen einzigen Tag warten kann. Und es gibt sie: Kollegen, die Privatpatienten in solchen Krisen nicht bevorzugen.
Natürlich gibt es Psychiater, die bei einer Überweisung keine telefonische Vorabklärung durch den Internisten verlangen. Ein Psychiater aus Celle versuchte mich diesbezüglich zu beschwichtigen: Man könne auch als Nicht-Psychiater anhand der Schwindelsymptomatik erahnen, ob ein Gehirntumor vorliege. Das ist im Einzelfall medizinischer Unsinn und am Telefon unmöglich.
Zum Vergleich: Einem Patienten mit Brustschmerzen vergibt meine Praxishelferin sofort einen Termin, und ich untersuche ihn umgehend persönlich. Die Diagnose eines Infarkts lässt sich nicht allein durch die Schilderung des Schmerzes am Telefon ausschließen. Hier ist eine sofortige Differenzialdiagnostik vor Ort zwingend erforderlich.
Dies ist auch in der Allgemeinmedizin der Standard. Rechtlich gilt: Der Arzt-Patienten-Vertrag kommt bereits zustande, wenn der Patient der Praxishelferin am Telefon seine Beschwerden schildert. Ab diesem Moment trägt der Arzt die Verantwortung für den weiteren Verlauf und haftet bei Versäumnissen. Daher muss jeder Mediziner Kapazitäten für Akut- und Notfälle einplanen.

 

Kirchenbild in meiner Gemeinde mit Ähnlichkeit zur Rampe in Bergen Belsen.

Hier geht es allerdings nicht ins Gas, hier geht es ins ewige Feuer.

