Wer ist Gott wirklich?

Es ist wirklich beides: Wichtig und müßig, sich über diese Frage Gedanken zu machen. Uns zeigt sich dieser lebendige Gott ja nicht. Seit es moderne Medien gibt, ist er stumm und gleichzeitig unsichtbar. Das spricht sehr dafür, dass Erscheinungen Gottes oder Offenbarungen seines Willens in das Gebiet von Märchen, Halluzinationen und Unwahrheiten fallen. Schon Friedrich der Große hielt die Bibel für ein orientalisches Märchenbuch. Also definieren wir Gott  doch einfach. Gott ist die bedingungslose Liebe. Man kann demnach auf den Gottesbegriff verzichten und schlicht von der Liebe reden. Doch das ist in unserer hochgläubigen Gesellschaft derzeit nicht möglich.  Heute flößt der Gesellschaft ein Leben ohne den Begriff Gott noch die größten Schrecken ein. Man könne sich als Atheist ja versündigen - und das mit der Konsequenz einer erheblichen jenseitigen Strafe. Die Macht der Religionsvertreter basiert auf dieser Angst. 

Diese unsere Gesellschaft ist hochgläubig. Daran ändern auch Kirchenaustritte kaum etwas. Psychisch Kranke meiden einen Besuch bei einem Arzt, der Kirche und "Gott" ablehnt. So ein Besuch gilt ihnen nahezu  als Sünde. Es ist richtig und notwendig für einen Therapeuten, ein neues Gottesbild in seiner Seele zu haben, eines, das sich  auch mit den Erfahrungen aus dem Dritten Reich verträgt. Wo war, wo half Gott in Auschwitz? "Er ist im Urlaub", sagten die Juden, um es sich nicht ganz mit Jahwe zu verderben. Wer Menschen "schöpft", der trägt für sie die volle Verantwortung. Und der Jahwe der Bibel hatte versprochen, seinem Volk zu helfen. Da bleibt uns nur ein Gott der bedingungslosen Liebe - und der ist außerhalb unseres Ichs und des Ichs unserer Mitmenschen kaum vorstellbar. Also Abschied vom dichotomen Gottesbild. Ich schrieb vor Jahren ein Gedicht:

Über den Wolken

Doktor, als Kind wars schön, dies stille Gebet in der Nacht, wo Hans so krank war, wo ers so schwer mit dem Magen hatte damals, dies Gebet, er möge helfen, s war Hilfe für mich in der Not - und Hilfe für mein Kind , s wär schad, wenns nicht son Gott hätte, was meinen Sie, Doktor.

Ja, ist schön fürn Kind, immer jemand zu haben - auch wenns alleine ist, immer jemand haben zum Danken und Bitten, s Kind sollte nur wissen, dass er nicht immer helfen kann, auch wenn ers möchte nicht immer kann, unds Kind sollte auch wissen, dass Gott die Liebe ist, stark und manchmal schwach, wie die Liebe nun mal ist, und dass sie in jedem Menschen ist, mal mehr, mal weniger, und dasses Kind immer einen Menschen bitten kann in der Not und weiß, es ist dann auch immer Gott, den man da bittet, die Liebe im Menschen, Gott im Menschen, und das kann ja auchn Trost sein, und vielleicht ist die Hilfe dann auch greifbarer, die Gotteshilfe, wenn sie vom Menschen her kommt, greifbarer als eine Hilfe von einem zwar nahen, aber doch so fernen Gott, einem Gott in den Wolken, über den Wolken.

Der oben skizzierte  Gott geschieht selten im Gottesdienst, er geschieht draußen, in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Hilfe von Mensch zu Mensch, in der guten Nachbarschaft, im Zurückstellen eigener Bedürfnisse, in der ständigen Sorge um den Mitmenschen. In der Sorge auch um den Andersartigen, um den Ausländer und den Andersfarbigen. Eine Definition, der man sich anschließen kann - oder nicht. Er ist in uns, wenn wir lieben.  Ich kenne auch einige Atheisten, die mit diesem Gottesbild  gut umgehen können.

Und unsere Kinder? Etwa 600 Rache- bzw. Gewalttaten dieses "Gottes" zählte Bischöfin Käßmann in der Bibel. Kinder macht er regelmäßig krank, da sie Realisten sind, die Endlösungen wie die Sintflut und Gomorrha nicht verstehen und nicht gutheißen, sondern als exzessive Gewalt wahrnehmen, ganz im Gegensatz zu meist verdrängenden Erwachsenen. Käßmann sieht in der Flutstory einen Akt Gottes, der Kindern letztlich (über einen Regenbogen) Gottvertrauen bringe. Das ist im Freud-sinn  paranoid.  Gott einen Holocaust zuzuschreiben, der definitiv nicht stattfand, ist Blasphemie. Der berühmte Regenbogen vor ca. 6000 Jahren, das wissen heutige Kinder, war kein Zeichen Gottes. Sie lernen: Regenbögen entstehen durch Lichtbrechungen. Und: Naturkatastrophen schickt der liebe Gott nicht.   Prälat Davino meinte das Gegenteil: Gott setze damit Zeichen.  

Es gibt jüngere Pastoren, die offiziell einen liebevollen Gott schon heute predigen. Aber Vorsicht: Schuld, Angst und Hölle kommen bei ihnen oft durch die Hintertür.  „Wer sich in der Liebe verliert, der ist nicht verloren.“ Hier kommt das Verlorensein doch noch  hochpathogen daher (Quelle: Zeitung „Die Welt“ vom 27.12.2010). In einer Weihnachtspredigt äußert ein Pastor 2010: „So hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn hingab.“ Das ist nicht wirklich modern, denn ein liebevoller Vater-Gott hätte nie jemanden an ein Kreuz hingegeben. Das schrieb  Papst Benedikt noch als Kardinal. Wo? In "Einführung in das Christentum", Kösel.