Der blinde Fleck der Psychiatrie: Warum die Androhung der Hölle kein „Märchen“ ist
Es war ein bemerkenswerter Moment auf dem Internistenkongress 2012 auf Mallorca: Gefragt, ob die Androhung ewiger Folter in kirchlichen Schriften Kinder krank machen könne, wiegelte der Berliner Chefarzt Prof. Dr. A. Diefenbacher zunächst ab – Märchen seien schließlich auch grausam. Die spätere, schriftliche Stellungnahme seines Mitarbeiterkreises goss den Irrtum dann in eine offizielle These: Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) erfordere das tatsächliche Erleben des Zustands. Da man die Hölle nicht real erleben könne, mache die bloße „Imagination“ auch nicht krank.
Diese von mir als die „Berliner-Psychiater-These“ benannte Vorstellung ist nichts Geringeres als ein schwerer Kunstfehler im psychologischen Denken. Sie widerspricht jeder menschlichen, rechtlichen und medizinischen Erfahrung. Unser Strafrecht verbietet die Bedrohung mit Verbrechen und Folter aus gutem Grund strengstens – weil die Drohung selbst, die nackte Todes- und Schmerzensangst, die menschliche Psyche zersetzt. Warum sollte dies bei der Androhung einer ewigen, unentrinnbaren Folter anders sein?
Selbst das Fachportal Seele und Gesundheit stellt klar, dass eine PTBS eben nicht nur durch objektive Gefahren für Leib und Leben entsteht, sondern maßgeblich durch Traumatisierungen der seelischen Integrität. Wer einem Kind mit unendlichen Qualen droht, betreibt systematischen psychischen Terror. Zu behaupten, dieser Terror sei harmlos, weil die Hölle nur in der Vorstellung existiert, verkennt die kindliche Realität fundamental. Für ein Kind ist die angedrohte Gefahr absolut real. Weder die Psychiatrie noch die Justiz dürfen die Augen vor diesem religiösen Missbrauch und seinen tiefen psychischen Narben länger verschließen.
In einer Psychose kann diese Integrität durch religiöse Ängste in Fragmente zerfallen. Dass verbale Gewalt über die Auslösung von Ängsten oder Aggressionen krank macht, bestätigt auch eine Langzeitstudie der Universität Pittsburgh mit 1.000 Familien (unter der Leitung von Prof. Ming-Te Wang). Aus wissenschaftlicher Sicht erscheint diese Studie fast redundant, da das Ergebnis auf der Hand liegt: Entspricht ein Trauma einem Sturz aus großer Höhe, so sind psychische Folgeschäden die logische Konsequenz. Jedes relevante Trauma hinterlässt Spuren.
Dennoch bricht die Psychiatrie an entscheidenden Stellen ihr Schweigen nicht – selbst auf wissenschaftlichen Kongressen bleibt das Wesentliche oft unerwähnt. Ein Beispiel hierfür bot der Internationale Internistenkongress 2013 auf Mallorca. Der österreichische Psychiater Prof. Dr. Herwig Scholz (Diakonie Villach) hielt dort einen Vortrag über Manie und führte aus, dass Händel das Oratorium „Messias“ in einer manischen Phase verfasst habe, was sich in religiösen Denkinhalten widerspiegele. Dass solche Inhalte bei Manien häufig auftreten, stieß im Plenum auf allgemeine Zustimmung.
In der anschließenden Diskussion thematisierte ich öffentlich (coram publico), dass beide Großkirchen Dogmen wie das Jüngste Gericht, eine ewige Hölle und das Fegefeuer vertreten. Ich stellte die Frage, wie sich diese Drohszenarien psychohygienisch auswirken. Nach einem leisen Raunen im Plenum entgegnete Scholz lediglich: „Darauf antworte ich nicht.“ Er erklärte damit nicht, dass er keine Antwort wisse, sondern verweigerte die Aussage. Aus psychologischer Sicht liegt auf der Hand, dass die Androhung metaphysischer Strafen die psychische Gesundheit von Kindern massiv belasten kann. Einem wissenschaftlichen Diskurs entzog sich der Referent hier jedoch – womöglich im Spannungsfeld zwischen seiner wissenschaftlichen Reputation und seiner Anstellung bei einem kirchlichen Träger. Scholz: Über Religion rede er mit Patienten nie. Er  weise Patienten mit entsprechendem Bedarf "sehr guten" Geistlichen zu. Da ich dieses Vorgehen kritisierte,  unterbrach der Diskussionsleiter die Diskussion. Das Thema wurde zu heiß.
In der Wochenzeitung Die Zeit (31.03.2010, S. 57) stellt ein renommierter Theologe eine bemerkenswerte Diagnose: Die ihm von der Psychiatrie Überwiesenen seien "vom Teufel" besessen. Die ebenfalls interviewte Psychoanalytikerin schweigt dazu. Das probate Mittel dagegen? Natürlich ein Exorzismus. Aus rein juristischen Gründen – man ist ja schließlich nicht dumm – holt man sich heute drei Psychoanalytiker ins Boot. Gemeinsam wird dann evaluiert, ob der Patient psychisch krank oder tatsächlich besessen ist (Die Welt, 12.05.2014, S. 23). So kann sich später kein Hausarzt beschweren, sollte der Patient im Rahmen der Teufelsaustreibung versterben – wie es etwa 1976 im tragischen Fall von Anneliese Michel geschah.
Gegen die geballte Expertise mehrerer getaufter Psychoanalytiker kommt eben kein Staatsanwalt so leicht an, ungeachtet der Verfassung der beteiligten Kollegen. Doch damit nicht genug: Häufig werden auch Psychologen als „Berater“ hinzugezogen. Unsere nicht-ärztlichen Seelenprofis sind also ebenfalls mit von der Partie. Eine der zitierten Analytikerinnen stellt fest: „Zeichen für echte Besessenheit gibt es durchschnittlich nur in zwei von zehn Fällen.“ Ein befreiender Befund: Nur in jedem fünften Patienten steckt demnach der Teufel! Um den Test zu machen, hat die Akademikerin extra ein Kruzifix über ihrer Couch aufgehängt. So einfach kann Psychiatrie sein. Und auch ihr selbst, so berichtet sie stolz, sei der Teufel bereits einmal persönlich begegnet.
In einem Gutachten für die Approbationsbehörde bewertete eine Psychiaterin mein Misstrauen gegenüber der Klinik als Wahn. Diese Einschätzung erscheint mir als Projektion, um legitime Kritik abzuwehren und Fehlverhalten zu kaschieren. Das Vorgehen der Institution folgt einem fatalen Muster: Patienten, die durch religiösen Fundamentalismus Schaden erlitten haben, werden zur „Behandlung“ an eben jene fundamentalistischen Strukturen zurückverwiesen.
Das vermeintliche Arztzimmer entpuppt sich in der Praxis als Gebetszimmer. Statt medizinischer Evidenz dominieren dort Schuldzuweisungen, Sündenregister und theologische Drohszenarien von göttlicher Strafe oder Teufelsaustreibungen. Ein solcher Ansatz führt die angebliche Folterhölle religiöser Wahnvorstellungen fort, statt sie therapeutisch aufzuarbeiten. Zudem fehlt jede professionelle Dokumentation, wie etwa ein Seelsorgebericht analog zum Arztbrief.
Den Bock zum Gärtner zu machen, treibt schwerkranke Menschen in geschlossene Abteilungen oder in den Suizid. Die Aufarbeitung existentieller Ängste gehört in die Hände qualifizierter Mediziner – und nicht in die Hände der Verursacher. Das ärztliche Mandat muss frei bleiben; es darf nicht durch klerikale Loyalitätserklärungen oder finanzielle Abhängigkeiten kompromittiert werden.
Überhaupt ist das Sprechen über die eigentlichen Erkrankungsgründe ziemlich verloren gegangen. „Aktives Zuhören“ lautet die Devise – und die ist längst zur Karikatur eines ganzen Berufszweigs verkommen: „Möchten Sie darüber reden?“ „Hmm... interessant... verstehe.“ „Ich verstehe, dass Sie so empfinden.“ „Hmm Hmm, ja ja.“ Dieses „Hmm“ wird tatsächlich in Lehrbüchern gelehrt! Am Ende heißt es dann: „Gut, dass wir darüber geredet haben.“
So dauert es Jahre, bis man vielleicht im Unbewussten ankommt und die vermeintliche „Sünde“ entdeckt, die meist gar keine war – wie das nackte Baden mit dem Brüderchen. Doch oft erreicht man nicht einmal diese frühkindliche Badewanne. Denn was vor dem vierten Lebensjahr an „Sünden“ passierte, kann autobiografisch noch gar nicht abgespeichert werden.
Dass ich über die Hölle schreibe, erwähnte ich einmal in einem Buchladen in Neustadt, in dem langjährige Psychiatriepatientinnen mit leichter Arbeit beschäftigt werden. „Das ist ja unser Problem“, murmelte eine der Patientinnen erschrocken. Genau diesen Schrecken sollte man ihnen nehmen.
Willi Butollo, Professor für Klinische Psychologie an der Uni München, schreibt in seinem Buch „Die Angst ist eine Kraft“ (Piper) über Phobien. Es gelingt ihm dabei, die anerkannt größte Angst des Menschen – die vor der Hölle – kein einziges Mal zu erwähnen. Wohl aber die Angst vor Tieren. Nur: Wenn ich Angst vor dem Kamelreiten habe, reite ich einfach nicht. Einen verinnerlichten Rachegott hingegen kann ich nicht meiden. Er sitzt den Erkrankten täglich im Nacken, obgleich er nicht existiert.
Ein einziges Mal taucht das Wort Hölle bei Butollo dann doch auf: Wenn er schreibt, dass „Spannungen im Beckenbereich“ begännen, dem Klienten „…das Leben vollends zur Hölle zu machen“. Glaubt Butollo selbst an die Hölle? Ich denke, er beantwortet uns diese Frage unbewusst selbst: Butollo: Die tiefenpsychologische Standardvorstellung besage schließlich, dass Erwachsenenängste „die stete Wiederholung frühkindlicher Ängste“ seien. Und Butollo musste in seiner Kindheit in Österreich mit großer Wahrscheinlichkeit Kirchenlieder auch über die Hölle singen. Zur Bewältigung solch starker Ängste schlägt er die Möglichkeit der „inneren Vermeidung“ vor – eine Methode, die er bei der Hölle offenbar gleich selbst anwendet: Eine Flucht z.B. in die autistoide Schweigsamkeit. Durch ihre strikte innere Vermeidung der Themen Gott, Religion, Sünde und Hölle "bewältigen"  Psychiater ihre Gottangst - leider zu Lasten ihrer Patienten.

Nun wird es wissenschaftlich.

Prof. Siegfried Elhardt gelingt das Kunststück, in seinem Werk „Tiefenpsychologie / Eine Einführung“ (Kohlhammer) im Kapitel „Angstinhalte“ die Gottes- und Höllenangst komplett zu verschweigen. Stattdessen beschränkt er sich auf „Über-Ich-Angst“ und „Gewissensangst“. Dies ist umso erstaunlicher, da Elhardt Karl Jaspers liest und zitiert. Nach Jaspers ist Furcht stets auf ein konkretes Objekt gerichtet, während Angst per se gegenstandslos ist.
Für Betroffene bleibt die Ursache einer Panikattacke oft undefinierbar – sie bricht überfallartig über sie herein. Doch der Kern dieser Panik ist psychologisch betrachtet oft eine unbewusste Gotte- und Höllenangst. Sobald eine vermeintlich diffuse Angst jedoch benannt werden kann, mutiert sie im klassischen Sinne zur Furcht: zur Gottesfurcht oder Höllenfurcht. Ist  demnach einem  Proband bewusst, dass er Angst vor der Hölle hat, hat er nach dieser Definition Höllenfurcht. Ich lehne diese Definition ab. Selbst für Mediziner ist im Sprachgebrauch sowohl verdrängte als auch bewusste Sorge vor einer Hölle Höllenangst.
Elhardt aber betont, wie wichtig es sei, unklare Angst in klarere Furcht umzuwandeln. Er verweist darauf, dass für den Erwachsenen die „kindlichen Angstbedingungen“ fortbestehen, worin der „Anachronismus der Neurose“ liege. Genau hier setzt die Kritik an: Die Angst vor der Hölle wird zwar subjektiv als diffuse Angst empfunden. Sie erfährt jedoch genau in dem Moment bereits eine halbe Heilung, in dem sie als verdrängtes Gefühl ins Bewusstsein geholt wird.